Vor einigen Jahren galt Zolgensma mit Kosten von rund zwei Millionen Euro als teuerstes Arzneimittel der Welt. Nun prüft die US-Arzneimittelbehörde FDA nach eigenen Angaben Berichte über Krebserkrankungen bei mehreren Kindern, die mit der Gentherapie behandelt wurden.
Das Medikament des Pharmakonzerns Novartis ist in den USA seit 2019 und in Europa seit 2020 für Kinder unter zwei Jahren zugelassen. Es wird zur Behandlung der spinalen Muskelatrophie (SMA) eingesetzt, einer seltenen erblichen Erkrankung, die zu Muskelschwund führt und oft schon vor dem zweiten Geburtstag tödlich verläuft.
Nach Angaben der Patientenorganisation SMA Europe, die sich auf ein Schreiben von Novartis beruft, wurden seit der Zulassung weltweit mehr als 6.000 Patienten mit Zolgensma behandelt. Beim Unternehmen seien bislang neun Meldungen über Tumorerkrankungen bei behandelten Patienten eingegangen.
Vektor-DNA in Tumorgewebe gefunden
Zolgensma soll die genetische Ursache der Erkrankung bekämpfen. Die Therapie wird einmalig intravenös verabreicht und soll die Funktion des fehlenden oder defekten SMN1-Gens ersetzen. Dafür kommen veränderte Viren, sogenannte AAV-Vektoren, zum Einsatz, die eine gesunde Genkopie in die Körperzellen transportieren.
Genau dieser Mechanismus könnte nach Einschätzung der FDA eine Rolle spielen. Die nach der Behandlung gemeldeten Tumore betrafen demnach das zentrale und periphere Nervensystem, den Bereich der Wirbelsäule sowie die Niere. In zwei Fällen wurde im Tumorgewebe DNA des bei der Therapie verwendeten Virus nachgewiesen.
Beide betroffenen Kinder seien behandelt worden und würden weiter überwacht, teilte SMA Europe unter Verweis auf Novartis mit. Das Unternehmen weist zudem darauf hin, dass in der Fachinformation bereits auf ein mögliches Tumorrisiko durch die Integration von Vektor-DNA hingewiesen werde.
Auch andere Gentherapien im Blick
AAV-Vektoren werden nicht nur bei Zolgensma, sondern auch bei anderen Gentherapien eingesetzt. Die FDA verweist ausdrücklich auf zwei kürzlich veröffentlichte Fachberichte, in denen Krebsfälle im Zusammenhang mit vergleichbaren Behandlungen beschrieben werden. Die Behörde beobachte das Risiko von Neubildungen und bösartigen Tumoren bei ähnlichen, auf AAV-Vektoren basierenden Gentherapien sehr genau. Ob regulatorische Schritte notwendig sind, werde derzeit geprüft.
Gleichzeitig betont die FDA, dass der Nutzen von Zolgensma nach aktuellem Stand weiterhin höher eingeschätzt werde als die möglichen Risiken.
Experte: Hinweise gehen über bloßen Zeitbezug hinaus
Der Freiburger Gentherapie-Experte Toni Cathomen, Direktor des Instituts für Transfusionsmedizin und Genttherapie am Universitätsklinikum Freiburg, bewertet den möglichen Mechanismus als wissenschaftlich nicht überraschend. Neu sei jedoch, dass es nun ein bereits zugelassenes und breit eingesetztes Produkt betreffe.
Bei den beiden Kindern, in deren Erbgut die Vektor-DNA nachgewiesen wurde, gehe die Evidenz nach seiner Einschätzung deutlich über einen reinen zeitlichen Zusammenhang hinaus. Aus Tierversuchen sei seit Langem bekannt, dass solche Gentherapien Krebs auslösen können. Inzwischen gebe es entsprechende Befunde bei vier Kindern: zwei nach experimentellen Gentherapien anderer Erkrankungen und zwei nach einer Behandlung mit Zolgensma.
Langfristiges Risiko weiter unklar
Wie hoch das langfristige Krebsrisiko tatsächlich ist, lässt sich laut Cathomen derzeit jedoch nicht verlässlich beziffern. Neun Tumormeldungen bei mehr als 6.000 behandelten Patienten ergäben noch keine belastbare Risikorate. Nicht jeder Tumor müsse durch die Therapie verursacht worden sein, zudem unterschieden sich die Nachbeobachtungszeiten und die molekulare Aufarbeitung der Fälle sei bislang unvollständig.
Zugleich könne Zolgensma das Überleben und die motorische Entwicklung von Kindern mit SMA deutlich verbessern. Eine aktuelle Nutzen-Risiko-Bewertung müsse die neuen Befunde aber berücksichtigen. Nach Ansicht des Experten sind nun aktualisierte Aufklärung, transparente Falldaten und eine konsequente Langzeitnachsorge erforderlich.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber