Wirtschaft

«BigBrotherAwards» für die größten US-Tech-Sünder

BigBrotherAwards vergeben: Warum ausgerechnet Optiker, Kirche und Politik jetzt als Gefahr für Datenschutz am Pranger stehen.

25.09.2026, 18:00 Uhr

Der Verein Digitalcourage hat seine diesjährigen BigBrotherAwards vor allem an Akteure vergeben, die aus Sicht der Bürgerrechtsorganisation eng mit großen US-Technologiekonzernen zusammenarbeiten oder deren Dienste intensiv nutzen. Mit dem Negativpreis kritisiert der Verein jedes Jahr Stellen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, die nach seiner Einschätzung besonders sorglos mit persönlichen Daten und der Privatsphäre umgehen. Zu den Ausgezeichneten gehören diesmal unter anderem Fielmann, Apollo, Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU), die Evangelische Kirche und die EU-Kommission.

Kritik an Microsoft-Nutzung in der Kirche

In der Kategorie Zivilgesellschaft fiel die Wahl auf die Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland (Nordkirche). Digitalcourage wirft dem Landeskirchenamt vor, Kirchengemeinden durch ein IT-Gesetz zur Nutzung von Microsoft-Angeboten wie Microsoft 365 zu drängen. Nach Auffassung der Datenschützer könnten dadurch besonders sensible Informationen etwa über ehrenamtliches Engagement oder seelsorgerische Kontakte in der Cloud eines US-Unternehmens landen, obwohl datenschutzfreundlichere Alternativen möglich seien.

Smart Glasses als Risiko für Unbeteiligte

In der Sparte Technik wurden die Optikerketten Fielmann und Apollo Optik kritisiert, weil sie smarte Brillen verkaufen, darunter auch kamerabestückte Modelle von Meta. Nach Einschätzung von Digitalcourage fördern solche Geräte heimliche Foto-, Video- und Tonaufnahmen im öffentlichen Raum und gefährden damit die Privatsphäre anderer Menschen. Die Unternehmen sowie Meta hatten diese Vorwürfe bereits zurückgewiesen und darauf verwiesen, dass ein gut sichtbares Lichtsignal laufende Videoaufnahmen anzeigen solle.

Vorbehalte gegen ein einheitliches Behördenkennzeichen

In der Kategorie Behörden und Verwaltung erhielt Alexander Dobrindt den Negativpreis. Hintergrund ist der Plan, die Steuer-Identifikationsnummer bei der Registermodernisierung als übergreifendes Merkmal in verschiedenen Behördenbereichen zu verwenden. Digitalcourage warnt davor, dass auf diese Weise umfassende Persönlichkeitsprofile über Bürgerinnen und Bürger entstehen könnten.

EU-Kommission und Telekom ebenfalls im Fokus

Auch die Europäische Kommission wurde ausgezeichnet, und zwar wegen geplanter Änderungen im Gesetzespaket „Digitaler Omnibus“. Zudem sprach Digitalcourage vorsorglich einen Preis für die Deutsche Telekom aus. Grund sind Überlegungen zu einer möglichen Zusammenführung mit der US-Tochter T-Mobile US, durch die nach Ansicht des Vereins Datenschutzstandards geschwächt werden könnten.

Ein Sprecher der Telekom erklärte dazu, Medienberichte über eine mögliche Fusion kursierten zwar schon länger. Einen Preis, der auf nicht bestätigten Spekulationen beruhe, werde das Unternehmen jedoch weder annehmen noch kommentieren.

Digitalcourage verteidigt präventive Auszeichnungen

Rena Tangens, Sprecherin von Digitalcourage, sagte der Deutschen Presse-Agentur, einige Preisträger seien bewusst stellvertretend ausgewählt worden, um größere Probleme greifbar zu machen. In diesem Jahr vergebe man teils auch präventive BigBrotherAwards, um frühzeitig vor bedenklichen Entwicklungen zu warnen. Ziel sei es, öffentliche Aufmerksamkeit zu schaffen, Diskussionen anzustoßen und Fehlentwicklungen möglichst zu verhindern, bevor bereits Schaden entstanden sei.

Die BigBrotherAwards werden in Deutschland seit dem Jahr 2000 verliehen. Die betroffenen Unternehmen und Behörden weisen die Kritik regelmäßig zurück und betonen, sich an geltende Datenschutzvorgaben zu halten.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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