Wirtschaft

Warum alle Rabatt-Apps nutzen – und was daran nervt

Mit Rabatt-Apps sparen? Genau das könnte unfair sein. Warum Millionen zugreifen – und was viele Nutzer daran nervt.

15.09.2026, 14:46 Uhr

Streit um Rabatt-Apps im Einzelhandel

Apps von Supermärkten und Discountern sind für viele Kunden längst Teil des Alltags. Sie versprechen zusätzliche Rabatte, Coupons und Bonusvorteile. Genau daran entzündet sich jedoch Kritik: Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) hält solche Modelle für problematisch und wirft Lidl mit seiner App „Lidl Plus“ Benachteiligung vor. Über den Fall verhandelte am Dienstag das Brandenburgische Oberlandesgericht unter dem Aktenzeichen 6 UKl 2/25. Das Urteil soll laut Gericht am 29. September bekanntgegeben werden.

Worin sehen Verbraucherschützer das Problem?

Nach Ansicht des vzbv werden bestimmte Gruppen durch exklusive App-Rabatte benachteiligt. Genannt werden insbesondere ältere Menschen, Menschen mit Behinderung sowie Jüngere, die entsprechende Geräte oder Anwendungen oft nicht nutzen können oder dürfen.

Ähnliche Verfahren gab es bereits gegen Netto und Penny. Diese Klagen wurden allerdings unter anderem wegen mangelnder Nachweise abgewiesen. Endgültig entschieden ist die Frage damit aber noch nicht: Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig, eine Revision wurde zugelassen. Damit wird sich auch der Bundesgerichtshof mit dem Thema beschäftigen müssen. Ein Termin für die Verhandlung steht bisher nicht fest.

Welche Vorteile bieten die Händler-Apps?

Viele große Ketten setzen inzwischen auf eigene Anwendungen fürs Smartphone. Dort informieren sie über Produkte, Aktionen und Sonderpreise. Wer sich anmeldet, kann häufig zusätzlich an Treue- oder Bonusprogrammen teilnehmen.

Lidl Plus App
Die meisten Lebensmittelhändler haben eine eigene App, aber nicht alle ein Bonusprogramm. Quelle: Philip Dulian/dpa

Je nach Händler gibt es darüber exklusive Angebote, Extra-Nachlässe auf bereits reduzierte Waren oder Rabattcoupons, wenn innerhalb eines bestimmten Zeitraums ein festgelegter Einkaufswert erreicht wird.

Allerdings fällt die tatsächliche Ersparnis offenbar eher gering aus. Eine Untersuchung des Vergleichsportals Smhaggle kam vor einigen Monaten zu dem Ergebnis, dass Kunden mit solchen Apps im Schnitt nur rund ein Prozent sparen. Grundlage sind dabei die gesamten Ausgaben über mehrere Händler hinweg, da die meisten Verbraucher nicht nur bei einer Kette einkaufen.

Gibt es bei allen Händlern App-Rabatte?

Nein. Aldi Nord und Aldi Süd verzichten bewusst auf Bonusprogramme mit App-Rabatten. In einer jüngsten Werbekampagne betonten beide Unternehmen, bei Aldi gelte derselbe Preis für alle – ohne zusätzliche Bedingungen. Die Botschaft: In einer immer komplizierteren Welt sei Einfachheit wichtiger denn je.

Der Handelsexperte Stephan Rüschen von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Heilbronn hält diesen Kurs für nachvollziehbar. Bonusprogramme seien bei vielen Kunden umstritten und würden oft als zu kompliziert empfunden. Aldi bleibe mit seiner Strategie seinem Markenbild treu, wonach Einkaufen möglichst einfach sein soll. Aus seiner Sicht hat der Discounter damit eine klare Linie gezogen: Eine spätere Einführung eines Bonusprogramms könnte die Glaubwürdigkeit der Marke beschädigen.

