Die Extremhitze in diesem Sommer hat in Deutschland nach Einschätzung des Robert Koch-Instituts (RKI) tödliche Folgen in bislang nicht bekanntem Ausmaß. Nach dem aktuellen Wochenbericht des Instituts gingen allein auf die Hitzewelle vom 22. bis 28. Juni rund 9.600 hitzebedingte Sterbefälle zurück. Insgesamt steigt die Zahl der geschätzten Hitzetoten im laufenden Jahr damit auf etwa 11.900.
Der größte Teil dieser Todesfälle entfällt damit auf wenige Tage mit außergewöhnlich hohen Temperaturen. Vielerorts wurden damals Werte um die 40 Grad gemessen. Das RKI weist zudem darauf hin, dass es sich bei der Jahreszahl um eine konservative Schätzung handelt – die tatsächliche Zahl könnte also noch höher liegen.
Auswirkungen übertreffen frühere Jahre deutlich
Schon jetzt sind laut RKI mehr Menschen an den Folgen von Hitze gestorben als in jedem einzelnen Gesamtjahr seit 2016. Der bislang höchste bekannte Wert lag demnach im Jahr 2018 bei rund 9.000 Hitzetoten im gesamten Jahr.
Besonders betroffen sind ältere Menschen. Nach den aktuellen Schätzungen entfielen rund 6.000 Todesfälle auf Menschen ab 85 Jahren. Knapp 3.000 Gestorbene waren 75 bis 84 Jahre alt, knapp 1.800 waren 65 bis 74 Jahre alt. Auch bei den Unter-65-Jährigen wurden noch rund 1.100 Todesfälle erfasst.
Warum das volle Ausmaß erst jetzt sichtbar wird
Für die besonders heiße Phase Ende Juni hatte das RKI zunächst nur von etwas mehr als 5.000 hitzebedingten Todesfällen gesprochen. Dass die Zahl nun deutlich höher ausfällt, liegt nach Angaben des Instituts unter anderem daran, dass sich die Auswirkungen dieser extrem heißen Woche und auch der darauffolgenden Woche erst jetzt vollständig in den Daten zeigen.
Hinzu kommt, dass Temperaturen in dieser Größenordnung in Deutschland bislang kaum oder gar nicht vorkamen. Außerdem liegen bundeslandspezifische Sterbefallzahlen des Statistischen Bundesamtes erst mit einer Verzögerung von etwa fünf Wochen vor. Erst jetzt konnte daher der volle geschätzte Effekt der Hitzewelle berücksichtigt werden.
Der aktuelle Bericht erfasst den Zeitraum vom 6. April bis 26. Juli. Die Berechnungen werden laut RKI jede Woche auf aktualisierter Datengrundlage neu vorgenommen. Grundlage sind Sterbefallzahlen des Statistischen Bundesamtes sowie Wetterdaten von 52 Messstationen des Deutschen Wetterdienstes (DWD).
Tropische Nächte verschärfen das Risiko
Nach Einschätzung von Christian M. Schulz, Anästhesist, Notfallmediziner und Geschäftsführer der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit, sind nicht nur Spitzenwerte am Tag gefährlich. Ein besonders großes Problem seien sogenannte tropische Nächte, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad sinkt.
Dann fehlt dem Körper die nötige Erholung. Bei Hitze wird mehr Blut an die Körperoberfläche geleitet, gleichzeitig muss das Herz-Kreislauf-System stärker arbeiten und der Flüssigkeitsbedarf steigt. Vor allem Menschen mit Vorerkrankungen reagieren darauf deutlich empfindlicher.
Besonders kritisch sei die Lage für kranke und pflegebedürftige Menschen in Einrichtungen, die sich nur unzureichend schützen oder kühlen lassen – etwa in Altenheimen oder Krankenhäusern ohne ausreichende Verschattung. Gefährdet seien aber auch ältere Menschen, die allein zu Hause leben und zu wenig trinken. Dehydrierung könne schleichend zu Nierenversagen, Kreislaufproblemen oder Bewusstseinsstörungen führen. Schulz spricht von einem stillen Verlauf über Stunden oder Tage: „Der Hitzetod ist ein stiller Tod.“
Ab 20 Grad Wochenmittel steigt die Sterblichkeit
Laut RKI zeigt sich ein hitzebedingter Anstieg der Sterblichkeit typischerweise ab einer Wochenmitteltemperatur von 20 Grad. In der Woche vom 22. bis 28. Juni lag dieser bundesweite Mittelwert bei 26,4 Grad – und damit deutlich über der kritischen Schwelle. In allen Bundesländern wurde in dieser Zeit eine mittlere Temperatur von mehr als 20 Grad gemessen.
Auch meteorologisch war der Juni außergewöhnlich. Nach Angaben des DWD war der Juni 2026 mit einer Durchschnittstemperatur von 19,5 Grad der zweitwärmste Juni seit Messbeginn. Nur 2019 lag im Mittel noch höher.
Die Hitzewelle Ende Juni brachte zudem mehrere Extreme: Die Nacht vom 27. auf den 28. Juni war nach vorläufigen DWD-Daten die wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen. Tagsüber wurden mehrfach mehr als 41 Grad gemessen. Am 27. Juni wurde an 46 Wetterstationen in Deutschland die 40-Grad-Marke überschritten.
Verbände und Initiativen fordern mehr Hitzeschutz
Angesichts der jüngsten Hitzewellen verlangen die Bundesärztekammer, rund 80 weitere europäische Gesundheitsorganisationen und mehrere Umweltverbände deutlich entschlosseneres Handeln von Deutschland und der EU. Nach ihrer Auffassung müsse die Ausrufung des Klimanotstands endlich in verbindliche Verpflichtungen überführt und extreme Hitze als ernste Gesundheitsgefahr anerkannt werden.
Zu den Forderungen gehört unter anderem, Pflegeeinrichtungen, Kitas und Schulen besser gegen extreme Temperaturen zu wappnen. Linken-Chef Luigi Pantisano sprach mit Blick auf die neuen Zahlen von einem „dramatischen Weckruf“. Hitze sei längst eine tödliche Gefahr, werde von der Bundesregierung aber noch immer wie eine freiwillige Zusatzaufgabe behandelt.
Neu schaltet sich auch die Opposition mit scharfer Kritik ein: Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge warf Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) im Gespräch mit t-online schweres Versagen vor. Dass der Kanzler nicht einmal ein Wort des Bedauerns finde, sei bezeichnend. Das Handeln der Bundesregierung nannte sie einen „politischen Totalschaden“ und forderte Merz auf, seinen Kurs zu ändern sowie klimaschädliche Vorhaben seiner Wirtschaftsministerin zu stoppen.
Zusätzlichen Druck machen Umwelt- und Sozialverbände in Deutschland. BUND, Fridays for Future, Nabu und weitere Gruppen protestierten vor dem Kanzleramt. Gemeinsam mit mehr als 30 Organisationen fordern sie den Bundeskanzler auf, einen Hitzegipfel einzuberufen. Verlangt wird ein Hitzeschutzplan mit dauerhafter Finanzierung von Schutzmaßnahmen – etwa für Stadtbegrünung, die Landwirtschaft und die Gesundheitsversorgung.
Die neuen RKI-Daten unterstreichen damit erneut, wie massiv extreme Temperaturen bereits heute die öffentliche Gesundheit belasten – und wie groß der Druck auf die Politik wird, wirksame Schutzmaßnahmen schneller umzusetzen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber