In Deutschland gehört die Grippeschutzimpfung für viele Menschen zum Herbst dazu. Für bestimmte Gruppen wird sie ausdrücklich empfohlen, andere können sich freiwillig impfen lassen. Der Schutz wirkt über mehrere Monate und ist auf die jeweilige Saison ausgelegt. Da sich Influenzaviren ständig verändern, muss der Impfstoff jedoch jedes Jahr neu angepasst werden.
Warum es jeden Herbst einen neuen Grippeimpfstoff gibt
Anders als viele andere Erreger verändern sich Grippeviren laufend. Deshalb enthalten die Impfstoffe Antigene von Virusvarianten, die weltweit zirkulieren. Hersteller passen die Präparate jedes Jahr an jene Stämme an, die nach Einschätzung von Fachleuten in der kommenden Saison besonders wahrscheinlich verbreitet sein werden. Darauf verweist das Paul-Ehrlich-Institut (PEI).
Grundlage dafür sind Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sowie des Ausschusses für Humanarzneimittel bei der Europäischen Arzneimittelagentur. Beobachtet werden weltweit auftretende Influenzavarianten. In der Regel wird bereits im Februar eine Einschätzung abgegeben, welche Virustypen im nächsten Winter dominieren könnten.
Was sich für die Saison 2026/2027 ändert
Für die Grippesaison 2026/2027 wurden alle drei Bestandteile des Impfstoffs ausgetauscht. Nach Angaben des PEI liegt das an veränderten Eigenschaften der zirkulierenden Viren. Entscheidend ist dabei, wie gut die durch die Impfung gebildeten Antikörper die Viren erkennen. Gegenüber den bisherigen Referenzviren seien deutliche Unterschiede festgestellt worden.
Auch der Berliner Infektiologe Leif-Erik Sander von der Charité erklärt, dass sich alle drei Stämme in den vergangenen Jahren merklich verändert hätten. Ziel der Anpassung sei es, den Impfstoff wieder besser auf die tatsächlich umlaufenden Viren abzustimmen.
Lässt sich daraus auf eine schwere Grippesaison schließen?
Nach Einschätzung von Sander eher nicht. Allein die umfassende Anpassung des Impfstoffs sei kein Hinweis darauf, dass eine besonders heftige Welle bevorsteht. Mit der vergleichsweise neuen Influenza-Variante A(H3N2) der Subklade K seien bereits im vergangenen Jahr viele Menschen in Berührung gekommen. Zudem wurde der Impfstoff nun gezielt darauf abgestimmt.
Zwar war die vergangene Saison von vielen Erkrankungen und einer hohen Belastung der Kliniken geprägt, insgesamt sei sie aber nicht außergewöhnlich schwer gewesen. Auch auf der Südhalbkugel, wo der Winter gerade endet, wurde bislang keine besonders dramatische Grippesaison beobachtet.
Das PEI betont zugleich, dass sich der Verlauf einer Influenzasaison nie exakt vorhersagen lässt. Wie gut die Impfung schützt, hängt davon ab, wie genau die ausgewählten Stämme zu den später tatsächlich zirkulierenden Viren passen. Auch Alter, frühere Infektionen und bereits erfolgte Impfungen beeinflussen den Schutz. Hinzu kommt: Die Wirkung nimmt mit der Zeit ab. Dennoch können auch weniger treffgenaue Impfstoffe viele Erkrankungen verhindern oder zumindest für mildere Verläufe sorgen.
Also kein Grund zur Sorge?
Ganz so einfach ist es nicht. Sander weist darauf hin, dass Grippewellen zuverlässig jedes Jahr auftreten und regelmäßig zu vielen schweren Erkrankungen und Todesfällen führen. Die Belastung für das Gesundheitssystem sei stets hoch. Eine außergewöhnlich dramatische Welle werde derzeit allerdings nicht erwartet.
Für wen die Impfung empfohlen wird
Die Ständige Impfkommission (Stiko) rät unter anderem Menschen ab 60 Jahren zur Grippeschutzimpfung. Das gilt auch für Personen mit Vorerkrankungen, Schwangere sowie Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeeinrichtungen. Empfohlen wird die Impfung außerdem für Kinder und Jugendliche mit bestimmten chronischen Leiden, etwa Erkrankungen der Atemwege, des Herz-Kreislauf-Systems, der Leber oder der Nieren sowie bei Adipositas.
Gerade bei Kindern und Jugendlichen mit Grunderkrankungen sind die Impfquoten laut Stiko seit Jahren zu niedrig.
Impfquote in Deutschland bleibt niedrig
Nach Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI) waren in der Saison 2024/25 lediglich 34,5 Prozent der Menschen ab 60 Jahren gegen Grippe geimpft. Damit blieb mehr als die Hälfte dieser besonders gefährdeten Gruppe ohne Schutz.
Sander verweist darauf, dass die EU eigentlich eine Impfquote von 75 Prozent anstrebt. Deutschland liege davon regelmäßig deutlich entfernt. Sein Fazit: Nicht nur die Anpassung der Impfstoffe sei wichtig, sondern vor allem eine bessere Beteiligung an der Impfung.
Andere Länder schneiden besser ab. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lag der EU-Durchschnitt in der Saison 2022/23 bei 47 Prozent unter den Menschen ab 65 Jahren.
Aktuelle Lage bei Atemwegsinfektionen
Derzeit bewegt sich die Zahl akuter Atemwegserkrankungen laut RKI auf moderatem Niveau. Verursacht werden die meisten Infekte aktuell vor allem durch Erkältungsviren wie Rhino-, Parainfluenza- und Enteroviren.
Die im Abwasser gemessene Belastung mit Coronaviren bleibt weiterhin niedrig, zeigt nach Angaben des RKI seit einigen Wochen aber einen leichten Anstieg. Auch bei Influenzaviren wurde zuletzt ein leichter Zuwachs registriert.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber