EZB erhöht erneut die Zinsen
Die Europäische Zentralbank (EZB) hebt im Kampf gegen den durch den Iran-Krieg verschärften Ölpreisschock erneut die Zinsen an. Der für Banken und Sparer besonders wichtige Einlagenzins steigt von 2,25 auf 2,5 Prozent.
Es ist bereits die zweite Zinserhöhung in diesem Jahr. Beschlossen wurde der Schritt vom EZB-Rat, der diesmal nicht am EZB-Sitz in Frankfurt, sondern in Räumen der Bundesbank in Berlin tagte.
EZB-Präsidentin Christine Lagarde erklärte, der Konflikt im Nahen Osten sorge weiter für Inflationsdruck. Die Teuerung werde voraussichtlich noch längere Zeit deutlich über dem Zielwert der Notenbank liegen. Zugleich bleibe der Ausblick von hoher Unsicherheit geprägt.
Gut für Sparer, schlecht für Kreditnehmer
Höhere Leitzinsen verteuern in der Regel Kredite für Verbraucher und Unternehmen. Das kann die Nachfrage bremsen und damit helfen, den Preisauftrieb zu dämpfen. Sparer können dagegen profitieren, wenn Banken die besseren Konditionen an ihre Kunden weitergeben.
Für Investitionen sind steigende Zinsen jedoch eine Belastung – für private Haushalte ebenso wie für Unternehmen. Werden die Zinsen zu stark angehoben, kann das die Konjunktur ausbremsen.
Lob kam aus der Finanzbranche. DSGV-Präsident Ulrich Reuter sagte, die EZB habe konsequent gehandelt. Die höheren Energiepreise infolge der Sperrung der Straße von Hormus könne sie zwar nicht verhindern, aber sie könne dazu beitragen, dass sich die Preissteigerungen nicht dauerhaft auf breiter Front festsetzen.
Iran-Krieg heizt die Inflation an
Oberstes Ziel der EZB bleibt es, die Inflation unter Kontrolle zu halten und Preisstabilität im Euroraum zu sichern. Der seit Ende Februar andauernde Krieg zwischen den USA und dem Iran hat die Teuerung zuletzt spürbar verstärkt.
Im August lagen die Verbraucherpreise im Euroraum nach einer ersten Schätzung um 3,3 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats. Das ist die höchste Inflationsrate seit September 2023 und liegt klar über dem EZB-Ziel von mittelfristig 2,0 Prozent. Eine höhere Inflation schmälert die Kaufkraft, weil sich Verbraucher für ihr Geld weniger leisten können.
In Deutschland stieg die Inflationsrate im August wegen hoher Energiepreise auf 2,9 Prozent. Vor allem Sprit und Heizöl verteuerten sich deutlich. Der Preis für Brent-Öl kletterte zuletzt wieder über 100 Dollar je Barrel.
EZB rechnet bis mindestens 2027 mit erhöhter Inflation
Nach Einschätzung der Euro-Währungshüter müssen sich die Menschen im Euroraum bis mindestens 2027 auf erhöhte Teuerungsraten einstellen. Für das laufende Jahr erwartet die EZB eine Inflation von 3,0 Prozent. Auch in den folgenden Jahren dürfte das Ziel verfehlt werden: Für 2027 rechnet die Notenbank mit 2,5 Prozent, für 2028 mit 2,1 Prozent.
Aus Sicht von BVR-Präsidentin Marija Kolak sendet die EZB mit dem Zinsschritt ein klares Signal zur Sicherung der Preisstabilität. Stabile Preise seien eine wichtige Voraussetzung für Wachstum, Investitionen und Planungssicherheit – sowohl für Unternehmen als auch für private Haushalte.
Beim Wirtschaftswachstum zeigt sich die EZB etwas zuversichtlicher als bisher. Für 2026 erwartet sie nun ein Plus von 0,9 Prozent, für 2027 von 1,4 Prozent. Lagarde betonte zudem, dass sich sowohl die Konjunktur als auch der Arbeitsmarkt bislang robust zeigten.
Sparzinsen steigen, Baukredite werden teurer
Von höheren Zinsen profitieren zum Teil Sparer. Nach einer Analyse des Vergleichsportals Verivox sind die Tagesgeldzinsen für Neukunden gestiegen. Bei befristeten Angeboten sind in der Spitze mehr als vier Prozent möglich (Stand: 8. September). Die durchschnittlichen Festgeldzinsen bei bundesweit verfügbaren Anlagen mit zwei Jahren Laufzeit stiegen laut Verivox auf 2,55 Prozent.
Für Immobilienkäufer und Bauherren entwickeln sich die höheren Kapitalmarktzinsen dagegen nachteilig. Zwar orientieren sich Bauzinsen nicht direkt am Leitzins, doch auch sie sind gestiegen. Laut Finanztip kletterten die Effektivzinsen für Immobilienkredite mit zehn Jahren Zinsbindung auf rund 4,2 Prozent – der höchste Stand seit Ende 2023.
Weitere Zinsschritte bleiben möglich
Der Druck auf die EZB dürfte vorerst hoch bleiben. Je länger Energiepreise erhöht bleiben, desto größer ist das Risiko, dass auch andere Waren und Dienstleistungen teurer werden – etwa weil Transport oder Kühlung mehr kosten. Hinzu kommen Belastungen durch Hitze und Trockenheit, die Ernten schmälern, sowie Lieferprobleme etwa durch Niedrigwasser am Rhein. Die EZB fürchtet zudem sogenannte Zweitrundeneffekte, falls starke Lohnsteigerungen den Preisauftrieb zusätzlich verstärken.
Bereits im Juni hatte die EZB angesichts des durch den Iran-Krieg ausgelösten Inflationsschubs erstmals seit fast drei Jahren die Zinsen angehoben. Sie will verhindern, dass sich im Euroraum eine neue Preiswelle festsetzt. Nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs 2022 war die Notenbank dafür kritisiert worden, den damaligen Preisanstieg in der Energiekrise zu lange unterschätzt zu haben. Damals stieg die Inflation im Euroraum zeitweise auf mehr als zehn Prozent.
Weil sich die Teuerung zuletzt wieder deutlich verstärkt hat, halten viele Volkswirte eine weitere Zinserhöhung noch in diesem Jahr für wahrscheinlicher. Einen festen Automatismus gibt es nach Einschätzung der Experten jedoch nicht.
Lagarde und Bundesbank-Präsident Joachim Nagel äußerten sich in Berlin zudem besorgt über den Aufstieg eurokritischer Parteien wie der AfD. Lagarde betonte, der Euro sei derzeit so populär wie nie zuvor. Nagel warnte, eurokritische Konzepte seien kontraproduktiv und könnten Investoren abschrecken. Wörtlich sagte er: „Ich bin besorgt.“
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber