Wirtschaft

Sommer ohne Promille: Warum Winzer jetzt umdenken

Null Promille, kein Kater – und trotzdem Genuss? Warum alkoholfreier Wein jetzt auch im klassischen Weinland boomt.

04.08.2026, 04:00 Uhr

Ernährung, Fitness und die gewünschte Sommerfigur spielen für viele Menschen eine große Rolle. Dazu kommt: Alkohol gilt nicht nur als Kalorienfalle, sondern auch als gesundheitliches Risiko. Jüngere Generationen trinken deshalb nachweislich weniger als ältere. Auch Schwangere, Schwerkranke und Menschen, die regelmäßig Medikamente einnehmen, verzichten häufig auf Alkohol. Zudem wächst die Zahl derer, die aus religiösen Gründen nichts trinken.

Was bei Bier schon länger zu beobachten ist, erreicht nun zunehmend auch den Weinmarkt: alkoholfreie Produkte werden beliebter. Doch warum setzen Winzer auf entalkoholisierten Wein – und welche Nachteile bringt das mit sich?

Eine fränkische Vorreiterin

Elke Röder vom Weingut Leo Sauer in Eibelstadt zählt in Franken zu den frühen Wegbereiterinnen alkoholfreier Weine. Auslöser war nach ihren Worten ein Gastronom, der mit seinen Gästen anstoßen wollte, selbst aber nicht angetrunken nach Hause fahren wollte.

Röder holte sich damals Unterstützung aus der Brauereibranche, probierte viel aus und verwarf manche Charge wieder. 1990 gelang es schließlich mit einem Müller-Thurgau, den ersten alkoholfreien Wein des Betriebs auf den Markt zu bringen. Während anfangs nur 300 bis 400 Liter pro Jahr produziert wurden, machen alkoholfreie Weiß-, Rot- und Roséweine heute rund 15 Prozent der Menge aus – mehr als 7.500 Liter.

Noch ein Nischenmarkt mit Wachstum

Trotz steigender Nachfrage bleibt alkoholfreier Wein für viele Betriebe bislang ein Randsegment. Nach Angaben des Deutschen Weininstituts entfallen nur etwa zwei Prozent des Umsatzes im deutschen Weinmarkt auf diese Kategorie. Gleichzeitig wächst der Bereich deutlich: Im vergangenen Jahr legten Absatz und Umsatz bundesweit um etwa ein Viertel zu, sagt Stephan Schmitt vom Fränkischen Weinbauverband.

Alkoholfreier Wein
Immer mehr Winzer bieten alkoholfreien Wein an. (Archivbild) Quelle: Daniel Löb/dpa

Gerade für viele Winzer könnte das eine wichtige Perspektive sein, denn die wirtschaftliche Lage in der Branche ist angespannt.

Weinbau unter Druck

Die Weinwirtschaft sieht sich mit mehreren Problemen konfrontiert. In Deutschland wird insgesamt weniger Alkohol konsumiert. Und wenn Wein getrunken wird, stammt laut Schmitt nur ein Teil davon aus heimischer Produktion. Hinzu kommen steigende Kosten etwa für Löhne und Treibstoff.

Immer mehr Betriebe geben deshalb Flächen auf. Zwischen den Reben sind zunehmend gerodete Areale zu sehen – ein Zeichen für die schwierige Situation der rund 3.400 fränkischen Winzer. Elke Röder beschreibt die Lage drastisch: Es sei längst nicht mehr kurz vor knapp, sondern bereits deutlich ernster.

Hoffnung auf neue Zielgruppen

Auch die größte fränkische Winzergenossenschaft GWF in Kitzingen sucht nach neuen Wegen. Um jüngere Kundschaft anzusprechen und gleichzeitig bestehende Käufer zu halten, setzt sie auf neue Produkte. Seit April verfügt die GWF über eine eigene Anlage zur Entalkoholisierung von Wein. Rund 700.000 Euro wurden investiert, damit die mehr als 900 Mitgliedsbetriebe vom wachsenden Markt profitieren können.

Kellermeister Kilian Scheuring gibt offen zu, dass ihm als Weinfreund das Entziehen des Alkohols bei Sorten wie Silvaner oder Bacchus nicht leichtfällt. Gleichzeitig sieht er darin ein Angebot für Menschen, die bislang nicht zur klassischen Weinzielgruppe gehörten.

So wird der Alkohol entzogen

In der neuen Edelstahlanlage wird der Wein aus einem Tank durch ein System geleitet, in dem ihm bei ungefähr 30 Grad über eine spezielle Membran der Alkohol schonend entzogen wird. Scheuring überwacht dabei Werte wie Alkoholgehalt, Kohlendioxid und weitere Parameter. In einem zweiten Schritt werden Aromen, die beim Verfahren verloren gehen, teilweise wieder ergänzt.

Innerhalb einer Stunde lassen sich so aus 500 Litern Silvaner mit ursprünglich 10 bis 13 Volumenprozent Alkohol nahezu alkoholfreie Produkte herstellen. Allerdings geht dabei nicht nur Menge verloren, sondern auch ein Teil von Geschmack und Haltbarkeit.

Mehr Aufwand, höhere Kosten

Röder sagt offen, dass man dem entalkoholisierten Wein anmerke, dass etwas fehle. Wer seinen klassischen Silvaner, Bacchus oder Müller-Thurgau schätze und Alkohol trinken dürfe, werde meist nicht gezielt zu alkoholfreiem Wein greifen.

Auch die Preisgestaltung ist schwierig. Eigentlich müsste alkoholfreier Wein teurer sein als herkömmlicher, weil durch das Entziehen des Alkohols etwa zehn Prozent der Menge verloren gehen und der Herstellungsprozess zusätzlichen Aufwand verursacht. Nach Einschätzung von Stephan Schmitt wären ein bis zwei Euro Aufpreis pro Flasche eigentlich angemessen.

Der Markt akzeptiert nur begrenzte Preise

Doch lange war die Kundschaft dazu kaum bereit. Röder berichtet, dass ein zu hoher Einstiegspreis das Produkt anfangs chancenlos gemacht hätte. Deshalb sei man mit moderaten Preisen gestartet. Inzwischen kostet die 0,75-Liter-Flasche bei ihrem Weingut 8,50 Euro.

Für viele Winzer rechnet sich alkoholfreier Wein bislang dennoch kaum. Wirtschaftlich funktioniert er oft nur im Zusammenspiel mit anderen Produkten innerhalb einer Mischkalkulation.

Alkoholfrei heißt nicht ohne Alkohol

Ganz frei von Alkohol ist alkoholfreier Wein zudem nicht. Gesetzlich erlaubt sind bis zu 0,5 Prozent Alkohol. Für Menschen mit Alkoholabhängigkeit kann selbst diese geringe Menge problematisch sein, warnt Thomas Polak, Chefarzt der Fachklinik Weibersbrunn der Hephata Diakonie. Schon kleine Mengen könnten einen Rückfall auslösen. Aus seiner Sicht ist die Bezeichnung „alkoholfrei“ daher irreführend.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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