Wetter

WM-Hitze droht: Im Extremfall lebensbedrohlich

Jacke oder Flip-Flops? Bei der WM drohen Hitze, Gewitter, Chaos. Was FIFA und Städte jetzt tun – und wo es brenzlig wird.

09.06.2026, 07:37 Uhr

Eine kühle Brise vom Lake Michigan hatte der deutschen Nationalmannschaft zu Beginn in Chicago noch angenehme Bedingungen beschert. Mit dem Wechsel ins WM-Quartier nach Winston-Salem in North Carolina ist das Team von Bundestrainer Julian Nagelsmann nun jedoch endgültig im heißen amerikanischen Sommer angekommen.

Nur etwa 40 Kilometer entfernt, in Greensboro, musste Norwegen bereits eine Trainingseinheit wegen Temperaturen von mehr als 30 Grad abbrechen. Stürmer Erling Haaland erholte sich anschließend barfuß, ohne Shirt und sichtlich mitgenommen von der Hitzebelastung.

"Entscheidend ist, unter genau diesen Bedingungen zu trainieren. Dann geht es darum, sich Tag für Tag an die Hitze anzupassen", erklärte Norwegens Sander Berge. Auch Englands Angreifer Ollie Watkins schilderte nach einer Einheit in Florida die Lage knapp: "Es ist heiß, zu heiß."

Wetter zwischen Tropenhitze und Höhenluft

Bei der WM in den USA, Kanada und Mexiko müssen sich die Mannschaften auf äußerst unterschiedliche klimatische Bedingungen einstellen. Während im Süden der USA tropisch-feuchte Hitze droht, wartet in Mexiko die Belastung durch große Höhe.

Sportmediziner Hans-Georg Predel von der Deutschen Sporthochschule Köln sprach von einem "Turnier der Wetter-Extreme". Besonders problematisch sei die Mischung aus hohen Temperaturen, hoher Luftfeuchtigkeit, vielen Reisen und einem eng getakteten Spielplan.

Als besonders anspruchsvoll gelten laut Predel die Spielorte Miami, Houston, Dallas und Monterrey. Dort träfen große Hitze und teils extreme Schwüle aufeinander. In Florida kämen zudem typische Sommergewitter mit Starkregen und Blitzgefahr hinzu. Auch in Atlanta und Kansas City könne es im Juni und Juli sehr drückend und gewitteranfällig werden.

Borussia Dortmund - CF Monterrey
Das Mercedes-Benz Stadium in Atlanta ist voll klimatisiert. (Archivbild) Quelle: Sven Hoppe/dpa

Mexiko-Stadt bringt dagegen andere Schwierigkeiten mit sich. Dort sei nicht in erster Linie die Wärme das Problem, sondern die Lage auf mehr als 2.000 Metern Höhe. Der geringere Sauerstoffgehalt könne Ausdauer und Regeneration deutlich beeinträchtigen.

Gefahr für Spieler: Flüssigkeitsmangel bis Hitzschlag

Die gesundheitlichen Risiken sind erheblich. Predel nennt vor allem Dehydrierung, Elektrolytverluste, Muskelkrämpfe, Kreislaufprobleme und die direkte Sonneneinstrahlung. Im schlimmsten Fall drohe ein belastungsbedingter Hitzschlag, der lebensgefährlich sein könne.

Nur vier WM-Stadien verfügen über verschließbare Dächer und lassen sich so besser klimatisieren: Dallas, Los Angeles, Houston und Atlanta.

Club-WM lieferte bereits Warnsignale

Schon die Club-WM im vergangenen Jahr zeigte, welchen Einfluss das Wetter auf ein großes Turnier in Nordamerika haben kann. Sechs Partien mussten damals unterbrochen werden, teils für 40 Minuten, teils sogar für bis zu zwei Stunden.

Dortmund-Trainer Niko Kovac kritisierte die Umstände damals deutlich und sagte, das habe mit Fußball in dieser Form kaum noch etwas zu tun.

Nicht nur die Hitze war ein Problem. Im Spiel zwischen Benfica Lissabon und dem FC Chelsea führte auch drohendes Unwetter zu einer Unterbrechung. Wegen möglicher Blitze mussten die Spieler in die Kabinen, die Zuschauer sollten das Stadion verlassen. In den USA gilt die Regel: Werden Blitze in einem Umkreis von 13 Kilometern um die Arena registriert, wird die Partie sofort gestoppt – mindestens für 30 Minuten.

FIFA reagiert mit zusätzlichen Trinkpausen

Als Konsequenz aus den extremen Bedingungen bei der Club-WM führt die FIFA nun pro Halbzeit eine zusätzliche Trinkpause von drei Minuten ein. Außerdem sollen bei allen Partien in offenen Stadien klimatisierte Sitzbereiche für Betreuer und Ersatzspieler bereitstehen.

Einer internationalen Forschergruppe reichen diese Maßnahmen allerdings nicht aus. In einem offenen Brief forderten sie, Spiele bei Temperaturen über 28 Grad zu verlegen und Kühlpausen von mindestens sechs Minuten einzuführen. Die 20 Wissenschaftler aus den Bereichen Gesundheit, Klima und Sportleistung warnen, dass in 14 der 16 Stadien gefährliche Belastungswerte erreicht oder überschritten werden könnten.

Maßgeblich ist dabei nicht allein die Lufttemperatur. Entscheidend ist die sogenannte Wet-Bulb-Globe-Temperatur (WBGT), ein Index, der unter anderem Sonneneinstrahlung, Wind und Luftfeuchtigkeit berücksichtigt.

Warum Englands Spieler digitale Kapseln schluckten

Englands Trainerstab hat die Mannschaft gemeinsam mit Sportwissenschaftlern mehr als ein Jahr lang auf die klimatischen Herausforderungen vorbereitet. Medienberichten zufolge schluckten die Spieler digitale Kapseln, um unter Belastung Körperdaten zu erfassen und so Hitzetoleranz und Regenerationsfähigkeit besser analysieren zu können.

Trainer Thomas Tuchel betonte, dass die Witterung zwar nicht der größte Gegner seiner Mannschaft sei. Nach einer langen und intensiven Saison seien Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit für seine Spieler jedoch auch alles andere als günstig, zumal sie solche Bedingungen kaum gewohnt seien.

Auch Fans müssen geschützt werden

Nicht nur auf dem Platz, auch auf den Rängen können die Bedingungen gefährlich werden. Umso größer ist die Kritik daran, dass aus Sicherheitsgründen nicht einmal leere Wasserflaschen mit in die Stadien genommen werden dürfen.

Deshalb stehen auch die Gastgeberstädte in der Pflicht. Das Gesundheitsamt im Bezirk Los Angeles will rund um die Spiele umfassend über Hitzeschutz und ausreichendes Trinken informieren. New York plant Warnhinweise über das öffentliche Alarmsystem sowie per WhatsApp für internationale Gäste. Seattle prüft unterdessen den Einsatz klimatisierter Busse und Wassernebelanlagen bei Fanveranstaltungen und rund um Spiele.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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