Wirtschaft

Alarm: Cyberkriminelle zielen auf Kanzleien

Geheime Mandantendaten, brisante Pläne: Warum Hacker jetzt gezielt Kanzleien angreifen – und mit welchen perfiden Tricks.

29.10.2026, 04:30 Uhr

Angriffe auf Kanzleien und Rechtsabteilungen nehmen stark zu

Anwaltskanzleien und Rechtsabteilungen geraten immer stärker ins Visier von Cyberkriminellen und staatlich unterstützten Spionagegruppen. Wie aus dem am Mittwoch veröffentlichten „Legal Threat Landscape Report 2026“ des IT-Sicherheitsanbieters CrowdStrike hervorgeht, hat sich die Zahl der Angriffe auf Organisationen im Rechtssektor im Vergleich zu 2023 fast verdoppelt.

Im Fokus der Täter stehen vor allem besonders sensible Informationen von Mandanten. Dazu zählen etwa Pläne zu Fusionen und Übernahmen, geistiges Eigentum, Finanzunterlagen sowie Strategien für Gerichtsverfahren. Solche Daten eignen sich sowohl für Erpressungsversuche als auch für Wirtschaftsspionage. Zu den am stärksten betroffenen Ländern zählen dem Bericht zufolge neben den USA, Großbritannien, Kanada, Australien und Israel auch Deutschland.

Druckmittel vertrauliche Mandantendaten

Der überwiegende Teil der registrierten Vorfälle entfiel mit 82 Prozent auf finanziell motivierte Täter. Vor allem auf große, zahlungskräftige Ziele spezialisierte Erpresserbanden, die nach dem Muster des sogenannten „Big Game Hunting“ vorgehen, führten im Zeitraum von September 2025 bis August 2026 insgesamt 455 Organisationen aus dem Rechtsbereich auf ihren Leak-Seiten. Das entspricht einem Anstieg von 39 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Die Angreifer profitieren dabei von der besonderen Lage der Branche: Kanzleien unterliegen einer strengen Verschwiegenheitspflicht und geraten deshalb unter hohen Druck, rasch Lösegeld zu zahlen, um Imageschäden und mögliche regulatorische Folgen zu verhindern.

Als derzeit besonders aktive Einzelbedrohung nennt CrowdStrike die Gruppe „Chatty Spider“. Deren Aktivitäten nahmen innerhalb eines Jahres um 129 Prozent zu. Die Täter konzentrieren sich fast ausschließlich auf Kanzleien und nutzen dabei ausgeklügelte Betrugsmaschen. So rufen sie Anwälte oder Beschäftigte der Kanzlei an, geben sich als interne IT-Mitarbeiter aus und bewegen ihre Opfer dazu, Fernwartungssoftware freizuschalten. In einem dokumentierten Fall begann der Versuch des Datendiebstahls bereits vier Minuten nach dem Eindringen ins System. In den USA sollen die Hintermänner teils sogar Personen beauftragt haben, sich vor Ort Zugang zu Kanzleiräumen zu verschaffen und direkt an Arbeitsplätzen anzuschließen.

Staatliche Spionage, vor allem aus China

Etwa 18 Prozent der erfassten Angriffe werden laut Bericht mutmaßlich von staatlichen Akteuren durchgeführt. Den größten Anteil daran haben Gruppen mit Verbindungen nach China. Deren Aktivitäten haben sich laut CrowdStrike seit 2023 nahezu verdoppelt.

Dabei beobachten die Experten eine zunehmende technische Spezialisierung. Die Gruppe „Titan Panda“ soll erstmals Schwachstellen in der Software „Intapp Time Server“, die zur Erfassung abrechenbarer Kanzleistunden genutzt wird, ausgenutzt haben, um Fernzugriff auf Systeme von Kanzleien zu erhalten. Andere Gruppen wie „Murky Panda“ setzten dagegen auf großangelegte Login-Versuche gegen Microsoft-365-Konten von Kanzleien.

Vereinzelt registrierte CrowdStrike zudem mutmaßliche Aktivitäten aus Nordkorea. Diese zielten unter anderem auf Unterlagen zur Gesetzgebung gegen Geldwäsche.

Kanzleien als Einstiegspunkt in größere Netzwerke

Nach Einschätzung der Sicherheitsexperten sind Kanzleien längst nicht mehr nur selbst das Endziel von Angriffen. Sie dienen Angreifern zunehmend als digitales Sprungbrett, um anschließend in Netzwerke von Großunternehmen, Behörden oder Technologiekonzernen vorzudringen.

CrowdStrike rät Organisationen im Rechtssektor deshalb, ihre Mehrfaktor-Authentifizierung deutlich zu stärken, den Einsatz von Fernwartungssoftware strenger zu überwachen und auch branchenspezifische Spezialsoftware konsequent gegen Angriffe abzusichern.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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