Schaltsekunde vor dem Aus: Internationale Zeitwächter wollen System beenden
Um Atomzeit und Erdrotation bislang möglichst genau aufeinander abzustimmen, wurden immer wieder sogenannte Schaltsekunden eingefügt. Dieses Verfahren könnte jedoch bald Geschichte sein. Die Generalkonferenz für Maß und Gewicht (CGPM) plant, die Zusatz- oder Abzugssekunde abzuschaffen, um die internationale Zeitmessung verlässlicher und stabiler zu machen. Die endgültige Bestätigung der Entscheidung soll am 15. Oktober in Versailles erfolgen.
Warum es Schaltsekunden überhaupt gibt
Die weltweite Zeitmessung stützt sich auf zwei unterschiedliche Grundlagen. Die Koordinierte Weltzeit (UTC) richtet sich nach hochpräzisen Atomuhren. Daneben gibt es die Universalzeit UT1, die sich an der tatsächlichen Rotation der Erde orientiert.
Während Atomuhren absolut gleichmäßig laufen, ist die Drehgeschwindigkeit unseres Planeten nicht völlig konstant. Sie verändert sich leicht – von Tag zu Tag, saisonal und auch über längere Zeiträume. Dadurch driften beide Zeitsysteme langsam auseinander.
Damit der Unterschied nicht zu groß wird, gilt bisher eine Obergrenze von 0,9 Sekunden. Nähert sich die Abweichung diesem Wert, wird mit einer Schaltsekunde korrigiert. Seit Einführung dieses Systems im Jahr 1972 geschah das 27 Mal. Zuständig ist der Internationale Erdrotations- und Referenzsystemdienst (IERS). Die bislang letzte Schaltsekunde wurde Ende 2016 eingefügt.
In der Praxis wurde diese zusätzliche Sekunde stets entweder am 30. Juni oder am 31. Dezember angehängt. Eine Minute dauerte dann ausnahmsweise 61 statt 60 Sekunden.
Warum die Schaltsekunde problematisch ist
Im Alltag bemerken Menschen diese Korrektur kaum. Für Computersysteme und digitale Netzwerke kann sie allerdings Schwierigkeiten verursachen. Gerade in sensiblen Bereichen wie Stromversorgung, Telekommunikation oder Verkehrssystemen ist eine möglichst gleichmäßige und unterbrechungsfreie Zeitbasis wichtig.
Weshalb gerade jetzt gehandelt werden soll
Langfristig wird die Erdrotation durch die Anziehungskräfte von Mond und Sonne eher gebremst. In den vergangenen Jahren hat sich die Erde nach Angaben der CGPM jedoch leicht schneller gedreht. Dadurch könnte erstmals nicht das Hinzufügen, sondern das Abziehen einer Sekunde nötig werden.
Eine solche Minus-Schaltsekunde hat es bislang noch nie gegeben. Fachleute sehen darin ein Risiko, weil unklar ist, ob technische Systeme diesen Schritt problemlos verkraften würden. Die Industrie rechnet laut CGPM mit erheblichem Anpassungsaufwand und zusätzlichen Kosten.
Da die Wahrscheinlichkeit für eine solche Situation in den kommenden Jahren steigt, soll die Schaltsekunde möglichst bald ganz wegfallen – nach bisherigem Vorschlag ab dem 20. Mai 2027.
Was stattdessen geplant ist
Nach dem Vorschlag der Generalkonferenz soll UTC künftig ohne sprunghafte Ein-Sekunden-Korrekturen weiterlaufen. Stattdessen dürfte der Abstand zwischen UTC und der astronomischen Zeit deutlich größer werden: erlaubt wären künftig bis zu 3.600 Sekunden, also eine volle Stunde.
Die Hoffnung dahinter: Mit dieser Regel müsste das System über viele Jahrhunderte hinweg nicht mehr angepasst werden. Der konkrete Grenzwert wurde auch deshalb festgelegt, weil manche Software mit definierten Maximalabweichungen arbeitet.
Welche Folgen das hätte
Ohne Schaltsekunden würden sich UTC und UT1 nach und nach weiter voneinander entfernen. Die offizielle Uhrzeit würde damit langfristig stärker von der tatsächlichen Sonnenposition abweichen. Für den Alltag hätte das jedoch auf absehbare Zeit kaum Bedeutung.
Schon heute stimmt die gesetzliche Uhrzeit ohnehin nicht exakt mit der lokalen Sonnenzeit überein – unter anderem wegen Zeitzonen, der geografischen Lage und der Sommerzeit.
Spürbarer wären die Änderungen vor allem für Bereiche, die präzise mit astronomischer Zeit arbeiten. Dazu zählen etwa Astronomie und Geodäsie, also die genaue Vermessung der Erde.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber