Politik

Ulrich Siegmund – warum ihn alle feiern

Der Mann hinter dem AfD-Hype in Sachsen-Anhalt: Wer ist Ulrich Siegmund – und wie will er die Macht erobern?

01.09.2026, 06:07 Uhr

Ulrich Siegmund: AfD-Spitzenkandidat mit viel Zuspruch und wenig konkreten Antworten

Wo Ulrich Siegmund im Wahlkampf auftaucht, bildet sich oft schnell eine lange Reihe. Viele wollen ein Foto mit dem AfD-Politiker, der freundlich auftritt, Hände schüttelt, lächelt und kurze persönliche Worte findet. Während viele andere Politiker in Deutschland zunehmend Anfeindungen erleben, vermittelt der AfD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt seinen Anhängern vor allem Nähe und Bestätigung. Sachliche Inhalte stehen dabei häufig nicht im Vordergrund. Wird genauer nachgefragt, bleibt er nicht selten vage.

In Sachsen-Anhalt wird der 35-Jährige von vielen Unterstützern wie ein politischer Star gefeiert. Ein Grund dafür liegt in der Corona-Zeit: Als das öffentliche Leben stark eingeschränkt war, weitete Siegmund seine Präsenz in den sozialen Medien deutlich aus. Mit seiner Kritik an den damaligen Schutzmaßnahmen gewann er mehrere Hunderttausend Follower.

Rhetorisch geschickt und strategisch in der Ansprache

Siegmund gilt als redegewandt. Im Parlament attackiert er politische Gegner scharf, während er bei Terminen mit Bürgern schnell einen verbindlichen und zugewandten Ton findet. Seine Wortwahl wirkt dabei kalkuliert.

Auf Marktplätzen und bei Bürgergesprächen versucht er vor allem, das Gefühl zu stärken, mit „gesundem Menschenverstand“ könne man die Lage in Deutschland nur kritisch sehen – etwa bei den Themen Migration, Energiepolitik oder öffentlich-rechtlicher Rundfunk. Auch gemeinsame Ausfahrten mit Simson-Mopeds werden medial inszeniert, um Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen. All das dient dem Ziel, nach der Landtagswahl am 6. September eine AfD-Alleinregierung anzuführen. In Umfragen liegt die Partei derzeit deutlich vor der CDU.

Politiker Ulrich Siegmund von der AfD
Ulrich Siegmund – ein Verkaufstalent für Raumdüfte und AfD-Politik. Quelle: Klaus-Dietmar Gabbert/dp/dpa

Politischer Weg: erst CDU, dann AfD

In jungen Jahren war Siegmund kurzzeitig Mitglied der CDU, entschied sich später aber für die AfD. 2016 zog er in den Landtag von Sachsen-Anhalt ein. Seit August 2022 führt er die Landtagsfraktion gemeinsam mit Oliver Kirchner als Co-Vorsitzender.

Stärkere Kritik zog er im November 2023 auf sich, als bekannt wurde, dass er an einem Treffen in Potsdam teilgenommen hatte. Dort sprach der frühere Kopf der rechtsextremen Identitären Bewegung, Martin Sellner, über das Thema „Remigration“. In der Folge wurde Siegmund vom Landtag als Vorsitzender des Sozialausschusses abberufen.

Auch in der Vetternwirtschaftsaffäre Thema

Zudem spielte Siegmund auch in der Affäre um mögliche Vetternwirtschaft in der AfD eine Rolle. Medienberichten zufolge soll sein Vater zeitweise mehr als 7.500 Euro monatlich als Mitarbeiter im Bundestagsbüro eines AfD-Politikers erhalten haben. Die Kritik daran sowie an weiteren personellen Verflechtungen innerhalb der Partei wies Siegmund mit dem Argument zurück, man arbeite mit Menschen zusammen, denen man vertraue.

Weder das Potsdamer Treffen noch diese Affäre scheinen im laufenden Wahlkampf jedoch besonders stark zu belasten. Auch die Einstufung der AfD in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextremistisch im November 2023 hält viele Wähler offenbar nicht von ihrer Unterstützung ab. Siegmund wiederum stellt den Verfassungsschutz als politisch motivierte Behörde dar, die gegen die Opposition vorgehe.

Unkonventioneller Lebenslauf und Tätigkeit im Vertrieb

Im Landtag spricht Siegmund besonders häufig über Migration und deren Folgen. Nach seinen Angaben gehörten drei seiner vier Großeltern nach dem Zweiten Weltkrieg zu den Vertriebenen aus dem Osten. Diese bezeichnet er als „wirkliche Flüchtlinge“.

Der 1990 geborene Politiker hat keinen klassischen Bildungsweg durchlaufen. Nach eigenen Angaben jobbte er als Jugendlicher unter anderem in der Gastronomie und auf dem Bau. Nach der elften Klasse verließ er die Schule und begann eine Ausbildung zum Außenhandelskaufmann. Später arbeitete er in verschiedenen Vertriebspositionen und absolvierte an einer Hamburger Fernhochschule ein Bachelorstudium in Wirtschaftspsychologie und Betriebswirtschaftslehre. Anschließend war er im Verkauf von Raumdüften tätig. CDU-Politiker Philipp Amthor verspottete ihn deshalb jüngst als „Duftkerzenverkäufer“.

Familie, Freizeit und politische Inszenierung

Siegmund lebt mit seiner Ehefrau Julia und der gemeinsamen kleinen Tochter in Tangermünde im Landkreis Stendal. Er ist aus der katholischen Kirche ausgetreten. In seiner Freizeit geht er nach eigenen Angaben ins Fitnessstudio, sofern es sein Terminkalender zulässt. Früher habe er gerne Bücher von Wilhelm Busch gelesen. Außerdem gehörte das sogenannte Sondeln zu seinen Hobbys, also die Suche nach Gegenständen im Boden mit einem Metalldetektor.

Öffentlich wirkt Siegmund oft gemäßigter als das Programm seiner Partei. Mit Blick auf eine von ihm angestrebte AfD-Alleinregierung sagte er einmal, rechtschaffene Bürger müssten keine Angst haben; es werde nicht „der Bulldozer durchs Land“ rollen. In Diskussionen bietet er politischen Gegnern gern demonstrativ ein Gespräch bei einem Kaffee an.

Zwar gibt es innerhalb der AfD deutlich radikalere Stimmen als ihn. Von ihnen grenzt sich Siegmund jedoch nicht klar ab. Kritische Nachfragen lässt er häufig unbeantwortet, auf Angriffe reagiert er mit demonstrativer Gelassenheit – und setzt im Zweifel lieber auf die Wirkung eines Videos bei TikTok.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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