Wirtschaft

Mehr Konkurrenz im Fernverkehr: Fahrgäste im Vorteil?

Bahn-Kracher: Die DB muss Rivalen Platz machen. Fahrgäste sollen profitieren – doch drohen am Ende ganz andere Folgen?

30.06.2026, 14:20 Uhr

Bundesnetzagentur will der Bahn im Fernverkehr mehr Konkurrenz aufzwingen

Die Bundesnetzagentur plant einen tiefen Eingriff in den Fernverkehr auf der Schiene. Ziel ist es, die dominante Stellung der Deutschen Bahn aufzubrechen und Rivalen bessere Chancen auf stark nachgefragten Strecken zu geben. Nach Vorstellung der Behörde sollen Reisende davon vor allem durch günstigere Tickets und bessere Angebote profitieren.

Die Deutsche Bahn beherrscht den Fernverkehr in Deutschland bislang mit rund 95 Prozent Marktanteil. Künftig soll sie auf besonders ausgelasteten Strecken einen Teil der attraktiven Kapazitäten an Wettbewerber abgeben müssen.

Was die Behörde konkret beschlossen hat

Nach dem Beschlussentwurf der Bundesnetzagentur soll die DB-Tochter DB InfraGo auf hochbelasteten Fernverkehrsstrecken künftig nur noch 60 bis 75 Prozent der verfügbaren Trassen an ein einzelnes Unternehmen vergeben dürfen. Den genauen Wert innerhalb dieser Spanne kann InfraGo selbst festlegen.

Praktisch heißt das: Mindestens ein Viertel der Kapazitäten müsste für andere Anbieter offenstehen. Auf Korridoren mit festgelegten Kapazitätsgrenzen, etwa in den stark beanspruchten Knoten München und Frankfurt, müsste so sichergestellt werden, dass neben DB Fernverkehr mindestens ein weiterer Betreiber tatsächlich fahren kann.

Die sogenannte Wettbewerberklausel greift laut Bundesnetzagentur allerdings nur bei vertakteten Verkehren. Gemeint sind Verbindungen, die im Grundsatz mindestens viermal täglich im Zwei-Stunden-Abstand zur gleichen Minute angeboten werden.

Zusätzlich soll InfraGo auch an Bahnhöfen Platz für Konkurrenten schaffen. Flächen müssten dort nach objektiven und diskriminierungsfreien Kriterien vergeben werden.

Folgen für Reisende

Die Bundesnetzagentur verbindet mit dem Vorstoß die Hoffnung, dass mehr Wettbewerb im Fernverkehr zu niedrigeren Ticketpreisen und besserer Qualität führt. Neue Anbieter sollen es leichter haben, auf lukrativen Strecken echte Alternativen zur Deutschen Bahn anzubieten.

Die Bahn warnt hingegen vor Nebenwirkungen. Nach ihrer Darstellung könnten weniger rentable Fernverkehrsverbindungen in anderen Regionen ausgedünnt werden, wenn sie auf stark frequentierten Hauptachsen lukrative Trassen verliert. Mit den Erlösen auf diesen Rennstrecken würden heute auch Angebote in der Fläche mitfinanziert.

DB InfraGo betont zudem, dass die Regelung nicht flächendeckend gelten würde, sondern nur auf ohnehin besonders belasteten Abschnitten. Zugleich warnt das Unternehmen, dass die Vorgaben das grundsätzliche Kapazitätsproblem an wichtigen Knotenpunkten eher verschärfen könnten.

Wird der Zugverkehr dadurch pünktlicher?

Mehr Wettbewerb allein dürfte die Pünktlichkeit kaum verbessern. Die Hauptursachen für Verspätungen liegen weiterhin im maroden und vielerorts überlasteten Schienennetz. Engpässe an großen Knoten, zusätzliche Baustellen und die hohe Auslastung bremsen den gesamten Bahnverkehr. Auch ein neuer Anbieter wie Italo dürfte daran wenig ändern.

Auslöser: Italo will nach Deutschland

Hintergrund der Entscheidung ist der geplante Markteintritt des italienischen Bahnunternehmens Italo. Das Unternehmen will ab Frühjahr 2028 mit 30 Hochgeschwindigkeitszügen in Deutschland starten und 56 tägliche Verbindungen anbieten.

Geplant sind unter anderem eine stündliche Linie auf der Achse München–Frankfurt–Köln–Dortmund sowie eine Verbindung München–Berlin–Hamburg im Zwei-Stunden-Takt.

Damit sich das Investment rechnet, drängt Italo auf veränderte Wettbewerbsbedingungen und hatte sich deshalb an die Bundesnetzagentur gewandt. Das Unternehmen begrüßte die Entscheidung nun als wichtiges Signal für echten Wettbewerb im Hochgeschwindigkeitsverkehr und einen Vorteil für die Fahrgäste.

Neben Flix wäre Italo damit der zweite nennenswerte Konkurrent der Deutschen Bahn im Fernverkehr. Auch Flix hat bereits angekündigt, sein Angebot bis 2028 mit zusätzlichen Zügen und neuen Verbindungen auszubauen.

Wie es nun weitergeht

Bei dem Beschluss handelt es sich zunächst weiter um einen Entwurf. Als Nächstes wird der Eisenbahninfrastrukturbeirat dazu angehört. In rund zwei Wochen soll dann die endgültige Entscheidung fallen.

Falls die Regelung beschlossen wird, müsste DB InfraGo sie bei der Vergabe der Trassen für das Jahr 2028 anwenden.

Kritik aus der Branche

Widerstand gegen die Pläne kommt nicht nur von der Deutschen Bahn. Auch andere Akteure warnen vor möglichen Nebenwirkungen. Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG teilt die Sorge, dass durch zusätzliche Konkurrenz die Fernverkehrsanbindung in weniger dicht besiedelten Regionen leiden könnte.

Auch Verantwortliche im Schienenpersonennahverkehr äußern Bedenken. Sie befürchten, dass Regionalzüge auf einzelnen hochbelasteten Abschnitten ins Hintertreffen geraten könnten, wenn dort mehr Kapazität für zusätzliche Fernverkehrsanbieter reserviert werden muss.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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