Die Bundesregierung blickt deutlich optimistischer auf die deutsche Wirtschaft. Für das laufende Jahr rechnet sie nun mit einem Wachstum von 1,3 Prozent. Im April war sie noch von lediglich 0,5 Prozent ausgegangen. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche sprach im Bundestag von einer guten Nachricht – betonte aber zugleich, das sei noch keine Trendwende.
Warum die Lage besser ist als erwartet
Nach Darstellung des Wirtschaftsministeriums hat sich die deutsche Wirtschaft trotz der Belastungen durch den Iran-Krieg und zwischenzeitlich stark gestiegene Energiepreise robuster entwickelt als zunächst angenommen. Die Folgen für die Konjunktur seien geringer ausgefallen als befürchtet.
Reiche zufolge geht die Aufhellung der Wirtschaftslage zu etwa zwei Dritteln auf staatliche Investitionen zurück – vor allem in Infrastruktur und Verteidigung. Ein Drittel des besseren Ausblicks sei auf den Export zurückzuführen.
Der Außenhandel profitierte zeitweise sogar von globalen Engpässen: Wegen des Konflikts in der Golfregion stockten Abnehmer ihre Lager mit energieintensiven Gütern aus deutscher Produktion auf. Reiche nannte dabei unter anderem Stahl, Dünger und Aluminium. Zusätzlich profitieren deutsche Zulieferer vom Boom rund um künstliche Intelligenz.
Einen spürbaren Sondereffekt hatten nach Angaben des Ministeriums zudem die Arbeitstage: Weil in diesem Jahr vergleichsweise viele Feiertage auf Wochenenden fallen, ergeben sich im Bundesschnitt 2,4 zusätzliche Arbeitstage. Das allein schlägt demnach mit 0,3 Prozentpunkten beim erwarteten Wachstum zu Buche.
Auch für 2027 fallen die Erwartungen höher aus
Für 2027 hebt die Bundesregierung ihre Prognose ebenfalls an. Sie erwartet nun ein Wachstum von 1,1 Prozent statt bisher 0,9 Prozent. Für 2028 rechnet sie weiter nur mit 0,6 Prozent Wachstum.
Wie sich die Wirtschaft danach entwickelt, hängt aus Sicht der Bundesregierung stark vom weiteren Verlauf der geopolitischen Konflikte im Nahen Osten und in der Ukraine ab.
Bereits Ende September hatten führende Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Prognose für Deutschland auf 1,3 Prozent angehoben. Im Frühjahr hatten sie noch vor einem möglichen Energiepreisschock gewarnt. Inzwischen sehen auch sie den Aufschwung robuster – allerdings weiter auf einem schmalen Fundament.
Ministerin dringt auf Reformen
Trotz der besseren Zahlen warnt Reiche vor zu viel Euphorie. Ohne selbsttragendes Wachstum werde Deutschland wirtschaftlich nicht wieder nach vorn kommen. Zugleich würden ohne dauerhaftes Wachstum auch die Verteilungskonflikte zunehmen. Ein leistungsfähiger Sozialstaat lasse sich nur mit einer starken Wirtschaft sichern.
Die Ministerin fordert unter anderem weniger Bürokratie, schnellere Unternehmensgründungen, Sozialreformen und niedrigere Energiepreise. Schon zuvor hatte sie mehr Flexibilität am Arbeitsmarkt und wettbewerbsfähigere Standortbedingungen angemahnt.
Sinkende Zuwanderung verschärft das Fachkräfteproblem
Ein weiteres Risiko sieht Reiche am Arbeitsmarkt. Die Zahl der Erwerbstätigen dürfte in den kommenden Jahren eher sinken. Bisher hätten zusätzliche ausländische Beschäftigte den Rückgang deutscher Arbeitskräfte aufgefangen – das sei derzeit nicht mehr der Fall.
Nach Ansicht der Ministerin muss daher das vorhandene Arbeitskräftepotenzial besser genutzt werden. Sie verwies darauf, dass in Deutschland im Schnitt nur rund 1.370 Stunden pro Jahr gearbeitet werde – weniger als etwa in Spanien, Griechenland oder den USA. Deshalb müsse darüber gesprochen werden, wie sich die gesamte Arbeitsleistung erhöhen lasse.
Zugleich betonte Reiche, Deutschland müsse für ausländische Fachkräfte attraktiv bleiben. Entscheidend seien wirtschaftliche Dynamik und gesellschaftliche Offenheit. Ressentiments und Ablehnung könnten Leistungsträger abschrecken und damit dem Standort Deutschland schaden. Eine starke politische Mitte und eine starke Wirtschaft seien wichtige Voraussetzungen für Investitionen und Handel.
Verbände sehen die Erholung noch nicht als gefestigt an
Trotz der besseren Prognosen warnen Wirtschaftsvertreter vor verfrühter Zuversicht. Der Verband Die Familienunternehmer mahnte, ein kleines Zwischenhoch dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, dass die grundlegenden Risiken für den Standort weiter groß seien. Verbandspräsidentin Marie-Christine Ostermann warnte sinngemäß davor, ein kurzfristiges Aufklaren am Himmel mit einer echten Wetterbesserung zu verwechseln.
Auch aktuelle Exportdaten mahnen zur Vorsicht: Im August sanken die Ausfuhren nach vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamts kalender- und saisonbereinigt um 0,8 Prozent auf 137,6 Milliarden Euro.
DIHK warnt vor überzogenem Optimismus
Auch die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) hält die Erholung für fragil. DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier erklärte, den Exporten fehle weiter eine eigene Dynamik. Handelspolitische Unsicherheiten und strukturelle Standortnachteile bremsten die Wirtschaft erneut aus. Der jüngste Exportimpuls sei letztlich nur ein schwaches Strohfeuer gewesen.
DIHK-Hauptgeschäftsführerin Helena Melnikov sprach von einem teuer erkauften Aufschwung. Er stütze sich vor allem auf steigende Ausfuhren in den EU-Binnenmarkt sowie auf schuldenfinanzierte Staatsausgaben. Ohne tiefgreifende wirtschaftspolitische Reformen habe diese Erholung nur eine kurze Haltbarkeit. Nötig seien vor allem niedrigere Kosten, weniger Bürokratie, schnellere Verfahren und eine modernere Infrastruktur.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber