Kultur

Tausende tanzen: Warum der Kocherlball fasziniert

Einst verboten, heute Kult? Warum der Kocherlball nach 140 Jahren Massen anzieht – und welcher große Plan dahintersteckt.

19.07.2026, 04:01 Uhr

Rund 12.000 Menschen feiern Kocherlball trotz Regenschauern im Englischen Garten

Trotz Regenwolken und einzelner Schauer haben am frühen Sonntagmorgen rund 12.000 Menschen den Kocherlball am Chinesischen Turm im Münchner Englischen Garten gefeiert. Ab 6.00 Uhr wurde wieder getanzt, und selbst das nasse Wetter konnte das dichte Gedränge auf der Tanzfläche kaum bremsen.

Katharina Mayer und Magnus Kaindl gaben als Tanzmeister von der Bühne aus den Takt vor und halfen weniger Geübten bei traditionellen Tänzen wie Landler, Polka und Zwiefachem. Viele Besucher kamen in Tracht, andere in historischen Gewändern, die an die Anfänge des Festes erinnern.

Das frühmorgendliche Tanzfest hat in München seit Jahren Kultstatus. Inzwischen ist der dritte Sonntag im Juli ein fester Termin für viele Feiernde. Unter den Gästen waren diesmal neben Stadträten und Wirten auch bekannte Gesichter wie Kabarettistin Luise Kinseher.

Ursprünge reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück

Die Wurzeln des Kocherlballs reichen in München mehr als 140 Jahre zurück. Ende des 19. Jahrhunderts trafen sich sonntags bei gutem Wetter vor allem "Kocherl", also Küchenangestellte, mit Hausdienern, Trambahnfahrern und teils auch Soldaten zum Tanzen und Feiern im Englischen Garten. Das ging nur in den frühen Morgenstunden, weil sie wieder an ihren Arbeitsplätzen sein mussten, bevor ihre Herrschaften vom Kirchgang zurückkehrten.

Der Name des Festes erinnert bis heute an diese Zeit: "Kocherl" war im Münchner Sprachgebrauch eine geläufige Bezeichnung für Küchenpersonal.

1904 wegen „Unsittlichkeit“ verboten

1904 untersagten die Behörden den Kocherlball mit dem Verweis auf angebliche „Unsittlichkeit“. Danach verschwand die Tradition für viele Jahrzehnte. Erst 1989, zur 200-Jahr-Feier des Englischen Gartens, wurde der Brauch wiederbelebt. Seitdem richtet die Wirtsfamilie Haberl das Fest aus.

Anfangs kamen nur einige Hundert Menschen, inzwischen hat sich der Kocherlball zu einem großen Publikumsmagneten entwickelt.

Schon in der Nacht wurden Plätze gesichert

Wie Juniorwirt Luis Haberl berichtete, kamen die ersten Besucher bereits mitten in der Nacht, um sich gute Plätze zu sichern. Fast hätten sich die letzten Gäste des Biergartens und die ersten Kocherlball-Besucher die Klinke in die Hand gegeben. Gegen 2.00 Uhr seien schon die ersten Feiernden da gewesen, viele Tische seien gegen 4.00 Uhr bereits besetzt gewesen.

Zahlreiche Gäste brachten Brotzeitkörbe und Kerzen mit. Das Wetter gilt jedes Jahr als Unsicherheitsfaktor, doch diesmal blieb die Stimmung trotz Regens ungebrochen.

Verein treibt Bewerbung als immaterielles Kulturerbe voran

Ein Verein zur Erhaltung der Biergartentradition will den Kocherlball nun als immaterielles Kulturerbe anerkennen lassen. Nach Angaben von Vereinspräsidentin Ursula Seeböck-Forster ist der Beschluss für eine Bewerbung bereits gefasst.

Aus Sicht des Vereins erfüllt die Veranstaltung die Voraussetzungen dafür: genannt werden die historischen Wurzeln, die lebendige Ausübung, Kontinuität, Wandlungsfähigkeit und Offenheit für viele Menschen. Die nächste Möglichkeit für eine Anerkennung besteht demnach 2029.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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