In vielen modernen Traktorkabinen läuft zwar die Klimaanlage, doch für zahlreiche Landwirte in Europa ist die anhaltende Hitze vor allem ein Grund zur Sorge. Trockenheit, schwache Ernten, niedrige Erzeugerpreise und zugleich steigende Ausgaben bringen viele Betriebe wirtschaftlich an ihre Grenzen.
Fachleute warnen zudem, dass sich Dürren in Europa künftig weiter verschärfen dürften. Nach Einschätzung des Forschungsnetzwerks World Weather Attribution könnten außergewöhnlich schlechte Ernten gemeinsam mit internationalen Krisen die Lebensmittelpreise weiter nach oben treiben. Besonders Haushalte mit geringem Einkommen wären davon betroffen.
Bauernverband warnt vor wachsendem Druck
Der Deutsche Bauernverband rechnet in diesem Jahr in Deutschland mit einer unterdurchschnittlichen Getreideernte. Generalsekretärin Stefanie Sabet erklärte, dass gleichzeitig die Marktpreise niedrig seien, während Kosten für Dünger, Futter und Transporte gestiegen seien. Das belaste die Liquidität vieler Höfe massiv. Allerdings falle die Lage regional sehr unterschiedlich aus.
Späte Feldfrüchte leiden besonders
Vor allem spätreifende Kulturen wie Mais, Kartoffeln und Zuckerrüben leiden unter der lang anhaltenden Wärme und Trockenheit. In Süddeutschland könnte die Zuckerproduktion laut dem Verband Süddeutscher Zuckerrübenanbauer im Vergleich zum Vorjahr um etwa ein Drittel sinken.
Winterweizen bleibt nach Angaben des Bauernverbandes die wichtigste Getreideart in Deutschland. Er wächst auf rund 2,9 Millionen Hektar und macht fast die Hälfte der gesamten Getreidefläche aus. Auch Gerste spielt weiterhin eine bedeutende Rolle.

Futter wird knapp
Große Probleme gibt es vielerorts beim Grünland. Dort fällt das Wachstum deutlich schwächer aus, wodurch weniger Futter für Rinder und andere Nutztiere zur Verfügung steht. Besonders betroffen sind nach Angaben des Bauernverbandes der Südwesten Deutschlands, Mittelgebirgslagen und das Allgäu. In manchen Regionen konnten zwei Schnitte zur Futtergewinnung nicht stattfinden. Futterbörsen sollen betroffenen Tierhaltern nun helfen.
Spanien erwartet deutliche Einbußen
Auch in anderen Teilen Europas verschärft sich die Lage. In Spanien dürfte die Landwirtschaft die Folgen des extrem heißen und trockenen Sommers klar zu spüren bekommen. Besonders beim Getreide wurde die Prognose zuletzt deutlich nach unten gesetzt. Die Agrargenossenschaften rechnen nur noch mit rund 18,6 Millionen Tonnen. Das sind fast zwei Millionen Tonnen weniger als noch im Mai erwartet und rund 30 Prozent weniger als im sehr ertragreichen Vorjahr.
Neben dem Getreide leiden auch Olivenhaine, Weinberge, Obstplantagen sowie Mais und andere Sommerkulturen unter Wassermangel. Sollte die Trockenheit bis in den Herbst andauern, rechnen Erzeuger bei Olivenöl mit geringeren Mengen und steigenden Preisen.
In Frankreich drohen Gemüseengpässe
In Frankreich sorgen mehrere Hitzewellen und extreme Trockenheit ebenfalls für große Sorgen. Der Verband Légumes de France warnt bei Gemüse vor Ernteausfällen von bis zu 50 Prozent und Schäden in Millionenhöhe. Selbst bewässerte Felder seien teils vertrocknet.
Die Folge könnte bald auch in den Supermärkten sichtbar werden: Gemüse könnte knapper werden. Auch in anderen Bereichen der Landwirtschaft werden starke Verluste befürchtet. Frankreichs Landwirtschaftsministerin Annie Genevard kündigte deshalb einen Notfallplan zur Unterstützung der betroffenen Betriebe an.
Nach Angaben von Météo France war der Juli der heißeste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1900. Vielerorts stiegen die Temperaturen auf über 40 Grad. Nachdem schon im Juni wenig Regen gefallen war, lagen die Niederschläge im Juli etwa 70 Prozent unter dem üblichen Wert.
EU rechnet ebenfalls mit niedrigeren Erträgen
Auch auf europäischer Ebene wird mit Ernteeinbußen gerechnet. Die EU-Kommission verfolgt die Auswirkungen der anhaltenden Hitzewelle auf die Landwirtschaft aufmerksam. Nach Daten der Gemeinsamen Forschungsstelle wurden die Ertragserwartungen für Winterkulturen in der EU um ein bis vier Prozent gesenkt. Insgesamt liegt der Ausblick für die Getreideproduktion damit etwa ein Prozent unter dem Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre.
Noch stärker wurden die Prognosen für Frühjahrs- und Sommerkulturen nach unten korrigiert. Besonders betroffen sind Körnermais und Sonnenblumen mit Abschlägen von sechs bis sieben Prozent. Eine Entspannung ist bislang nicht in Sicht, da für Westeuropa weiter heißes und trockenes Wetter erwartet wird.
Ruf nach schneller Hilfe
Der Deutsche Bauernverband fordert deshalb rasche Unterstützung durch die Politik. Nach Ansicht von Generalsekretärin Sabet können die Betriebe nicht länger auf Entlastungen warten. Der Verband verlangt unter anderem eine steuerfreie Risikoausgleichsrücklage, damit Landwirte Ernteausfälle künftig besser abfedern können.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber