Wirtschaft

Wie Schwarzmarkt-Kippen zum Milliarden-Hit wurden

Bis zu 100 Euro pro Stange – illegal oft nur ein Bruchteil: Warum immer mehr Raucher zu Schwarzmarkt-Kippen greifen.

03.06.2026, 05:00 Uhr

Illegale Zigaretten in Deutschland weiter auf dem Vormarsch

In Deutschland greifen Raucherinnen und Raucher nach einer Studie zunehmend zu geschmuggelten oder gefälschten Zigaretten. Nach einer Untersuchung von KPMG im Auftrag von Philip Morris International wurden 2025 schätzungsweise 1,9 Milliarden illegale Zigaretten konsumiert. Das waren rund 200 Millionen mehr als im Vorjahr und 300 Millionen mehr als 2023. Der Anteil des Schwarzmarkts am gesamten Zigarettenabsatz stieg damit von 2,2 auf 2,5 Prozent.

Für die Erhebung wurden in Deutschland etwa 100.000 leere Zigarettenpackungen aus Abfallbehältern und Entsorgungsanlagen gesammelt und auf Steuerbanderolen sowie Echtheit untersucht. Illegale Produkte werden häufig verdeckt verkauft, etwa in Hinterhöfen oder nur auf Nachfrage aus versteckten Lagerbereichen von Geschäften.

In mehreren Nachbarländern der EU fällt der Anteil illegaler Zigaretten noch deutlich höher aus. Nach Angaben der Studienautoren stammen manche der dort angebotenen Fälschungen sogar aus verbotenen Produktionsstätten in Deutschland. Polizei und Zoll gehen regelmäßig gegen solche Fabriken vor, können das Problem aber bislang nicht dauerhaft eindämmen. Europaweit wurden im vergangenen Jahr demnach 55,3 Milliarden gefälschte oder geschmuggelte Zigaretten verkauft – ein Plus von 5,9 Prozent gegenüber 2024.

Mehr als 100 illegale Fabriken wurden in Europa innerhalb eines Jahres entdeckt und geschlossen. Nach Einschätzung von Branchenvertretern gewinnt Deutschland für kriminelle Netzwerke an Bedeutung und entwickelt sich zunehmend vom Transitland zum Herstellungsort gefälschter Tabakwaren. Auch aus Sicht der Deutschen Zoll- und Finanzgewerkschaft wird der illegale Tabakhandel professioneller organisiert, stärker arbeitsteilig und für den Staat schwerer zu kontrollieren.

Tabakfreie Nikotinbeutel
Nikotinbeutel in einer Dose – diese Exemplare sind legal, viele andere illegal. Quelle: Robert Michael/dpa

Frankreich bleibt Zentrum des europäischen Zigaretten-Schwarzmarkts

Besonders stark betroffen ist Frankreich. Dort lag der Anteil illegaler Zigaretten am Gesamtmarkt laut Studie bei 41,4 Prozent. Insgesamt wurden 20,5 Milliarden unversteuerte oder gefälschte Zigaretten abgesetzt – 1,8 Milliarden mehr als 2024. Ein wesentlicher Grund dürften die hohen Verkaufspreise sein, die illegale Geschäfte besonders lukrativ machen.

Während eine Packung mit 20 Zigaretten in Deutschland 2024 im Schnitt 7,33 Euro kostete, lag der Durchschnittspreis in Frankreich bei 12,07 Euro. Inzwischen sind die Preise weiter gestiegen, vor allem bei Markenprodukten.

Auch Belgien verzeichnet laut der Untersuchung erhebliche Probleme. Dort wurden innerhalb eines Jahres 2,1 Milliarden illegale Zigaretten verkauft – und damit mehr als in Deutschland, obwohl dort deutlich weniger Menschen leben. Die entgangenen Steuereinnahmen beziffern die Autoren für Belgien auf knapp eine Milliarde Euro. In Deutschland wird der Steuerschaden auf rund eine halbe Milliarde Euro geschätzt.

Der Bundesverband der Tabakwirtschaft warnt deshalb vor starken Tabaksteuererhöhungen. Höhere Preise könnten aus seiner Sicht die Gewinne organisierter Kriminalität weiter steigern und den Schwarzmarkt beleben. Vertreter der Branche sprechen in diesem Zusammenhang von der Gefahr eines steuerbedingten Preissprungs.

Widerspruch kommt vom Deutschen Krebsforschungszentrum. Dort heißt es, höhere Tabaksteuern seien eines der wirksamsten Mittel, um insbesondere junge Menschen vom Rauchen abzuhalten und Raucherinnen und Raucher zum Ausstieg zu bewegen. Langfristig könnten dadurch auch hohe Folgekosten für das Gesundheitssystem sinken.

Auch Nikotinbeutel rücken in den Fokus

Erstmals untersuchte die Studie auch den Markt für Nikotinbeutel. Dabei handelt es sich um tabakfreie Beutel, die im Mund zwischen Zahnfleisch und Wange platziert werden und über die Nikotin aufgenommen wird. In Deutschland dürfen diese Produkte nicht regulär verkauft werden, in anderen EU-Staaten hingegen schon.

Für die Untersuchung schickten die Autoren Testkäufer in Geschäfte. In etwa jedem sechsten Laden konnten sie Nikotinbeutel erwerben, obwohl der Verkauf hierzulande untersagt ist. Nach Einschätzung der Studienautoren ist dieser Markt inzwischen so attraktiv, dass auch organisierte Kriminalität eingestiegen ist. Rund ein Drittel der gekauften Produkte erwies sich demnach als Fälschung. In die Kategorie der oralen Nikotinprodukte fällt auch Snus mit Tabak, das in der Untersuchung aber nur eine geringe Rolle spielte.

Hersteller wie Philip Morris fordern eine Legalisierung von Nikotinbeuteln in Deutschland. Sie argumentieren, nur mit einem legalen Markt lasse sich der Schwarzhandel eindämmen und gleichzeitig eine vermeintlich weniger schädliche Alternative zur Zigarette anbieten. Zudem würden so Qualitätsstandards und Jugendschutz besser durchgesetzt sowie Steuereinnahmen gesichert.

Kritik daran kommt erneut aus der Krebsforschung. Fachleute warnen, dass Nikotin abhängig macht und gesundheitliche Risiken birgt. Zudem wirkten die Verpackungen oft harmlos und sprächen mit ihrer bunten Gestaltung besonders Jugendliche und junge Erwachsene an. Bei Heranwachsenden könne Nikotin die Entwicklung des Gehirns beeinträchtigen. Außerdem seien die langfristigen Folgen dieser Produkte noch nicht ausreichend erforscht.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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