Wirtschaft

Handwerk boomt: Mehr Azubis als gedacht

Industrie in der Krise – und ausgerechnet das Handwerk legt zu. Warum jetzt plötzlich so viele Azubis umdenken, verrät der Präsident.

19.07.2026, 04:15 Uhr

Im Handwerk entwickelt sich die Ausbildung derzeit entgegen dem gesamtwirtschaftlichen Trend positiv. Handwerkspräsident Jörg Dittrich bezeichnete die Lage als seltenen Lichtblick in einem ansonsten schwierigen Umfeld. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur sagte er, dass sich das Handwerk auf das vierte Jahr in Folge mit steigenden Zahlen bei neuen Ausbildungsverträgen zubewege. Von Januar bis Juni 2026 seien bereits rund 67.800 neue Verträge in die Lehrlingsrollen eingetragen worden – das seien mehr als 3.160 Verträge beziehungsweise 4,9 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Dittrich sprach von einem bemerkenswerten Signal: Einen so hohen Wert im Juni habe es zuletzt 2018 gegeben. Das zeige, dass sich viele junge Menschen ganz bewusst für eine Laufbahn im Handwerk entschieden. Obwohl das Ausbildungsjahr in vielen Bundesländern schon Anfang August starte, sei ein Einstieg auch noch weit in den Herbst hinein möglich. Über die Lehrstellenbörsen der Handwerkskammern würden aktuell noch Bewerberinnen und Bewerber für 20.460 offene Ausbildungsplätze gesucht.

Zuwächse trotz schwacher Konjunktur

In manchen Kammerbezirken gebe es sogar zweistellige Wachstumsraten. Nach Angaben des Präsidenten des Zentralverbands des Deutschen Handwerks steht die Branche für stabile und attraktive Beschäftigungsmöglichkeiten. Als Beispiel nannte Dittrich einen Elektromeister aus Stuttgart mit 130 Beschäftigten. Dieser habe in der Vergangenheit im Umfeld der Automobilindustrie große Schwierigkeiten gehabt, drei oder vier Ausbildungsplätze zu besetzen. Inzwischen liege die Zahl der Bewerbungen dort bei 90.

Handwerkspräsident Dittrich
Handwerkspräsident Jörg Dittrich spricht von einer nachdrücklichen Botschaft: «Junge Menschen entscheiden sich bewusst für das Handwerk.» Quelle: Michael Kappeler/dpa

Ein Grund dafür sei die schwierige Lage in vielen Industriezweigen. Dittrich führte mehrere Ursachen für das steigende Interesse am Handwerk an:

  1. Künstliche Intelligenz: Viele junge Menschen sähen im Handwerk eine verlässliche berufliche Perspektive.
  2. Image und Werbung: Die Kampagnen des Handwerks und die verstärkte Öffentlichkeitsarbeit zeigten Wirkung.
  3. Bessere Aussichten: Einkommen und Karrierechancen hätten sich in vielen Gewerken verbessert.
  4. Weniger Industrie-Ausbildungsplätze: Teile der Industrie hätten wegen der weltwirtschaftlichen Lage ihre Ausbildungsangebote deutlich reduziert.

Forderung nach besserer Finanzierung der Bildungszentren

Angesichts der wachsenden Rolle des Handwerks in der Ausbildung fordert Dittrich mehr politische Anerkennung und bessere finanzielle Unterstützung. Die Gleichwertigkeit von akademischer und beruflicher Bildung müsse endlich auch gesetzlich festgeschrieben werden. Zudem müsse sich diese Gleichstellung klar in der Finanzierung widerspiegeln.

Besonders kritisch sieht Dittrich den Zustand vieler Bildungszentren. Dort gebe es einen erheblichen Sanierungsstau. Es reiche nicht, diesen nur festzustellen – die Modernisierung müsse auch finanziell abgesichert werden. Es sei nicht hinnehmbar, junge Menschen in Einrichtungen auszubilden, die 30, 40 oder sogar 50 Jahre alt seien und dringend erneuert werden müssten.

Nach Ansicht Dittrichs müsse der Investitionsstau bei Bildungszentren ähnlich ernst genommen werden wie der bei maroden Brücken. Die nötige vollständige Finanzierung fehle bislang jedoch.

Zugleich sprach er sich gegen Kürzungen bestehender Förderangebote aus. So solle das Programm „Passgenaue Besetzung und Willkommenslotsen“ Ende 2027 auslaufen. Dittrich warnte davor, damit über Jahre gewachsene regionale Netzwerke und erfolgreiche Unterstützungsstrukturen zu gefährden.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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