Wirtschaft

Leere Gasspeicher: Jetzt schlägt das Ministerium Alarm

Gas wird teurer, Speicher bleiben alarmierend leer: Warum Händler jetzt zögern – und Berlin plötzlich Druck macht

19.08.2026, 14:53 Uhr

Bundesregierung und Netzagentur erhöhen den Druck auf Gashändler

Angesichts der vergleichsweise niedrigen Füllstände in den deutschen Gasspeichern sehen das Bundeswirtschaftsministerium und die Bundesnetzagentur vor allem die Marktakteure in der Pflicht. Eine Sprecherin des Ministeriums sprach in Berlin von einem „sehr geringen“ Stand: Die Speicher seien derzeit nur etwa zur Hälfte gefüllt. Die Entwicklung werde aufmerksam verfolgt – auch vor dem Hintergrund der geopolitischen Lage. Zugleich appellierte das Ministerium an die Händler, mehr Gas einzuspeichern. Nach Angaben aus dem Haus sind aktuell rund 74 Prozent der Speicherkapazitäten gebucht.

Hohe Preise dämpfen die Bereitschaft zum Einkauf

Ein wesentlicher Grund für die Zurückhaltung am Markt sind die gestiegenen Gaspreise. Die durch den Iran-Krieg beeinträchtigte Straße von Hormus erschwert den internationalen Transport von Öl und Gas und treibt damit die Kosten nach oben. Für Händler, die üblicherweise im Sommer einkaufen und im Winter weiterverkaufen, ist die Beschaffung unter diesen Bedingungen derzeit deutlich weniger attraktiv.

Am Mittwoch stieg der Preis für europäisches Erdgas auf den höchsten Stand seit der frühen Phase des Iran-Kriegs. Der maßgebliche TTF-Terminkontrakt für die Lieferung in einem Monat wurde an der Börse in Amsterdam mit 64,60 Euro je Megawattstunde gehandelt. Ein solches Niveau war zuletzt Mitte März erreicht worden.

Klaus Müller mahnt die Branche

Nach den geltenden gesetzlichen Vorgaben sollen die deutschen Gasspeicher zum 1. November grundsätzlich zu 80 Prozent gefüllt sein, wobei es festgelegte Ausnahmen gibt.

Auch Bundesnetzagentur-Präsident Klaus Müller nimmt die Händler in die Pflicht. Gegenüber t-online erklärte er, am Markt sei ausreichend Gas verfügbar. Deshalb könne er sich kaum vorstellen, dass ein Händler seinen Kunden im Winter fehlende Mengen mit mangelnder Vorsorge erkläre. Seine Erwartung sei klar: Die Gashändler müssten ihrer Verantwortung nachkommen.

Deutschland bezieht Gas heute aus mehreren Quellen

Über viele Jahre war Russland der wichtigste Gaslieferant Deutschlands. Mit dem Beginn des Ukraine-Kriegs brach diese zentrale Bezugsquelle jedoch weg. Daraufhin wurden im Frühjahr 2022 unter dem damaligen Wirtschaftsminister Robert Habeck Füllstandsvorgaben für die Speicher eingeführt, die später gelockert wurden.

Ob die Versorgung im kommenden Winter gesichert ist, beantwortete das Wirtschaftsministerium weiterhin nicht eindeutig und verwies erneut auf die Verantwortung der Händler. Das von Ministerin Katherina Reiche geführte Haus betont zugleich, dass Deutschland heute breiter aufgestellt sei: Fast die Hälfte des Gasbedarfs werde aus Norwegen gedeckt. Hinzu komme Pipeline-Gas aus Frankreich und Belgien. Außerdem wird über deutsche LNG-Terminals Flüssiggas eingeführt, das zu einem großen Teil aus den USA stammt.

Strategische Gasreserve soll Versorgung absichern

Nach Angaben des Ministeriums ist der Staat grundsätzlich jederzeit handlungsfähig. Oberste Priorität bleibe die Versorgungssicherheit im Winter. Künftig soll zusätzlich eine strategische Gasreserve helfen, Engpässe zu vermeiden. Noch offen ist allerdings, wie dieses Vorhaben finanziert werden soll.

Speicherstände deutlich unter Vorjahresniveau

Sowohl in Deutschland als auch europaweit liegen die Füllstände derzeit spürbar unter dem Niveau des Vorjahres. Nach jüngsten Zahlen des europäischen Verbands der Gasinfrastrukturbetreiber (GIE) betrug der Speicherstand in Europa am 17. August 61,37 Prozent. Ein Jahr zuvor lag er noch bei knapp 74 Prozent.

Deutsche Speicher liegen noch niedriger

In Deutschland ist die Lage angespannter. Laut GIE waren die hiesigen Speicher am 17. August zu 50,06 Prozent gefüllt. Zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr hatte der Wert noch bei knapp 67 Prozent gelegen.

Der Branchenverband FNB Gas erklärte in einer aktuellen Mitteilung, dass die gesetzliche Einspeichervorgabe für den 1. November 2026 kaum noch erreichbar sei. Selbst bei täglichen Einspeicherungen von bis zu 1,2 Terawattstunden – dem höchsten jemals am Markt beobachteten Wert – sei das Ziel nur schwer zu schaffen. Tatsächlich liegen die aktuellen Einspeisemengen deutlich darunter.

Linke greift Wirtschaftsministerin Reiche an

Von der Linksfraktion kommt scharfe Kritik an Bundeswirtschaftsministerin Reiche. Der energiepolitische Sprecher Jörg Cezanne warf ihr in der Rheinischen Post vor, trotz der Verwerfungen auf den internationalen Gasmärkten weiter zu stark auf Marktmechanismen zu setzen. Angesichts der durch die Kriege Russlands und der USA verschärften Unsicherheit sei es riskant, auf einen milden Winter oder störungsfreie LNG-Märkte zu hoffen. Mit halbleeren Speichern darauf zu bauen, gleiche einem Spiel mit der sicheren Energieversorgung von Wirtschaft und Bevölkerung.

Verivox erwartet steigende Gaspreise für Verbraucher

Das Vergleichsportal Verivox rechnet inzwischen auch mit höheren Gaspreisen für Haushalte. Für Neukunden seien die Preise seit Beginn des Iran-Kriegs bereits gestiegen. Bei vielen Bestandskunden seien die höheren Großhandelspreise bislang aber noch nicht angekommen, weil zahlreiche Versorger Preisänderungen erst zeitversetzt weitergeben.

Sollte das derzeit hohe Niveau an den Großhandelsmärkten über längere Zeit bestehen bleiben, könnten laut Verivox auch für Bestandskunden Preiserhöhungen zwischen 10 und 20 Prozent folgen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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