Große Volkswirtschaften erleben seit Monaten einen deutlichen Anstieg der Renditen von Staatsanleihen. In den USA kletterte die Rendite zehnjähriger Papiere zeitweise auf 5,2 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit 2007. Ähnliche Entwicklungen zeigen sich auch in vielen anderen Ländern.
Das gilt unter Fachleuten vor allem als Zeichen eines weltweit hohen Kapitalbedarfs und bislang nicht als klares Signal für eine unmittelbar bevorstehende Schuldenkrise. Dennoch bergen die Ausschläge Risiken – nicht nur für die Aktienmärkte, sondern auch für Staaten, Unternehmen und private Haushalte.
Warum steigen die Renditen so stark?
Ein wesentlicher Grund sind die hohen Energiepreise. Sie schüren die Inflationserwartungen und damit die Annahme, dass die Zinsen weiter steigen könnten. Sowohl die US-Notenbank Fed als auch die Europäische Zentralbank haben im September ihre Leitzinsen erhöht und dies mit dem anhaltenden Inflationsdruck begründet. An den Märkten wird zudem mit weiteren Zinsschritten gerechnet, was die Anleiherenditen zusätzlich nach oben treibt.
Dazu kommen wachsende Sorgen über die hohe Verschuldung, insbesondere in den USA. Nach Angaben des US-Finanzministeriums wächst der Schuldenstand dort im Schnitt täglich um mehr als sechs Milliarden Dollar und hat inzwischen 40 Billionen US-Dollar erreicht.
Ein weiterer Belastungsfaktor ist die sprunghafte Wirtschafts- und Zollpolitik der US-Regierung unter Präsident Donald Trump. Sie nährt an den Finanzmärkten Zweifel daran, ob US-Staatsanleihen ihren Status als sicherer Hafen uneingeschränkt behalten. Sinkt die Nachfrage nach diesen Papieren, steigen die Renditen. Da US-Anleihen für viele Märkte richtungsweisend sind, wirkt sich ein Renditeanstieg dort oft auch auf andere Länder aus.

Entwicklung bei Bundesanleihen
Auch deutsche Staatsanleihen stehen unter Druck. Inflationssorgen infolge hoher Energiekosten haben die Renditen kräftig steigen lassen. Bei zehnjährigen Bundesanleihen erhöhte sich die Rendite seit Jahresbeginn von rund 2,9 auf zuletzt 3,6 Prozent.
Zwar bleibt das Niveau damit klar unter dem der USA. Dennoch ist auch für Deutschland die Finanzierung neuer Schulden deutlich teurer geworden. Noch im Frühjahr 2022 lag die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen etwa bei null Prozent.
Steigende Renditen bedeuten für den Staat höhere Kosten bei der Kreditaufnahme. Ratingagenturen warnen bereits vor einer zunehmenden Zinsbelastung bei weiter wachsender Verschuldung. Zwar profitiert Deutschland nach Einschätzung von Fitch derzeit noch von vergleichsweise günstigen Refinanzierungsbedingungen. Doch höhere Kapitalmarktzinsen und zusätzliche Kreditaufnahme verteuern den Schuldendienst spürbar.
Die Folgen reichen auch bis zum Immobilienmarkt. Bauzinsen orientieren sich häufig an der Rendite zehnjähriger Bundesanleihen. Wer ein Haus baut oder eine Immobilie kauft und dafür hohe Kredite aufnehmen muss, kann schon durch kleine Zinsaufschläge stark belastet werden.
Wie weit können die Renditen noch steigen?
Zu den wichtigsten Preistreibern zählen weiterhin die hohen Energiekosten. Sie werden seit Monaten auch durch die Blockade wichtiger Energie-Transporte aus den Förderregionen am Persischen Golf durch die Straße von Hormus beeinflusst. Dadurch bleiben Öl und Gas teuer. Mehrere diplomatische Anläufe im Konflikt zwischen den USA und dem Iran haben bislang keine entscheidende Entspannung gebracht.
Hinzu kommt ein enormer Kapitalbedarf in anderen Bereichen der Wirtschaft. Vor allem Technologieunternehmen benötigen im Zuge des Booms rund um Künstliche Intelligenz viel Geld. Gleichzeitig steigt die Verschuldung großer Volkswirtschaften. Beides sorgt für starke Konkurrenz um verfügbares Kapital. Der Chefvolkswirt von Eyb & Wallwitz, Johannes Mayr, spricht von einem regelrechten Kampf um Kapital, der die Renditen grundsätzlich weiter nach oben drücken könne.
Droht eine neue Schuldenkrise in der Eurozone?
Trotz des jüngsten Anstiegs zählen Bundesanleihen in Europa weiterhin zu den Papieren mit den niedrigsten Renditen. In Frankreich, der zweitgrößten Volkswirtschaft der Eurozone, rentieren zehnjährige Staatsanleihen bei 4,64 Prozent. In Italien, der drittgrößten Volkswirtschaft, liegt die Rendite bei 4,50 Prozent. Zum Vergleich: Während der Euro-Schuldenkrise 2011 musste Italien zeitweise Renditen von mehr als sieben Prozent verkraften.
Aus Sicht vieler Beobachter spricht derzeit jedoch einiges dagegen, dass sich eine neue Euro-Schuldenkrise wie damals zuspitzt. Die Europäische Zentralbank verfügt inzwischen über verschiedene Instrumente, um Marktverwerfungen abzufedern. Deren Wirkung hat sich bereits in früheren Krisenphasen gezeigt.
Zudem ist ein Rückgang der Renditen keineswegs ausgeschlossen. Die Energiepreise haben in den vergangenen Monaten stark geschwankt. Sollte es zu einer Einigung über eine Öffnung der Straße von Hormus kommen, könnten Öl- und Gaspreise rasch sinken – mit unmittelbaren Folgen für Inflationserwartungen und Anleiherenditen. Auch ein Einbruch im Technologiesektor könnte die Entwicklung drehen. Nach Einschätzung von Johannes Mayr würden die Renditen im Fall eines Kollapses des KI-Booms schnell wieder nachgeben.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber