Wirtschaft

VW baut billige E-Autos – doch Deutschland geht leer aus

VW setzt alles auf günstige E-Autos: ID. Polo und Cupra Raval laufen jetzt vom Band – doch ausgerechnet nicht in Deutschland.

03.06.2026, 05:30 Uhr

VW startet in Spanien die Fertigung neuer Elektro-Kleinwagen

Für den Volkswagen-Konzern beginnt in Spanien ein zentrales Projekt der laufenden Modelloffensive: In Martorell nimmt die Seat-Tochter die Produktion zweier kompakter E-Autos auf, mit denen VW das Einstiegssegment bei Elektrofahrzeugen erobern will. Dort laufen nun der ID. Polo sowie das Schwestermodell Cupra Raval vom Band. Später sollen im Werk Pamplona in Nordspanien zwei weitere Varianten von VW und Skoda folgen. Der günstigste ID. Polo soll laut Konzern weniger als 25.000 Euro kosten, der früher verfügbare Cupra Raval rund 1.000 Euro mehr.

VW misst den neuen Fahrzeugen große Bedeutung bei. Konzernchef Oliver Blume hatte bereits im Herbst erklärt, mit dieser Modellfamilie in eines der absatzstärksten Segmente der Elektromobilität vorzustoßen. Aus Sicht des Unternehmens dürfte sich der Markt für elektrische Kleinwagen in Europa nach 2030 gegenüber heute vervielfachen. VW will deshalb jährlich mehrere hunderttausend Fahrzeuge dieser Reihe verkaufen.

Prominenter Auftakt mit Pedro Sánchez

Zum Produktionsbeginn fährt der Konzern politisch und personell große Präsenz auf. Neben Blume werden Seat- und Cupra-Chef Markus Haupt sowie VW-Markenchef Thomas Schäfer erwartet. Auch Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez soll zum Start in Martorell erscheinen. Damit erhält der Termin einen ähnlich hochrangigen Rahmen wie einst der Produktionsbeginn der ersten ID-Modelle in Zwickau.

Schon bei der Premiere des Cupra Raval im April in Barcelona hatte Blume das Modell als wichtigen Schritt für die Marke bezeichnet. Der Wagen stehe für erschwingliche, emotionale und in Europa entwickelte Elektromobilität, ohne bei Technik, Sicherheit oder Gestaltung Abstriche zu machen. Auch Schäfer stellte den ID. Polo später als Beleg dafür dar, dass bezahlbare Elektromobilität alltagstauglich und nicht luxuriös sein müsse.

IAA Mobility - Weltpremiere Volkswagen ID.POLO
Auf der Automesse IAA Mobility in München war der ID. Polo im September noch im bunten Tarnkleid zu sehen. (Archivbild) Quelle: Sven Hoppe/dpa

Preislich nicht mehr so spektakulär wie angekündigt

Allerdings wirkt der angepeilte Einstiegspreis heute weniger revolutionär als noch bei der ersten Vorstellung 2023. Der Berliner Automobilexperte Frank Schwope hält rund 25.000 Euro inzwischen nicht mehr für einen echten Einstiegspreis. Diese Rolle könnte seiner Einschätzung nach eher der noch günstigere ID. Every1 übernehmen, den VW im kommenden Jahr aus Portugal bringen will. Der Preis soll bei etwa 20.000 Euro liegen.

Hinzu kommt: Zum Marktstart werden sowohl der Cupra als auch der ID. Polo zunächst nur in besser ausgestatteten Versionen mit größerer Batterie angeboten. Diese Modelle kosten deutlich über 30.000 Euro. Die günstigeren Grundversionen mit kleinerem Akku und weniger Leistung sollen erst ab Juli bestellbar sein. Die Auslieferung des ID. Polo ist in beiden Varianten ab September geplant.

Die Konkurrenz ist in diesem Preissegment bereits präsent. Renault bietet den elektrischen Twingo für rund 20.000 Euro an. Noch günstiger sind der Dacia Spring und der T03 des Stellantis-Partners Leapmotor. Auch Citroën positioniert den Elektro-C3 mit einer aktuellen Aktionsprämie bei etwas mehr als 17.000 Euro.

Später Start, aber noch mit Chancen

Nach Einschätzung von Schwope kommt VW zwar spät in dieses Marktsegment, jedoch nicht zu spät. Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management sieht sogar gute Chancen für einen gelungenen Zeitpunkt. Angesichts hoher Kraftstoffpreise und der neuen Förderung für Elektroautos in Deutschland wachse das Interesse an Stromern derzeit spürbar. Ein Startpreis von 25.000 Euro könne daher durchaus einen breiten Kundenkreis ansprechen.

Milliardeninvestitionen in Spaniens E-Offensive

Gemeinsam mit Zulieferern hat VW nach eigenen Angaben rund 10 Milliarden Euro in den Umbau seiner spanischen Standorte investiert. Allein in Martorell flossen seit 2023 etwa 3 Milliarden Euro in die Modernisierung. Dort sollen künftig bis zu 300.000 Elektroautos pro Jahr gebaut werden können. Hinzu kommen der Bau einer Batteriezellfabrik in Sagunto bei Valencia sowie die Umrüstung des Werks Pamplona. Noch in diesem Jahr sollen dort die SUV-Ableger Skoda Epiq und VW ID. Cross anlaufen.

Spanien punktet bei Kosten und Förderung

Dass VW diese Fahrzeuge nicht in Deutschland, sondern in Spanien fertigen lässt, hat vor allem wirtschaftliche Gründe. Bratzel verweist darauf, dass sich ein solches Kleinwagenprojekt in Deutschland kaum noch rentabel umsetzen lasse. In Spanien profitiert der Konzern dagegen von vergleichsweise günstiger Solarenergie für die Batteriefertigung, niedrigeren Lohnkosten in der Montage und staatlicher Unterstützung. Nach Angaben aus dem Umfeld des Projekts stellt der spanische Staat fast 400 Millionen Euro an Fördermitteln bereit.

Um die Kosten zusätzlich zu drücken, setzt VW bei den vier Modellen auf einen hohen Anteil gemeinsamer Bauteile. Etwa 80 Prozent der Komponenten sollen identisch sein – allerdings vor allem in Bereichen, die Kunden im Alltag kaum wahrnehmen. Gleichzeitig wurde die Entwicklung der Fahrzeuge bei Cupra gebündelt. Das habe Einsparungen von rund 600 Millionen Euro ermöglicht.

Für die deutschen Werke fällt der direkte Nutzen überschaubar aus. Immerhin kommen Batterien aus dem konzerneigenen Werk in Salzgitter nach Spanien. Diese Akkus gehören weiterhin zu den teuersten Komponenten eines Elektroautos. Aus Deutschland stammen allerdings zunächst nur die leistungsstärkeren Nickel-Mangan-Cobalt-Zellen für teurere Varianten. Die günstigeren Lithium-Eisenphosphat-Batterien für die Basismodelle sollen später aus Valencia geliefert werden, sobald das Werk dort in Betrieb ist.

Verbrenner-Polo weicht den neuen Stromern

In Wolfsburg löst die Verlagerung der Kleinwagenproduktion nach Spanien laut Betriebsrat keine grundsätzliche Sorge aus. Betriebsratschefin Daniela Cavallo verweist darauf, dass VW seine kleineren Verbrennermodelle schon seit Jahren nicht mehr in Deutschland baut. Der klassische Polo wurde bereits bislang in Spanien produziert – in dem Werk, das nun für neue Elektromodelle umgebaut wird. Um Kapazitäten freizumachen, verlegte VW die Produktion des Verbrenner-Polo 2024 nach Südafrika.

Cavallo betont, dass in Deutschland eher komplexere Fahrzeuge mit höheren Margen gefertigt würden als kleine Einstiegsmodelle. Dennoch könnten auch die deutschen Standorte mittelbar von günstigen Elektro-Kleinwagen profitieren. Solche Fahrzeuge könnten neue Kundinnen und Kunden an die Marke binden. Wenn diese später zu größeren Modellen wechseln, könnten davon wiederum Werke in Deutschland profitieren.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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