Ministerium und Netzagentur drängen auf schnellere Befüllung der Gasspeicher
Angesichts der derzeit niedrigen Füllstände der deutschen Gasspeicher machen das Bundeswirtschaftsministerium und die Bundesnetzagentur vor allem die Marktteilnehmer verantwortlich. Nach Angaben aus Berlin sind die Speicher aktuell nur etwa zur Hälfte gefüllt, was das Ministerium als sehr niedrigen Stand bewertet. Die Lage werde fortlaufend beobachtet – auch mit Blick auf internationale Entwicklungen. Zugleich fordert die Bundesregierung die Händler auf, mehr Gas einzuspeichern. Rund 74 Prozent der Speicherkapazitäten seien derzeit bereits gebucht.
Aiwanger verlangt frühzeitiges Eingreifen des Bundes
Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger mahnt den Bund, nicht zu lange zu warten. Deutschland dürfe nicht sehenden Auges in eine mögliche Versorgungslücke geraten, sagte der Freie-Wähler-Politiker. Die Einspeicherung müsse nun deutlich schneller vorankommen. Der Bund müsse die Entwicklung eng verfolgen und jederzeit bereit sein, gegenzusteuern, falls der Aufbau der Reserven nicht ausreiche. Staatliche Eingriffe in den Markt seien zwar nicht wünschenswert, doch im Fall einer drohenden Versorgungslücke dürfe nicht erst kurz vor dem Winter reagiert werden.
Höhere Preise bremsen den Einkauf von Gas
Ein Grund für die schleppende Befüllung liegt in den gestiegenen Gaspreisen. Die durch den Krieg mit dem Iran beeinträchtigte Straße von Hormus erschwert den weltweiten Transport von Gas und Öl. Das treibt die Preise nach oben. Für Händler, die üblicherweise im Sommer Gas kaufen und es im Winter gewinnbringend verkaufen, ist die aktuelle Marktlage deshalb wenig attraktiv.
Am Mittwoch erreichte der europäische Gaspreis den höchsten Stand seit der frühen Phase des Iran-Kriegs. Der wichtige TTF-Terminkontrakt für Erdgas zur Lieferung in einem Monat wurde an der Börse in Amsterdam bei 64,60 Euro je Megawattstunde gehandelt – so hoch wie zuletzt Mitte März.
Gesetzliches Ziel: 80 Prozent bis Anfang November
Nach den geltenden Regeln sollen die deutschen Gasspeicher zum 1. November grundsätzlich zu 80 Prozent gefüllt sein, einige Ausnahmen sind vorgesehen.
Auch Netzagentur-Präsident Klaus Müller sieht die Händler in der Pflicht. Es sei genügend Gas am Markt vorhanden, sagte er "t-online". Daher könne er sich kaum vorstellen, dass ein Händler seinen Kunden im Winter mangelnde Versorgung mit fehlender Vorsorge erklären wolle. Er erwarte, dass die Gasunternehmen ihrer Verantwortung gerecht würden.
Nach dem Ausfall Russlands wurde umgesteuert
Über viele Jahre war Russland Deutschlands wichtigster Gaslieferant. Mit Beginn des Ukraine-Kriegs brach diese Lieferquelle jedoch weitgehend weg. Daraufhin wurden im Frühjahr 2022 auf Initiative des damaligen Wirtschaftsministers Robert Habeck gesetzliche Vorgaben für Mindestfüllstände eingeführt, die inzwischen teilweise gelockert worden sind.
Ob die Gasversorgung im kommenden Winter gesichert ist, beantwortete das Bundeswirtschaftsministerium nicht eindeutig. Stattdessen verwies eine Sprecherin erneut auf die Verantwortung der Händler. Das Ministerium von Katherina Reiche betont zugleich, dass Deutschland seine Gasversorgung inzwischen breiter aufgestellt habe. Fast die Hälfte des Bedarfs werde aus Norwegen gedeckt. Hinzu kämen Pipeline-Lieferungen aus Frankreich und Belgien. Außerdem werde über deutsche Terminals Flüssiggas (LNG) eingeführt, das überwiegend aus den USA stammt.
Strategische Gasreserve geplant
Nach Darstellung des Ministeriums kann der Staat bei Bedarf reagieren. Oberstes Ziel bleibe, die Versorgungssicherheit im Winter zu gewährleisten. Künftig soll zudem eine strategische Gasreserve aufgebaut werden. Wie diese finanziert werden soll, ist allerdings noch offen.
Füllstände in Deutschland und Europa deutlich unter Vorjahr
Sowohl in Deutschland als auch europaweit liegen die Speicherstände derzeit klar unter dem Niveau des vergangenen Jahres. Nach Daten des europäischen Verbands der Gasinfrastrukturbetreiber (GIE) waren die Speicher in Europa am 17. August zu 61,37 Prozent gefüllt. Ein Jahr zuvor lag der Wert noch bei knapp 74 Prozent.
In Deutschland ist die Lage noch angespannter. Hier meldete die GIE für den 17. August einen Füllstand von lediglich 50,06 Prozent. Im Vorjahreszeitraum waren es noch knapp 67 Prozent.
Der Branchenverband FNB Gas erklärte in einer aktuellen Mitteilung, dass die gesetzliche Einspeichervorgabe für den 1. November 2026 inzwischen kaum noch erreichbar erscheine – selbst dann, wenn täglich bis zu 1,2 Terawattstunden eingespeichert würden. Das wäre der höchste jemals am Markt beobachtete Wert. Tatsächlich liegen die aktuellen Einspeicherungsraten deutlich darunter.
Besonders niedrige Reserven in Bayern
Vor allem in Bayern seien die Speicherstände derzeit auffallend niedrig, warnte Aiwanger. Entscheidend sei nicht allein der bundesweite Durchschnitt, sondern ob das Gas im Winter auch dort verfügbar sei, wo es tatsächlich benötigt werde.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber