Wirtschaft

Warum Europas Mobilfunker jetzt nach dem All greifen

Trotz Milliarden im Mobilfunk gibt es weiter Funklöcher – jetzt soll ausgerechnet das All Deutschlands Netz retten.

19.10.2026, 11:52 Uhr

Europäische Telekom-Konzerne wollen Mobilfunk per Satellit ausbauen

Mehrere große Telekommunikationsunternehmen in Europa wollen gemeinsam daran arbeiten, Mobilfunkkunden auch in entlegenen Regionen per Satellit erreichbar zu machen. Die Deutsche Telekom, Vodafone aus Großbritannien, Telefónica aus Spanien und Orange aus Frankreich kündigten an, sich zusammen um Frequenzen für mobile Satellitendienste bewerben zu wollen. Eine entsprechende Absichtserklärung wurde bereits unterzeichnet.

Im Mittelpunkt stehen Frequenzen, die voraussichtlich ab 2029 verfügbar werden. Bislang werden sie unter anderem für Internetverbindungen in Flugzeugen genutzt.

Nach Angaben der Unternehmen soll das Vorhaben helfen, eine möglichst flächendeckende Versorgung auch in unterversorgten Gebieten sicherzustellen. Zudem solle die Widerstandsfähigkeit mobiler Netze gestärkt, kritische Kommunikation besser abgesichert und der Aufbau einer europäischen Satellitenkonstellation unterstützt werden.

Darüber hinaus sehen die beteiligten Konzerne in der Kooperation einen Beitrag zur europäischen Unabhängigkeit bei Weltrauminfrastruktur. Geplant ist, zentrale Bodeninfrastrukturen sowie wichtige Steuerungs- und Koordinierungsfunktionen in Europa aufzubauen.

Direkte Verbindung zwischen Smartphone und Satellit

Vorgesehen sind sogenannte Direct-to-Device-Dienste, kurz D2D. Dabei verbindet sich ein Smartphone in Gebieten ohne herkömmliches Mobilfunknetz direkt mit Satelliten im All. Noch ist diese Funktion in den meisten Geräten nicht integriert, in den kommenden Jahren dürfte sie jedoch zunehmend im Massenmarkt ankommen.

Im Fokus stehen vor allem die sogenannten weißen Flecken, also Gebiete ohne ausreichende Mobilfunkversorgung. Laut Daten der Bundesnetzagentur waren im Juni bei der Deutschen Telekom 1,2 Prozent der Fläche Deutschlands nicht einmal mit dem älteren 2G-Netz versorgt. Bei Vodafone lag der Anteil bei 1,7 Prozent, bei O2 Telefónica bei 1,6 Prozent. Auch auf Reisen im europäischen Ausland geraten Mobilfunkkunden immer wieder in Funklöcher.

In solchen Regionen könnten Nutzer künftig über Satelliten verbunden werden. Bekommt ein Handy keine Verbindung zu einem nahegelegenen Funkmast, soll das Gerät auf eine Satellitenverbindung umschalten und so zumindest eine Internetanbindung herstellen.

Welcher Betreiber die Satelliten bereitstellen soll, ist noch offen. Dass SpaceX mit seinem Dienst Starlink zum Zuge kommt, gilt jedoch als eher unwahrscheinlich, da das Projekt ausdrücklich auf europäische Souveränität und eine eigenständige Infrastruktur ausgerichtet ist.

Einige Fragen sind noch offen

Das Vorhaben befindet sich allerdings noch in einem frühen Stadium. Schon jetzt ist klar, dass es nicht darum geht, in abgelegenen Waldgebieten hochauflösende Videos zu streamen oder grafikintensive Smartphone-Spiele zu nutzen. Vielmehr dürfte zunächst nur ein grundlegendes Mindestmaß an Datenverbindungen angestrebt werden.

Zudem ist D2D-Satelliteninternet nicht mit klassischem Satelliteninternet gleichzusetzen. Bei herkömmlichen Angeboten erfolgt die Verbindung meist über eine separate Antenne, etwa auf dem Hausdach, auf einem Boot oder Wohnwagen. Beim D2D-Ansatz soll das Smartphone selbst direkt mit dem Satelliten kommunizieren.

Europa peilt digitale Souveränität an

Mit der Kooperation suchen Europas Telekommunikationsunternehmen den Schulterschluss, um ihre Abhängigkeit von außereuropäischen Anbietern zu verringern. Das entspricht auch politischen Forderungen nach mehr digitaler Souveränität, weil der technologische Vorsprung großer US-Konzerne in Europa zunehmend kritisch gesehen wird.

Brisant dabei: Die Deutsche Telekom hatte erst im März eine Partnerschaft mit dem US-Dienst Starlink angekündigt, um ab 2028 Mobilfunkkunden in Funklöchern per Satellit zu versorgen. Nach Angaben der beteiligten Unternehmen ersetzt die neue Absichtserklärung jedoch keine bereits bestehenden Satellitenpartnerschaften.

Zusätzliche Dynamik bekam das Thema durch Vorgaben auf EU-Ebene. Die EU-Kommission hatte knapp drei Monate nach der Starlink-Ankündigung erklärt, nichteuropäische Anbieter bei Teilen des 2-Gigahertz-Frequenzbandes ausschließen zu wollen. Der Bereich soll in drei Teile aufgeteilt werden: Ein Drittel ist laut Empfehlung für staatliche Anwendungen wie kritische Kommunikation, Sicherheit und Militär vorgesehen und soll von einem EU-Unternehmen betrieben werden.

Die beiden übrigen Drittel sind für kommerzielle Anwendungen gedacht, also etwa für Smartphones, Fitness-Tracker und andere Geräte mit D2D-Anbindung. Eines dieser Drittel soll an EU-Anbieter vergeben werden – genau auf diesen Bereich zielt das gemeinsame Vorhaben von Telekom, Vodafone, Orange und Telefónica. Das weitere Drittel soll sowohl an Betreiber aus der EU als auch an Anbieter von außerhalb vergeben werden können.

Zustimmung aus der Politik

In der Politik stößt das gemeinsame Vorgehen auf Zustimmung. Der digitalpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Johannes Schätzl, bezeichnete die Zusammenarbeit als wichtigen Schritt zur Stärkung der digitalen Souveränität Europas. Aus seiner Sicht ist Europa im Internet weiterhin zu abhängig von den USA.

Zugleich machte der SPD-Politiker deutlich, dass aus seiner Sicht weitere Maßnahmen nötig sind. Abhängigkeiten müssten nicht nur bei Satelliten- und Netztechnik, sondern auch in Bereichen wie Software, Cloud-Infrastruktur und Rechenzentren überprüft werden.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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