Normalerweise kaufen Gasgroßhändler im Sommer vergleichsweise günstig Erdgas ein, lagern es ein und verkaufen es in der kalten Jahreszeit teurer weiter. Auf diese Weise haben sich die Speicher in der Vergangenheit weitgehend über den Markt gefüllt und im Winter wieder geleert. Aktuell verhindert jedoch das hohe Preisniveau infolge des Kriegs mit Iran dieses Muster: Das Einspeichern lohnt sich für viele Marktteilnehmer kaum. Entsprechend liegen die Füllstände deutlich unter dem üblichen Niveau. Ein Überblick über die Lage.
Wie voll sind die deutschen Gasspeicher?
Am Donnerstagvormittag waren die deutschen Gasspeicher zu 50,2 Prozent gefüllt. Nach Angaben des Branchenverbands Ines ist das der niedrigste Wert für diesen Zeitpunkt seit Beginn der Erfassung im Jahr 2011. Ines-Geschäftsführer Sebastian Heinermann sprach von einem historischen Tiefstand. Zum Vergleich: Am selben Tag des Vorjahres lag der Speicherstand noch bei 67,4 Prozent.
Gibt es vorgeschriebene Zielwerte?
Ja. Nach den geltenden Regeln sollen die deutschen Gasspeicher am 1. November im Schnitt zu 70 Prozent gefüllt sein. Für den 1. Februar ist ein Mindeststand von 30 Prozent vorgesehen, bei manchen Anlagen 40 Prozent. Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums sind derzeit rund 74 Prozent der Speicherkapazitäten von Gasgroßhändlern reserviert.
Zeichnet sich ab, dass gebuchte Kapazitäten nicht genutzt werden, müssen Speicherbetreiber diese dem Marktgebietsverantwortlichen zur Verfügung stellen. Diese Rolle übernimmt in Deutschland Trading Hub Europe (THE). Im äußersten Fall könnte THE – wie bereits 2022 – im staatlichen Auftrag selbst Gas beschaffen und einspeichern.
Was heißt das für private Haushalte?
Für Verbraucherinnen und Verbraucher hat der aktuelle Füllstand zunächst keine direkte Bedeutung. Haushalte haben Lieferverträge mit ihren Versorgern, die das Gas zu vereinbarten Konditionen bereitstellen. Ob das Gas zuvor in einem Speicher lag oder direkt per Pipeline etwa aus Norwegen oder den Niederlanden kam, ist für Kunden unerheblich und im Einzelfall auch nicht exakt nachzuvollziehen.
Spürbar werden könnte allerdings der Grund für die niedrigen Speicherstände: die hohen Preise auf den internationalen Gasmärkten. Der Energieexperte Thomas Zwingmann von der Verbraucherzentrale NRW erwartet deshalb steigende Gaspreise auf breiter Front. Für Neukunden seien höhere Tarife bereits sichtbar. Ob auch Bestandskunden betroffen sein werden, hänge von der Beschaffungsstrategie des jeweiligen Versorgers ab.
Wenn Anbieter ihre Preise anheben, haben Kundinnen und Kunden ein Sonderkündigungsrecht. Zwingmann empfiehlt in solchen Fällen, Angebote über Vergleichsportale zu prüfen und bei attraktiven Konditionen den Anbieter zu wechseln.
Droht im Winter eine Gasknappheit?
Nach Einschätzung des Bundeswirtschaftsministeriums ist nach jetzigem Stand keine Gasmangellage im kommenden Winter zu erwarten. Gleichzeitig sei die Situation weniger entspannt als in den beiden vergangenen Wintern. Vor allem geopolitische Entwicklungen sowie außergewöhnliche Wetterlagen oder Probleme bei der Infrastruktur könnten zusätzlichen Druck erzeugen. Das Ministerium beobachtet nach eigenen Angaben deshalb die Speicherstände, Importmengen und internationalen Märkte sehr genau.
Warum ist Gas im Großhandel derzeit so teuer?
Hauptgrund ist der Krieg mit Iran. Die für den weltweiten LNG-Handel bedeutende Straße von Hormus bleibt weiterhin gesperrt, und ein Ende des Konflikts ist nicht absehbar. Nach Angaben der Gas- und Wasserstoffwirtschaft werden über diese Meerenge etwa 30 Prozent des weltweit verschifften Rohöls und 20 Prozent des global gehandelten Flüssigerdgases transportiert. Auch wenn nur ein kleiner Teil dieses LNG direkt in die EU gelangt, treibt die weltweite Konkurrenz um verfügbare Mengen die Preise nach oben.
Wer kauft das Gas eigentlich ein?
Der Gasmarkt funktioniert grundsätzlich wie andere freie Märkte: Produzenten verkaufen Erdgas an Großhändler, die es nach Deutschland importieren und an Stadtwerke sowie andere Energieversorger weiterreichen. Mit diesen Unternehmen schließen Haushalte dann ihre Lieferverträge ab. Größere Industriekunden beziehen Gas häufig auch direkt von Großhändlern wie etwa Uniper.
Woher bezieht Deutschland sein Gas?
Wichtigster Lieferant war im vergangenen Jahr laut Bundesnetzagentur Norwegen mit einem Anteil von 44 Prozent. Dieses Gas kam fast vollständig per Pipeline nach Deutschland. Es folgten die Niederlande mit 24 Prozent und Belgien mit 21 Prozent als Transitländer. Ein großer Teil dieses Pipeline-Gases dürfte zuvor als verflüssigtes Erdgas per Schiff in die EU gelangt sein. Etwa zehn Prozent der deutschen Gasimporte kamen über die deutschen Importterminals; fast alles davon stammte aus den USA, dem größten LNG-Produzenten der Welt. Hinzu kommt eine kleine inländische Erdgasförderung, die allerdings nur eine untergeordnete Rolle spielt.
Wie sicher sind diese Versorgungswege?
Genau hier sehen Fachleute und Politiker Risiken. Der energiepolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Michael Kellner, warnt davor, dass Deutschland durch die aktuelle Politik stärker von den USA und deren schwer berechenbarem Präsidenten Donald Trump abhängig werden könnte. Das halte er für problematisch.
Kellner verweist zudem auf mögliche Ausnahmesituationen. So sei im vergangenen Winter bereits ein Terminal ausgefallen, weil die Ostsee zugefroren war und Eisbrecher nicht einsatzfähig waren. Auch Sabotage- oder Terrorrisiken für Infrastruktur und Transportwege nähmen zu.
Aus seiner Sicht ist der Markt weiterhin nicht im Gleichgewicht: Die Speicher seien zu schwach gefüllt, was für Deutschland teuer werden könne. Deshalb fordert er, Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) solle die Versorgungsunternehmen zu einem Gipfel einladen und auf eine schnellere Befüllung der Gasspeicher drängen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber