Shein startet schwach in Hongkong
Die Shoppingplattform Shein hat bei ihrem lange erwarteten Börsengang in Hongkong einen Fehlstart hingelegt. Zum Handelsbeginn in der Finanzmetropole rutschte die Aktie zeitweise rund acht Prozent unter den Ausgabepreis von 48,56 Hongkong-Dollar.
Shein hatte mehrere Jahre auf das Börsendebüt warten müssen. Das in China gegründete Unternehmen, das seinen Sitz zwischen 2021 und 2022 nach Singapur verlegte, hatte zuvor auch in London und New York einen Börsengang angestrebt. Medienberichten zufolge scheiterten diese Pläne jedoch am Widerstand aus Peking.
Weit von früheren Spitzenwerten entfernt
Vor dem Handelsstart hatte Shein laut Börsenprospekt eine Bewertung von 210,2 Milliarden Hongkong-Dollar angestrebt, umgerechnet derzeit rund 23,1 Milliarden Euro. Am Ende lag der Wert leicht darunter. Damit ist das Unternehmen weit von seiner früheren Spitzenbewertung entfernt: Bei privaten Finanzierungsrunden im Jahr 2022 war Shein zeitweise noch mit fast 100 Milliarden US-Dollar bewertet worden.
Der nachlassende Investorenhype zeigt sich auch im operativen Geschäft. Im Vorfeld des Börsengangs legte Shein einen Verlust von 99 Millionen US-Dollar in den ersten drei Monaten dieses Halbjahres offen.
Geschäft unter Druck
Nach Angaben des Unternehmens soll das Geld aus dem Börsengang unter anderem in den Ausbau der technischen Infrastruktur und in die Stärkung der Marke fließen. Gleichzeitig geriet das Geschäftsmodell zuletzt von mehreren Seiten unter Druck.
Shein verschickt Mode direkt von Herstellern in China per Luftfracht an Kunden weltweit. Der Konflikt im Nahen Osten ließ die Transportkosten steigen, zugleich brach die Nachfrage in der Region ein. Hinzu kommen neue Zollregelungen in den wichtigen Märkten USA und Europa, durch die inzwischen auch Pakete mit geringem Warenwert besteuert werden.
Marktbeobachter verfolgen deshalb genau, wie viel Wachstumspotenzial Shein noch hat. Nach Unternehmensangaben kam der 2012 gegründete Onlinehändler im Jahr 2025 auf geschätzt 273 Millionen aktive Kunden in rund 160 Ländern.
Experten erwarten Folgen für Verbraucher und Konkurrenz
Aus Sicht von Branchenkennern wird Shein an der Börse inzwischen deutlich nüchterner bewertet als noch vor einigen Jahren. E-Commerce-Experte Alexander Graf sagte, der Konzern werde inzwischen eher wie ein normaler europäischer Modehändler eingeordnet. Auffällig sei zudem, dass nur ein kleiner Anteil der Firma an die Börse gebracht werde. Aus seiner Sicht diene der Schritt vor allem der Bereinigung der Bilanz.
Für Verbraucher könnte das Folgen haben. Nach Einschätzung Grafs endet mit dem Wegfall von Zollvorteilen die Zeit der künstlich billigen China-Pakete. Einkäufe bei solchen Plattformen dürften damit künftig eher teurer werden.
Für europäische Händler fällt der Ausblick dagegen trüber aus: Ein börsennotiertes Shein mit gefüllten Kassen und geringerem Wachstumsdruck könnte sich stärker auf Margen und den Ausbau seines Europageschäfts konzentrieren.
Kritik und politische Forderungen
Der Handelsverband Deutschland hofft, dass der Börsengang den Wettbewerbsdruck fairer machen könnte. Der stellvertretende HDE-Hauptgeschäftsführer Stephan Tromp erklärte, Shein halte sich bislang in vielen Fällen nicht an die hier geltenden Regeln. Mit einer Börsennotierung steige aber die Erwartung der Anleger, dass Pflichten und Vorschriften eingehalten werden.
Kritik kommt weiterhin von der Deutschen Umwelthilfe. Die Organisation sieht das Ultra-Fast-Fashion-Modell von Shein als Belastung für Umwelt und Gesundheit und fordert strengere politische Vorgaben. Bundesumweltminister Carsten Schneider müsse das geplante Textilgesetz zu einem echten Anti-Fast-Fashion-Gesetz machen, verlangte die DUH. Hersteller sollen nach den bisherigen Eckpunkten künftig auch finanziell stärker für Sammlung und Entsorgung von Textilien geradestehen.
Zusätzlichen Rückenwind erhält die Kritik durch Produkttests: Nach Untersuchungen des Bremer Umweltinstituts im Auftrag der DUH vom Juni überschritten 7 von 18 getesteten Kleidungsstücken von Shein EU-Grenzwerte. Das Unternehmen erklärte damals, man nehme die Vorwürfe sehr ernst.
Asiatische Plattformen gewinnen weiter Marktanteile
Trotz aller Kritik wachsen asiatische Shoppingplattformen in Deutschland weiter. Nach Angaben des Branchenverbands Bevh kamen Anbieter wie Temu, Shein und AliExpress im zweiten Quartal zusammen auf 5,3 Prozent der Onlinehandelsumsätze – ein Rekordwert. Zwischen April und Juni steigerten die Portale ihre Erlöse im Jahresvergleich um mehr als 20 Prozent auf gut 1,1 Milliarden Euro.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber