Hamsterkäufe treiben deutsche Chemiebranche vorübergehend an
Der Krieg im Iran sorgt in der angeschlagenen deutschen Chemieindustrie kurzfristig für zusätzlichen Schwung. Viele Industriekunden stocken aus Sorge vor Lieferproblemen ihre Lager auf, weil sie angesichts des Konflikts und einer blockierten Straße von Hormus Engpässe befürchten. Nach Angaben des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) legten Produktion und Umsatz im ersten Quartal gegenüber dem Vorquartal jeweils um 2 Prozent zu.
Zuwächse gab es laut Verband in sämtlichen Sparten, unter anderem bei Basis- und Spezialchemikalien, in der Petrochemie sowie bei Körperpflegeprodukten. Der VCI wertet die zusätzlichen Aufträge zu Jahresbeginn teilweise als Vorsichtsmaßnahmen von Kunden, die sich auf mögliche Störungen im Golfraum einstellen. Zudem kam der Rückgang der Erzeugerpreise zunächst zum Stillstand. In der gesamten Chemie- und Pharmabranche stieg der saisonbereinigte Umsatz im Vergleich zum Vorquartal um 2,1 Prozent auf knapp 51 Milliarden Euro. Auch die Auslastung der Anlagen verbesserte sich, wenn auch von einem niedrigen Ausgangsniveau.
Verband warnt vor falschen Hoffnungen
Von einer echten Erholung will der VCI dennoch nicht sprechen. Für Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Verbands, ist das Plus kein Signal für eine nachhaltige Trendwende in Deutschlands drittgrößter Industrie nach Auto- und Maschinenbau. Produktion und Umsatz in der Chemie lägen weiterhin deutlich unter dem Niveau des Vorjahres. Gleichzeitig verliere der Pharmabereich an Kraft, nachdem er 2025 im Zollkonflikt mit den USA noch von vorgezogenen Bestellungen profitiert hatte.

Große Entrup sprach nicht von neuer Zuversicht, sondern von einem geopolitisch bedingten Lageraufbau. Der aktuelle Schub sei eher ein kurzfristiger Ausschlag aus Angst vor Versorgungsproblemen. Für das Gesamtjahr rechnet die Branche weiterhin mit einem Rückgang der Produktion.
Konkurrenz aus China vorerst geschwächt
Seit Jahren leidet die Chemieindustrie unter hohen Energiekosten, schwacher Konjunktur, Überkapazitäten bei Basischemikalien und dem starken Wettbewerb aus Asien. Der Preisdruck aus China hat zuletzt jedoch etwas nachgelassen. Nach Einschätzung der Branche trifft der Iran-Krieg chinesische Anbieter stärker, da sie stärker von Rohstoffen aus dem Nahen Osten abhängen als europäische Hersteller. Dadurch ebbte die Importflut aus Asien vorübergehend ab.
Davon profitieren nun auch deutsche Unternehmen. BASF konnte zuletzt spürbare Preiserhöhungen durchsetzen, und Evonik stellt sich auf ein starkes zweites Quartal ein.
Weil einige asiatische Wettbewerber derzeit nur eingeschränkt liefern können, nimmt das Überangebot bei Basischemikalien ab. Diese Stoffe sind wichtige Vorprodukte, etwa für Medikamente und Kunststoffe. Laut VCI melden insgesamt etwas mehr als ein Viertel der Unternehmen positive Nachfrageeffekte. Besonders große Hersteller im Grundstoffgeschäft profitieren davon.
Entspannung wohl nur von kurzer Dauer
Dauerhaft dürfte dieser Vorteil aber nicht sein. Sobald der Krieg endet, könnte der Wettbewerbsdruck rasch zurückkehren. Gleichzeitig wird bereits auf mögliche Engpässe bei Lösemitteln und Harzen hingewiesen.
Auch das Ifo-Institut sieht keine stabile Verbesserung für die Branche. Zwar bewerteten die Unternehmen ihre aktuelle Lage im Mai etwas besser, doch die Erwartungen für die kommenden Monate fielen auf den niedrigsten Stand seit Oktober 2022. Aus Sicht vieler Firmen handelt es sich lediglich um eine kurzfristige Belebung, nicht um einen nachhaltigen Aufschwung.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion