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Hitzesommer: So schlimm steht es um Alpengletscher

Alpengletscher vor dem Kollaps: In Schweiz, Österreich und Deutschland schwindet das Eis rasant – mit Folgen fürs Trinkwasser.

01.10.2026, 08:31 Uhr

Dramatische Schmelze in den Alpen

Der schneearme Winter und die außergewöhnlich hohen Sommertemperaturen haben die Gletscher in den Alpen stark geschädigt. In der Schweiz gingen laut dem Schweizer Gletschermessnetz Glamos in diesem Jahr etwa 5,5 Prozent des gesamten Eisvolumens verloren. Die Fachleute sprechen von einem verheerenden Jahr. Auch für Österreich und Deutschland rechnen Experten mit deutlich spürbaren Einbußen.

Glamos warnt, dass Alpengletscher unter solchen klimatischen Bedingungen auf lange Sicht kaum eine Zukunft haben. Bei einzelnen Schweizer Gletschern habe die mittlere Eisdicke um 2,5 bis vier Meter abgenommen. Nur 2022 fiel der Verlust noch größer aus. Als Hauptursache nennt das Messnetz den Klimawandel. Besonders alarmierend: In den vergangenen fünf Jahren war der Eisschwund fast doppelt so hoch wie in den fünf Jahren zuvor.

Nullgradgrenze so hoch wie nie

Das Schweizer Messnetz zählt mit einer mehr als 140 Jahre langen Datenreihe zu den ältesten der Welt. Regelmäßig werden 23 der rund 1.400 Schweizer Gletscher untersucht, die Ergebnisse werden anschließend auf alle Gletscher des Landes übertragen.

Im Winterhalbjahr 2025/26 fiel laut Glamos in sämtlichen Höhenlagen deutlich weniger Schnee als im langjährigen Durchschnitt. An 76 Tagen lag die Nullgradgrenze über 4.000 Metern – ein bisher unerreichter Wert. Dadurch verschwand die schützende Schneedecke auf manchen Gletschern schon im Juni. Im September war selbst in 3.500 Metern Höhe kein Schnee mehr vorhanden.

Weniger Eis, weniger Wasserreserven

Von Juli bis September verloren die Schweizer Gletscher insgesamt rund 2.200 Milliarden Liter Wasser. Das entspricht mehr als dem Vierfachen des jährlichen Trinkwasserbedarfs aller Haushalte in der Schweiz. Zwar hilft das zusätzliche Schmelzwasser derzeit noch dabei, sommerliche Trockenphasen abzufedern. Doch mit der weiter schrumpfenden Eisfläche lässt dieser Effekt spürbar nach.

Gletscher in den Alpen in Österreich
Immer mehr Fels, immer weniger Eis in Österreich (Archivbild) Quelle: Christian Thiele/dpa

Mehrere kleine Gletscher gelten inzwischen als verschwunden, darunter der Bella-Tola-Gletscher im Wallis und der Plattalvagletscher, auch Griessfirn genannt, in Glarus. Bei den Gletschern Allalin, Clariden, Großer Aletsch und Rhone wurde laut Glamos in diesem Jahr die stärkste Schmelze seit Beginn der Messungen registriert.

Österreich: Gletscher verlieren massiv an Länge und Masse

Auch in Österreich zeigt sich ein düsteres Bild. Freiwillige des Alpenvereins dokumentieren derzeit die Folgen des abgelaufenen Sommers. Nach Angaben von ÖAV-Experte Andreas Kellerer-Pirklbauer stoßen die Teams auf einen massiven Rückgang von Gletscherlänge und Eismasse. Beim größten österreichischen Gletscher, der Pasterze am Großglockner, deutet sich sogar ein möglicher Rekordverlust an.

Der Pasterze setzt nicht nur die direkte Sonneneinstrahlung zu. Sie wird außerdem durch Schmelzwasser von innen regelrecht ausgehöhlt. Kellerer-Pirklbauer vergleicht das mit einem Käse, der von innen durchlöchert wird.

Wie stark der Rückgang bereits ist, zeigt das jüngste Gletscherinventar Österreichs: Innerhalb von 20 Jahren verringerte sich die Eisfläche in den Bergen um 31 Prozent auf nur noch 285 Quadratkilometer. Die im September veröffentlichten Daten beziehen sich auf das Jahr 2023.

Deutschland könnte bald gletscherfrei sein

Auch die letzten vier deutschen Gletscher leiden weiter unter der Wärme. Bereits bis 2025 verloren sie innerhalb von nur zwei Jahren mehr als ein Viertel ihrer Fläche. Insgesamt verschwanden rund eine Million Kubikmeter Eis. Das ergaben Vermessungen des Geografen Wilfried Hagg von der Hochschule München und des Glaziologen Christoph Mayer von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Auch für dieses Jahr rechnen Fachleute erneut mit deutlichen Verlusten, unter anderem an der Umweltforschungsstation Schneefernerhaus auf der Zugspitze.

Vom Blaueisgletscher und vom Watzmanngletscher in den Berchtesgadener Alpen sind nur noch kleine Überreste übrig. Sie könnten ihren Gletscherstatus schon bald verlieren. Bis zum Ende des Jahrzehnts könnte auch der Nördliche Schneeferner an der Zugspitze betroffen sein. Am längsten dürfte sich nach derzeitiger Einschätzung noch der Höllentalferner halten. Doch selbst ihm geben Wissenschaftler nur noch höchstens zehn Jahre. Danach hätte Deutschland voraussichtlich keinen Gletscher mehr.

Felssturz an der Zugspitze lenkt Blick auf tauenden Permafrost

Für Aufsehen sorgte zuletzt ein Felssturz an der Zugspitze. Ein Zusammenhang mit den hohen Temperaturen des Sommers gilt als möglich. Der Abbruch ereignete sich in etwa 2.800 Metern Höhe. Dort ist der Untergrund in tieferen Schichten teilweise dauerhaft gefroren. Es handelt sich also nicht um Gletschereis, sondern um Permafrost, der das Gestein normalerweise zusammenhält. Wenn dieser Boden auftaut, verliert der Fels an Stabilität.

Die genauen Ursachen des Felssturzes werden derzeit noch untersucht. Klar ist aber schon jetzt, dass der tauende Permafrost auch die Arbeit der Gletscherforscher erschwert. Lockeres, brüchiges Gestein erhöht das Risiko bei Vermessungen deutlich. Hinzu kommen weitere Gefahren wie mehr Spalten im schmelzenden Eis. Nach Einschätzung von Kellerer-Pirklbauer wird die Arbeit im Hochgebirge dadurch spürbar gefährlicher.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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