Wirtschaft

Darum wird Ferraris Elektro verspottet

Ferraris erster Stromer ist da – und löst Häme, Kursverluste und die bange Frage aus: Hat die Marke ihren Zauber verloren?

28.05.2026, 11:40 Uhr

Ferraris erstes Elektroauto sorgt weiter für heftige Kritik

Nach der Vorstellung seines ersten vollelektrischen Modells Luce steht Ferrari weiter unter Druck. Vor allem das Design des neuen Fahrzeugs stößt auf scharfe Ablehnung, weil es für viele Beobachter kaum noch an die klassische Formensprache der Marke erinnert. Im Netz wird der Wagen unter anderem als „Playmobil-Auto“ oder „Temu-Ferrari“ verspottet.

Besonders deutlich äußerte sich der frühere Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo. Er warnte vor der „Gefahr der Zerstörung eines Mythos“. Zudem stichelte er, es handle sich immerhin um ein Auto, das die Chinesen wohl nicht kopieren würden.

Ferrari hatte den Luce am Montag in Rom vorgestellt und von einem neuen Kapitel der Unternehmensgeschichte gesprochen. Das Modell mit vier Türen und fünf Sitzen soll noch im Laufe des Jahres auf den Markt kommen. Der Einstiegspreis liegt laut Hersteller bei mehr als 500.000 Euro – damit wäre der Luce derzeit das teuerste Elektroauto auf dem Markt.

Jony Ive wirkte am Design mit

Am Erscheinungsbild des Luce arbeitete ein Team um den früheren Apple-Chefdesigner Jony Ive mit. Gerade dieser futuristische Ansatz befeuert die Debatte zusätzlich. Schon kurz nach der Präsentation wurde das Auto in sozialen Netzwerken vielfach verspottet; manche Nutzer verglichen seine Form bereits zuvor mit einem Staubsauger.

Branchenexperte sieht ein „schiefes Gesamtkonzept“

Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer hält Ferraris Vorgehen für einen Fehler, den andere Hersteller bereits hinter sich gelassen hätten. Bei Elektroautos auf eine stark abweichende Gestaltung zu setzen, führe schnell dazu, dass ein Modell zu sehr nach Stromer und zu wenig nach der eigentlichen Marke aussehe.

Sein Urteil zum Luce fällt entsprechend deutlich aus: Das Gesamtkonzept sei schief. Das Auto wirke nicht wie ein in Italien entwickelter Ferrari, sondern eher wie ein „fahrendes Smartphone“.

Viele Hersteller haben bei E-Autos umgelernt

Die Reaktionen auf den Luce zeigen nach Einschätzung von Beobachtern ein Grundproblem vieler Autobauer: Bei der Elektrifizierung wollten zahlreiche Marken ihre neuen Modelle zunächst auch optisch klar von Verbrennern absetzen. Genau das habe sich jedoch häufig als riskant erwiesen.

Dudenhöffer verweist darauf, dass die deutschen Hersteller aus solchen Erfahrungen inzwischen gelernt hätten. Kunden hätten ein klares Bild davon, wie ein BMW, VW oder Mercedes auszusehen habe. Wer dieses Bild zu schnell aufbreche, schrecke Käufer eher ab – gerade bei Elektroautos.

VW rückte von seinem frühen E-Design wieder ab

Besonders deutlich zeigt sich dieser Kurswechsel bei Volkswagen. Als der Konzern 2019 seine ID-Familie startete, sollte das Design die neue elektrische Ära betonen. Viele Kunden empfanden die Modelle jedoch als zu steril und vor allem als zu wenig VW.

Nach dem Abgang des damaligen Konzernchefs Herbert Diess 2022 änderte Volkswagen die Richtung. Markenchef Thomas Schäfer gab vor, dass ein VW auch künftig wieder klar als VW erkennbar sein müsse. Der ID.3 wurde entschärft, und auch kleinere E-Modelle wurden optisch näher an bekannte Verbrenner herangeführt.

Mercedes korrigierte ebenfalls seine Strategie

Auch Mercedes-Benz hat seine Designsprache für Elektroautos inzwischen angepasst. Mit der Submarke EQ und Modellen wie EQS und EQE hatte der Konzern zunächst auf einen radikalen Bruch gesetzt – mit stark gerundeten Formen und auffälligen schwarzen Frontflächen statt klassischem Kühlergrill.

Diese Linie erwies sich zwar als günstig für die Aerodynamik, kam bei vielen Interessenten aber nicht gut an. Konzernchef Ola Källenius leitete deshalb eine Kehrtwende ein. Neue Elektro-Modelle sollen wieder stärker an bekannte Mercedes-Formen anknüpfen und unter etablierten Modellnamen angeboten werden. Der 2025 vorgestellte elektrische CLA gilt dafür als Beispiel.

BMW setzte schon früher wieder auf Vertrautes

Bei BMW fiel das Umdenken früher ein. Mit dem 2013 eingeführten i3 waren die Münchner noch sehr eigenständig unterwegs – sowohl bei Materialien als auch bei der Gestaltung. Der große Durchbruch blieb dem Modell jedoch verwehrt.

Spätere E-Autos der Marke orientierten sich wieder viel stärker am gewohnten BMW-Design. Dudenhöffer sieht gerade darin einen wichtigen Grund dafür, dass BMW außerhalb Chinas zuletzt vergleichsweise erfolgreich mit Elektroautos war.

Porsche bleibt bei Evolution statt Revolution

Als Gegenbeispiel nennt der Branchenkenner Porsche. Die Marke setzt auch bei ihren E-Modellen auf Kontinuität. Klassische Gestaltungselemente finden sich weiterhin in Fahrzeugen wie Taycan, Macan oder Cayenne wieder.

Die Unterschiede zu Verbrennern liegen dort eher im Detail – etwa bei Aerodynamik, Frontgestaltung oder Lichtsignatur. Trotzdem sei auf den ersten Blick erkennbar, dass es sich um einen Porsche handelt. Genau diese Kontinuität gilt in der Branche als Vorteil.

Designkontinuität gilt auch als Wertfaktor

Nach Dudenhöffers Einschätzung hilft eine beständige Designsprache nicht nur beim Markenauftritt, sondern auch beim Wiederverkaufswert. Gerade bei Autos sei Kontinuität wichtiger als modische Experimente, weil Fahrzeuge über Jahre hinweg als wertstabile Produkte wahrgenommen werden müssten.

Ferraris Luce steht damit nicht nur für den Einstieg der Sportwagenmarke in die Elektromobilität, sondern auch für ein grundlegendes Dilemma der Branche: Wie modern darf ein Elektroauto wirken, ohne dass die Marke sich selbst entfremdet?

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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