Wissen

100 Tage Ebola-Chaos: Ausbruch außer Kontrolle

100 Tage Ebola im Kongo: Schon über 5.000 Fälle – und Experten warnen, dass das wahre Ausmaß noch viel schlimmer sein könnte.

22.08.2026, 04:00 Uhr

Ebola-Ausbruch im Kongo: Die wichtigsten Fragen und Antworten

Mehr als 5.000 Erkrankungen und über 2.500 Todesfälle in etwa 100 Tagen: So stellt sich derzeit die Lage des Ebola-Ausbruchs in der Demokratischen Republik Kongo dar. Ein Überblick über die wichtigsten Entwicklungen.

Wie entwickelt sich die Zahl der Fälle?

WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus warnt, dass die Epidemie noch längst nicht eingedämmt sei. Nach seiner Einschätzung handelt es sich inzwischen um den zweitgrößten jemals erfassten Ebola-Ausbruch, der sich zudem schneller ausbreite als frühere Epidemien.

Schon in der 13. Woche nach offizieller Bekanntgabe lag die Zahl der bestätigten Infektionen fast zehnmal höher als beim großen Ebola-Ausbruch in Westafrika 2014/2015 zum gleichen Zeitpunkt. Auch die Zahl der Todesopfer übertraf den damaligen Vergleichswert deutlich und war mehr als siebenmal so hoch. Die westafrikanische Epidemie forderte später insgesamt mehr als 11.000 Menschenleben.

Der Berliner Tropenmediziner Maximilian Gertler weist darauf hin, dass die tatsächlichen Zahlen vermutlich noch höher liegen. Viele Erkrankungen und Todesfälle würden gar nicht erfasst. Seit dem Bekanntwerden des Ausbruchs seien bereits weit über 2.000 Todesfälle registriert worden, während es im gleichen Zeitraum der Westafrika-Epidemie nur etwa 300 gewesen seien. Zudem seien die meisten neuen Fälle zuvor nicht als Kontaktpersonen bekannt gewesen. Das spreche dafür, dass ein erheblicher Teil des Infektionsgeschehens im Verborgenen bleibe.

Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation
WHO-Generaldirektor Tedros sieht den Ausbruch noch lange nicht unter Kontrolle. Quelle: Salvatore Di Nolfi/KEYSTONE/dpa

Nach Einschätzung der WHO wird die Epidemie nur dann enden, wenn jede Übertragungskette erkannt und gestoppt wird.

Ebola ist eine schwere und oft tödliche Viruserkrankung. Übertragen wird sie durch engen Kontakt sowie durch Körperflüssigkeiten. Typisch sind hohes Fieber, Durchfall und Blutungen.

Wann begann der Ausbruch tatsächlich?

Offiziell wurde der inzwischen 17. Ebola-Ausbruch im Kongo Mitte Mai gemeldet. Fachleute gehen jedoch davon aus, dass sich das Virus bereits deutlich früher verbreitet hatte. Gertler vermutet, dass der Ausbruch wohl seit mindestens Jahresbeginn lief und erst sehr spät erkannt wurde.

Warum wurde Ebola so spät entdeckt?

Ein zentrales Problem ist laut Gertler, dass Ebola zu Beginn keine eindeutigen Symptome verursacht. Betroffene leiden zunächst an Fieber, Schwäche, Kopf- und Gliederschmerzen – Beschwerden, die auch bei Malaria oder grippalen Infekten auftreten.

Wenn dann Labordiagnostik fehlt und Erkrankte aus Angst oder Misstrauen ohnehin schwache Gesundheitseinrichtungen meiden, ist eine schnelle Diagnose kaum möglich.

Welche Regionen sind betroffen?

Zu Beginn war nur die nordöstliche Provinz Ituri betroffen. Inzwischen wurden Infektionen in sechs Provinzen des zentralafrikanischen Landes registriert.

Besonders problematisch ist nach Angaben von Gertler, dass immer mehr Fälle in abgelegenen Regionen auftreten. Diese Gebiete sind dünn besiedelt, schwer erreichbar und häufig unsicher. Dadurch kommen Tests, Isolation, Behandlung und Aufklärung nur mit großer Verzögerung bei den Menschen an.

Wie wird der Ausbruch bekämpft?

In größeren Städten wie Bunia, der Hauptstadt der Provinz Ituri, konnten Behandlung und Diagnostik vergleichsweise rasch ausgebaut werden. Ärzte ohne Grenzen betreibt dort sowie in Nord-Kivu, Süd-Kivu und Tshopo insgesamt sieben Behandlungszentren und mehrere Isolierstationen. In Tshopo entsteht derzeit ein weiteres Zentrum.

Nach Angaben Gertlers stehen damit in der Region rund 430 Betten und mehr als 1.400 Mitarbeitende zur Verfügung. Wo Patientinnen und Patienten tatsächlich versorgt werden könnten, wachse auch das Vertrauen in die Helfer. Das führe dazu, dass Betroffene früher kämen und Kontaktpersonen besser identifiziert werden könnten.

Auf dem Land gebe es jedoch weiterhin große Lücken. Vor allem der Mangel an schneller Diagnostik sei gravierend. Ohne verlässliche Tests lasse sich weder sicher feststellen, wer erkrankt ist, noch wer nicht. Gerade in ländlichen Gebieten müssten daher dringend mehr Isolierstationen geschaffen werden.

Welche Hindernisse erschweren die Eindämmung?

Im Osten und Nordosten des Kongo belasten bewaffnete Konflikte und zahlreiche Rebellengruppen die Lage seit Jahrzehnten. Die unsichere Situation behindert auch den Zugang für medizinische Teams.

Hinzu kommen Einschränkungen im Grenz- und Flugverkehr, die laut Gertler die Anlieferung von Medikamenten, Hilfsgütern und spezialisiertem Personal massiv verzögern.

Zusätzlich rückt die nächste Regenzeit näher. Dann steigen üblicherweise auch andere Infektionskrankheiten wie Malaria, Cholera, Masern oder Atemwegsinfekte stark an. Vor allem Malaria führt zu vielen Fieberfällen, die diagnostisch von Ebola abgegrenzt werden müssen. Das könnte die ohnehin angespannte Lage weiter verschärfen.

Yap Boum, Direktor für Notfalleinsätze bei Africa CDC, berichtete außerdem, dass in der vergangenen Woche 97 Prozent der Todesfälle nicht in Ebola-Behandlungszentren auftraten, sondern in Dörfern, Ortschaften oder Krankenhäusern ohne Isolierstationen. Dort würden Ebola-Fälle oft nicht erkannt. Ein Grund dafür sei, dass der aktuelle Bundibugyo-Erreger häufig ein vergleichsweise milderes Krankheitsbild verursache. Deshalb suchten viele Betroffene keine spezialisierten Zentren auf. Schätzungen zufolge würden nur 30 bis 40 Prozent aller Fälle entdeckt.

Wirkt der Impfstoff Ervebo auch gegen den Bundibugyo-Erreger?

Die Internationale Koordinierungsgruppe für Impfstoffbereitstellung (ICG) hat 70.000 Dosen des Impfstoffs Ervebo freigegeben. Das Präparat ist eigentlich für Ausbrüche der Ebola-Viruskrankheit des früher sogenannten Zaire-Ebolavirus zugelassen und empfohlen.

Nach Angaben von Africa CDC sollen 20.000 Dosen in einer klinischen Phase-III-Studie eingesetzt werden, um die Wirkung gegen das Bundibugyo-Virus zu untersuchen. Weitere 50.000 Dosen sind für medizinisches Personal und andere Einsatzkräfte vorgesehen.

Ob Ervebo tatsächlich auch vor dem Bundibugyo-Virus schützt, ist derzeit noch unklar. Erste Laborergebnisse und Tierversuche deuten aber auf einen möglichen Nutzen hin. Die Studie soll dazu belastbare Daten liefern.

Droht eine Ausbreitung bis in die Millionenstadt Kinshasa?

In der vergangenen Woche wurden auch Fälle in der Provinz Tshopo bekannt. Von deren Hauptstadt Kisangani verkehren regelmäßig Schiffe über den Kongo-Fluss in die Hauptstadt Kinshasa, in der rund 17 Millionen Menschen leben.

Ein Ebola-Ausbruch in Kinshasa würde die Krise erheblich verschärfen. In der Vergangenheit wurden bereits mehrfach Cholera-Ausbrüche durch Schiffsreisende eingeschleppt. Ärzte im Kongo und internationale Helfer hoffen, dass sich ein ähnliches Szenario bei Ebola vermeiden lässt. Vorsorglich laufen bereits Trainings- und Vorbereitungsmaßnahmen.

Auch die Zentralafrikanische Republik ist alarmiert

Nach zwei Ebola-Fällen in einer Stadt der grenznahen Provinz Bas-Huéle bereitet sich auch die Zentralafrikanische Republik auf eine mögliche Ausbreitung über die Grenze vor. Laut Boum wurde dort bereits ein Labor für Ebola-Tests eingerichtet. Außerdem arbeitet die Regierung am Aufbau eines Behandlungszentrums.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

Zurück zur Startseite →
Kommentare 0
Hinterlassen Sie Ihren Kommentar

TOP Neueste Meldungen