Gericht gibt Verbraucherzentrale weitgehend recht
Die neuen Milka-Schokoladentafeln mit weniger Inhalt haben nach Auffassung des Landgerichts Bremen Verbraucher getäuscht. Das Gericht gab einer Klage der Verbraucherzentrale Hamburg weitgehend statt. Hersteller Mondelez hatte bei vielen Sorten das Gewicht von 100 auf 90 Gramm gesenkt, die Verpackung aber nahezu unverändert gelassen.
Nach dem Urteil durfte eine 90-Gramm-Tafel nicht ohne klaren Hinweis auf den geringeren Inhalt verkauft werden, wenn in den vier Monaten zuvor noch die 100-Gramm-Version mit nahezu gleicher Aufmachung im Handel war. Um eine Irreführung auszuschließen, hätte es in dieser Übergangszeit eines deutlichen Hinweises auf der Verpackung bedurft, sagte der Vorsitzende Richter Claas Schmedes. Genau das habe hier gefehlt.
Urteil derzeit ohne direkte Folgen im Handel
Unmittelbare praktische Konsequenzen hat die Entscheidung nach Gerichtsangaben aktuell nicht. Die Umstellung auf das geringere Gewicht erfolgte bereits Anfang 2025, die maßgebliche Vier-Monats-Frist ist damit inzwischen abgelaufen. Bereits im Handel befindliche Tafeln müssen deshalb weder zurückgerufen noch nachträglich mit Warnhinweisen versehen werden.
Ein Gerichtssprecher sagte, das Urteil habe derzeit keine direkten Folgen. Bedeutung habe es dennoch für vergleichbare künftige Fälle, weil aus Sicht des Gerichts eine Wiederholungsgefahr besteht.
Gericht sah Verpackung schon früh kritisch
Bereits in der mündlichen Verhandlung vor drei Wochen hatte das Gericht erkennen lassen, dass es die neue Verpackung kritisch bewertet. Richter Schmedes sprach damals von einer „relativen Mogelpackung“ und sagte, Verbraucher würden praktisch keinen Unterschied erkennen.
Zwar sei das Gewicht formal korrekt angegeben, räumte das Gericht ein. Es fehle aber jeder klare Hinweis darauf, dass der Inhalt gegenüber früher reduziert wurde. Zudem werde die Gewichtsangabe auf der Vorderseite im Regal häufig verdeckt. Ein entsprechender Hinweis müsse deutlich, verständlich und für Kundinnen und Kunden gut wahrnehmbar sein.
Mondelez prüft Urteilsbegründung
Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Mondelez kann Berufung beim Oberlandesgericht einlegen. Das Unternehmen erklärte nach der Entscheidung, man nehme den Richterspruch zur Kenntnis und ernst und werde die Urteilsbegründung nun im Detail prüfen.
Zu möglichen Konsequenzen oder einem Rechtsmittel äußerte sich der Hersteller zunächst nicht konkreter.
Weniger Inhalt, höherer Preis
Die Verbraucherzentrale Hamburg hatte wegen unlauteren Wettbewerbs geklagt. Sie argumentierte, dass die neue Tafel nur einen Millimeter dünner sei und sich optisch kaum von der früheren Version unterscheide. Dadurch falle im Alltag kaum auf, dass statt 100 nur noch 90 Gramm enthalten sind.
Zugleich sei der Preis von 1,49 Euro auf 1,99 Euro gestiegen. Der Grundpreis habe sich damit um rund 48 Prozent erhöht. Mondelez hatte die Kritik zurückgewiesen und darauf verwiesen, dass die Gewichtsangabe klar erkennbar sowohl auf der Vorder- als auch auf der Rückseite stehe.
Die Verbraucherzentrale sieht sich durch das Urteil bestätigt. Lebensmittel-Experte Armin Valet erklärte, die Entscheidung stärke die Rechte von Verbraucherinnen und Verbrauchern bei versteckten Preiserhöhungen.
Experten sehen Imageschaden für die Marke
Marketing-Experten sehen das Image von Milka durch das Urteil belastet. Stefan Rohrbach, Professor an der Hochschule der Medien in Stuttgart, sprach von einem Vertrauensproblem für die Marke. Viele Verbraucher hätten ohnehin bereits das Gefühl, dass Produkte heimlich teurer würden. Wenn ein Gericht von möglicher Täuschung spreche, bleibe das an einer Marke hängen.
Auch Andreas Baetzgen, Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, sieht den Fall als besonders heikel. Gerade eine Marke wie Milka habe jahrzehntelang von Vertrauen, hoher Wiedererkennbarkeit und emotionaler Nähe zu ihren Kunden gelebt. Verbraucher erwarteten bei einem vertrauten Produkt die gewohnte Menge – tatsächlich bekämen sie nun weniger Inhalt für ihr Geld.
Der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels, die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie und der Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie äußerten sich auf Nachfrage nicht.
Schokolade in den vergangenen Jahren deutlich teurer
Schokolade ist in den vergangenen Jahren insgesamt spürbar teurer geworden. Hintergrund waren befürchtete Ernteausfälle in Westafrika infolge von Pflanzenkrankheiten und Extremwetter. Hersteller und Händler gaben die höheren Rohstoffkosten an die Kunden weiter.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamts war eine Tafel Schokolade im April im Durchschnitt 75 Prozent teurer als noch 2020. Wegen der hohen Preise griffen Verbraucher zuletzt seltener zu Schokolade. Inzwischen haben Händler die Verkaufspreise zahlreicher Eigenmarken etwas gesenkt, auch weil sich die Kakaoernte verbessert hat und die Rohkakaopreise an den Börsen deutlich zurückgegangen sind.
„Shrinkflation“ auch bei anderen Marken Thema
Nach Einschätzung der Verbraucherzentrale ist der Fall kein Einzelfall. Weniger Inhalt bei gleichem oder höherem Preis wird häufig als „Shrinkflation“ bezeichnet. Besonders oft betroffen seien Markenprodukte, vor allem Süßwaren. Die Verbraucherzentrale Hamburg führt nach eigenen Angaben eine Liste mit mehr als 1.000 Mogelpackungen.
Auch Milka-Konkurrent Ritter Sport steht inzwischen in der Kritik. Der Hersteller hat kürzlich drei neue Sorten mit besonders hohem Kakaoanteil auf den Markt gebracht, die sogenannte Edelkakao-Klasse. Statt 100 Gramm enthalten die Tafeln nur noch 75 Gramm.
Die Verbraucherzentrale Hamburg spricht auch hier von einer möglichen versteckten Preiserhöhung. Trotz anderer Gestaltung erkenne man Parallelen zu den bisherigen Produkten der Kakao-Klasse. Der Preis liege meist weiterhin bei 2,29 Euro je Tafel. Falls die bisherigen Produkte faktisch ersetzt würden, entspreche das aus Sicht der Verbraucherschützer einer versteckten Preiserhöhung von mehr als 33 Prozent.
Ritter Sport weist den Vorwurf zurück. Nach Unternehmensangaben handelt es sich um eine neue Produktgruppe mit neuen Rezepturen und einem neuen Tafelformat. Zudem hätten Marktforschungen ergeben, dass Verbraucher bei Schokoladen mit hohem Kakaoanteil eher dünnere Tafeln bevorzugen. Auf das geringere Gewicht werde auf der Verpackung hingewiesen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion