Wirtschaft

Reiche: Über 225 Milliarden Euro – der Mega-Plan

200 Top-Manager in Berlin – und Reiche sendet trotz Krisenstimmung ein überraschend starkes Signal für Deutschland.

20.10.2026, 10:12 Uhr

Regierung wirbt nach Investitionsgipfel mit Milliardenprojekten für den Standort Deutschland

Die Bundesregierung wertet den ersten Investitionsgipfel in Berlin als Signal für einen Stimmungswechsel nach Jahren wirtschaftlicher Schwäche. Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil sagte, in Deutschland bewege sich etwas. Zugleich erklärte er demonstrativ: „Deutschland ist zurück.“ Bundeskanzler Friedrich Merz sprach von einer erfolgreichen Investorenkonferenz und kündigte an, ein solches Format zu wiederholen.

Ziel des Treffens war es, mehr privates Kapital nach Deutschland zu holen. Merz und Klingbeil versprachen den anwesenden Unternehmenschefs, den eingeschlagenen Reformkurs fortzusetzen. Der Kanzler sagte, die Bundesregierung sei entschlossen, dem Land einen kräftigen Schub zu geben.

Rund 230 Milliarden Euro an zugesagten Investitionen

Nach Angaben von Merz wurden von den Investoren, mit denen die Bundesregierung beim Gipfel gesprochen habe, bis jetzt rund 230 Milliarden Euro an Investitionen zugesagt. Als prominentes Beispiel nannte er Amazon, das im kommenden Jahr rund 16 Milliarden Euro in Deutschland investieren will – unter anderem in Rechenzentren für AWS und in die Modernisierung von Logistikstandorten.

Merz verwies zudem auf weitere große Namen wie Nvidia, die Schwarz-Gruppe, RWE, Blackstone, Microsoft und Sanofi. Daraus leitete er die Botschaft ab, dass Deutschland weiterhin ein attraktiver Investitionsstandort sei.

Offen blieb allerdings, wie eng einzelne Zusagen tatsächlich mit dem Gipfel verknüpft sind und welche Projekte unabhängig davon ohnehin angekündigt worden wären.

Wirtschaftsministerium nennt 228,6 Milliarden Euro für große Projekte 2026

Das Bundeswirtschaftsministerium bezifferte das Volumen der größten Investitionsprojekte in Deutschland für 2026 auf 228,6 Milliarden Euro. Vorgestellt wurden die Daten beim Gipfel. Demnach entfallen 95,5 Milliarden Euro davon auf ausländische Unternehmen.

Zur Grundlage der Berechnung gehören nach Ministeriumsangaben mehr als 70 Investitionsprojekte mit einem Volumen von jeweils über 100 Millionen Euro.

Wirtschaftsministerin Katherina Reiche hatte bereits zuvor von Vorhaben über mehr als 225 Milliarden Euro gesprochen. Sie verwies dabei auf Deutschlands industrielle Substanz, die Verlässlichkeit des Standorts und die Bereitschaft zur Veränderung. Zugleich mahnte sie an, Deutschland international weiter offensiv zu bewerben. Andere Länder veranstalteten ebenfalls erfolgreiche Investitionsgipfel. „Die Konkurrenz schläft nicht“, sagte Reiche.

Klingbeil: „Ich will Ihr Geld“

Klingbeil hatte die Stoßrichtung des Treffens schon vor den Unternehmensvertretern unverblümt formuliert: „Ich will Ihr Geld.“ Nach dem Gipfel sagte er, Deutschland befinde sich wieder auf einem Wachstumspfad, betonte aber zugleich, dass weitere Anstrengungen nötig seien. Vor allem Strukturreformen müssten beschlossen werden.

Die Bundesregierung erwartet nach der langen Schwächephase in diesem Jahr wieder ein deutlich höheres Wachstum von 1,3 Prozent. Getrieben wird dies vor allem durch milliardenschwere staatliche Ausgaben auf Kredit für Infrastruktur und Verteidigung. Nach Ansicht von Politik und Wirtschaft reicht das allein jedoch nicht aus – zusätzlich werde deutlich mehr privates Kapital gebraucht.

Reformkurs soll fortgesetzt werden

Merz kündigte an, die Bedingungen für Investitionen weiter verbessern zu wollen. Dazu zählen aus Sicht der Bundesregierung weniger Bürokratie, schnellere Genehmigungen, Reformen der Sozialsysteme zur Stabilisierung der Ausgaben und mehr Flexibilität am Arbeitsmarkt.

Der Kanzler sprach von einem der ehrgeizigsten Reform- und Modernisierungsprogramme der vergangenen Jahrzehnte. Gleichzeitig bleibt die Umsetzung politisch heikel: In der schwarz-roten Koalition gibt es etwa bei der Rentenreform weiter Konflikte.

Auch Reiche hatte weitreichende Strukturreformen eingefordert. Sie sieht unter anderem bei Sozialabgaben, Bürokratiekosten, Energiepreisen und arbeitsrechtlichen Vorgaben Handlungsbedarf.

„Made for Germany“ und langfristiges Potenzial

Merz verwies außerdem auf die Unternehmensinitiative „Made for Germany“, die bis 2028 mehr als 800 Milliarden Euro in Deutschland investieren will. Diese Zahl war von der Initiative allerdings bereits Ende September bekanntgegeben worden und ist nicht neu aus dem Gipfel hervorgegangen.

Die Initiative sieht besonders große Chancen in fünf Bereichen: industrielle KI, Transformation und Zukunftstechnologien, Energiesysteme, Infrastruktur sowie Sicherheit und Verteidigung. Ein begleitender Bericht schätzt das Investitions- und Finanzierungspotenzial in diesen Feldern bis 2035 auf rund 2,9 bis 4,1 Billionen Euro.

KI bleibt ein Schlüsselthema

Ein zentrales Thema des Gipfels war die künstliche Intelligenz. Die Bundesregierung setzt darauf, dass Deutschland mit seiner starken industriellen Basis und den dort entstehenden Daten vor allem bei industriellen KI-Anwendungen eine wichtigere Rolle einnehmen kann.

Merz wirbt mit deutscher Verlässlichkeit – und mit Klischees

Um die Stärken des Standorts hervorzuheben, griff Merz in seiner Rede auch zu pointierten Klischees. Deutsche seien fleißig, zuverlässig, berechenbar und präzise, sagte er. Mit einem Augenzwinkern sprach er über frühes Aufstehen, volle Straßen schon am Morgen und das bekannte Handtuch am Strand. Seine Botschaft: Genau diese Berechenbarkeit schätzten Investoren besonders.

Investitionslücke bleibt groß

Trotz der neuen Zusagen bleibt der Nachholbedarf erheblich. Einer Studie von Allianz Research zufolge gingen die Gesamtinvestitionen in Deutschland zwischen 2019 und 2025 um 6,4 Prozent zurück. Im übrigen Euroraum stiegen sie im selben Zeitraum dagegen um 6,7 Prozent, in den USA sogar um 20,2 Prozent. Als Belastungsfaktoren gelten vor allem hohe Energiekosten, hohe Steuern und Abgaben sowie übermäßige Bürokratie.

DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier sagte, die Investitionstätigkeit in Deutschland bleibe deutlich zu schwach. Im ersten Halbjahr 2026 hätten die privaten Investitionen noch immer rund elf Prozent unter dem Vorkrisenniveau vor Corona gelegen.

Staat allein kann den Wandel nicht finanzieren

Zwar stellt der Staat über schuldenfinanzierte Programme in den kommenden Jahren viele Milliarden für Infrastruktur und den klimafreundlichen Umbau der Wirtschaft bereit. Nach Einschätzung von Regierung und Wirtschaft kann der technologische und industrielle Wandel aber nur gelingen, wenn zusätzlich deutlich mehr privates Kapital mobilisiert wird.

Zwei Tage, 200 Vorstandschefs

Der Investitionsgipfel begann am Montagabend in einem stillgelegten Kraftwerk in Berlin. Der zweite Tag fand an einer privaten Wirtschaftshochschule statt. Nach Regierungsangaben nahmen rund 200 Vorstandschefinnen und Vorstandschefs aus Deutschland und dem Ausland teil.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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