Konkurrent Lidl reagierte inzwischen mit mehreren Videoclips auf die Aldi-Kampagne. Die Botschaft dort: Auch ohne App könne man sparen – mit App aber eben noch mehr. Laut Rüschen können beide Ansätze erfolgreich sein, weil Kunden unterschiedliche Erwartungen und Vorlieben haben.

Welchen Nutzen haben die Händler davon?

Für Händler sind diese Apps weit mehr als ein Rabattinstrument. Im Kern handelt es sich um einen Tausch: Kunden erhalten exklusive Vorteile, Unternehmen im Gegenzug wertvolle Daten und im besten Fall eine stärkere Bindung.

Durch registrierte Nutzer können Händler Einkaufsgewohnheiten besser auswerten, Zielgruppen gezielter ansprechen und womöglich sogar Kaufentscheidungen beeinflussen. Branchenkenner gehen deshalb davon aus, dass Unternehmen wie Lidl oder Rewe ihre Kunden in mancher Hinsicht genauer kennen als etwa Aldi.

Andreas Riekötter vom Handelsforschungsinstitut IFH Köln sagt, Bonusprogramme seien inzwischen fest im Alltag verankert. Gleichzeitig erkennt er aber Anzeichen von Ermüdung: Viele Menschen wollten nicht zehn oder zwanzig verschiedene Apps verwalten, nur um Rabatte mitzunehmen.

Zudem ist laut einer IFH-Analyse offen, wie stark solche Anwendungen die Kundenbindung tatsächlich langfristig verbessern. Nutzer haben im Durchschnitt 4,2 Händler-Apps installiert. Viele wechseln laut Riekötter je nach Angebot zwischen den Programmen. Oft entscheide am Ende der beste Preis – nicht die Treue zu einem einzelnen Bonusprogramm.

Wie verbreitet sind Rabatt-Apps?

Einer repräsentativen YouGov-Umfrage zufolge nutzen drei von vier Menschen in Deutschland Rabatt-Apps von Händlern wie Rewe, Lidl oder Penny. Jeder Zweite greift sogar mindestens einmal pro Woche darauf zurück.

24 Prozent verwenden solche Apps nicht. Von diesen Nichtnutzern kann sich jedoch rund ein Drittel vorstellen, sie künftig zu verwenden. Für die Umfrage wurden vom 28. bis 31. August insgesamt 2.040 Menschen ab 18 Jahren in Deutschland befragt.

Wie bewerten Verbraucher die Apps?

Die Einschätzungen fallen gemischt aus. Unter den Nutzern sagen 93 Prozent, dass sie durch die Apps beim Einkauf Geld sparen. 86 Prozent schätzen, dass sich damit aktuelle Angebote und Rabatte leichter finden lassen. 72 Prozent berichten, die Apps lieferten ihnen personalisierte und relevante Angebote. 56 Prozent sehen darin zudem eine Hilfe bei der Einkaufsplanung.

Gleichzeitig gibt es deutliche Vorbehalte. 55 Prozent aller Befragten empfinden es als unfair, dass Preisvorteile nur registrierten Nutzern offenstehen. Etwa jeder Zweite äußert Sorgen rund um Datenschutz und den Umgang mit persönlichen Informationen. 47 Prozent halten den Aufwand für zu groß, 46 Prozent empfinden Benachrichtigungen und Werbung als störend. 29 Prozent finden die Bedienung zu kompliziert oder unübersichtlich.

Debatte bleibt offen

Rabatt-Apps sind im deutschen Einzelhandel fest etabliert, stoßen aber zugleich auf wachsende Kritik. Während Händler damit auf Kundenbindung, Datenauswertung und gezielte Angebote setzen, sehen Verbraucherschützer die Gefahr einer Benachteiligung bestimmter Gruppen. Die anstehende Entscheidung des Gerichts könnte deshalb über den Einzelfall hinaus Signalwirkung für den gesamten Lebensmittelhandel haben.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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