Zweitmarkt für Konzerttickets sorgt für Ärger in der Musikbranche
Kaum kündigt eine beliebte Band neue Konzerte an, sind die Eintrittskarten oft innerhalb kürzester Zeit vergriffen. Viele Fans kennen das Problem: Wer danach noch Tickets sucht, landet häufig auf fragwürdigen Plattformen, auf denen nur derjenige zum Zug kommt, der blitzschnell viel Geld bezahlt. In digitalen Warteschlangen wird dabei der Eindruck vermittelt, dass unzählige weitere Interessenten gleichzeitig um die wenigen verbleibenden Karten kämpfen.
Zu den bekanntesten Anbietern auf dem Ticketzweitmarkt zählen etwa Viagogo, Ticketbande, Ticombo, StubHub und Vivid Seats. Der wachsende Einfluss dieser Plattformen setzt die Branche zunehmend unter Druck. Deshalb wandte sich die Interessenvertretung Pro Musik bereits im Mai mit einem offenen Brief an die Bundesregierung.
Zahlreiche Künstler unterstützen die Forderungen
Unter dem Motto „Gegen Wucher und Betrug – Tickets dürfen keine Spekulationsobjekte sein“ schlossen sich rund 200 Künstler, Veranstalter, Schauspieler, Produzenten und Crew-Mitglieder dem Appell an. Zu den Unterzeichnern gehören unter anderem Nina Chuba, Die Toten Hosen, Die Ärzte, Max Giesinger, Lea, Johannes Oerding, AnnenMayKantereit und Kraftklub.
Die Beteiligten warnen davor, dass die Kulturszene durch überzogene Preise in Misskredit gerät. In dem Schreiben ist von Ticketangeboten von bis zu 5.500 Euro auf entsprechenden Internetseiten die Rede.
Der Ärger der Fans richte sich am Ende oft gegen die Künstler selbst, sagt Julia Rehberg von der Verbraucherzentrale Hamburg. Wer etwa 400 Euro für eine Karte bezahlt und später feststellt, dass der ursprüngliche Preis nur 30 Euro betrug, reagiere verständlicherweise wütend. Von diesen hohen Summen profitierten jedoch weder Musiker noch Veranstalter oder Crews. Das Geld lande vielmehr bei Zwischenhändlern, die laut den Briefunterzeichnern nichts zur Kultur beitrügen außer überteuerte Weiterverkäufe.
Bots verschaffen gewerblichen Händlern Vorteile
Ein zentrales Problem sind automatisierte Kaufprogramme, sogenannte Bots. Mit ihnen kaufen professionelle Verkäufer in Sekundenschnelle große Ticketmengen auf. Während ein normaler Fan noch seine Zahlungsdaten eingibt, können solche Systeme bereits hunderte oder gar tausende Bestellungen ausgelöst haben, erklärt die Juristin und Ticketvertriebsexpertin Sylle Schreyer-Bestmann.
Kurz nach dem offiziellen Vorverkaufsstart erscheinen die Karten dann auf Zweitplattformen wieder – meist zu deutlich höheren Preisen. Für Künstler sei das besonders heikel, weil sie ihre Eintrittspreise bewusst so kalkulierten, dass ihre Anhängerschaft sich die Konzerte leisten könne.
Nach Angaben von Johannes Everke, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft, stammen rund 70 Prozent der auf dem Zweitmarkt gehandelten Tickets von kommerziellen Anbietern. Diese seien den Fans technisch weit überlegen und könnten so massiv in den Markt eingreifen.
Besonders problematisch sei zudem, dass solche Plattformen bei Suchmaschinen oft ganz oben auftauchten. Viele Käufer bemerkten deshalb gar nicht, dass sie nicht auf einer offiziellen Verkaufsseite gelandet sind.
Kaufdruck durch digitale Tricks
Laut Schreyer-Bestmann führt der schnelle Ausverkauf auf den offiziellen Portalen bei vielen Fans zu dem Gefühl, sofort handeln zu müssen. Auf Zweitplattformen werde dieser Druck zusätzlich durch sogenannte Dark Patterns verstärkt: Countdown-Anzeigen laufen ab, Zusatzleistungen liegen bereits voreingestellt im Warenkorb oder müssen erst aktiv entfernt werden. Das begünstige unüberlegte Kaufentscheidungen.
Viele Veranstalter versuchen zwar, den gewerblichen Weiterverkauf durch ihre Allgemeinen Geschäftsbedingungen einzuschränken. Darin ist meist geregelt, wer Tickets weitergeben darf – etwa Fans, die krankheitsbedingt nicht zum Konzert gehen können. Gewerbliche Händler sind davon in der Regel ausgeschlossen.
Da der Ticketweiterverkauf nach deutschem Recht aber nicht grundsätzlich verboten ist, müssen unzulässige Angebote einzeln gefunden, dokumentiert und den Plattformen gemeldet werden, so Schreyer-Bestmann. Häufig würden die Inserate dennoch nicht gelöscht oder tauchten kurz darauf erneut auf. Hinzu komme, dass viele Verkäufer anonym und aus dem Ausland agierten.
Viagogo weist Kritik zurück
Viagogo verteidigt das eigene Geschäftsmodell. Ein Sprecher des Unternehmens sagt, man biete Fans angesichts schnell ausverkaufter Konzerte eine sichere und legale Möglichkeit, doch noch an Karten zu kommen. Überhöhte Preise würden zwar vereinzelt verlangt, fänden aber – wie bei anderen Waren auch – nur selten Käufer.
Nach Unternehmensangaben lagen im Jahr 2025 mehr als 70 Prozent der angebotenen Tickets im Durchschnitt unter 116 Euro. Außerdem werde der Erlös an Verkäufer erst ausgezahlt, wenn der Käufer mit dem Ticket tatsächlich Zutritt zur Veranstaltung erhalten habe. Das reduziere den Anreiz für Betrug.
Viagogo sieht die eigentlichen Ursachen der Probleme vor allem in dynamischen Preisstrategien, dem Einsatz von Bots und frustrierenden Vorverkaufsprozessen. Man selbst verstehe sich lediglich als Marktplatz zwischen Verkäufern und Fans.
Forderung nach strengeren Regeln
Der Konflikt um den Ticketzweitmarkt beschäftigt inzwischen auch die Politik. Im Kern gehe es um Verbraucherschutz, faire Wettbewerbsbedingungen, die Finanzierung kultureller Angebote und den Zugang zu Veranstaltungen, betont Schreyer-Bestmann.
Die Branche verlangt daher klare gesetzliche Vorgaben gegen nicht autorisierten gewerblichen Weiterverkauf. Gefordert werden unter anderem mehr Transparenzpflichten für Plattformen, ein Verbot von Leerverkäufen, eine Begrenzung des Preisaufschlags auf 25 Prozent über dem Originalpreis sowie wirksame Regeln zur Identifizierung gewerblicher Verkäufer.
Aus Sicht von Everke ist schnelles Handeln dringend nötig. Der Vertrauensverlust sei bereits spürbar. In diesem Sommer habe der spekulative Ticketzweitmarkt eine neue Größenordnung erreicht. Professionelle Wiederverkäufer agierten immer technischer und besser organisiert, zugleich nehme auch der Ticketbetrug auf den Plattformen weiter zu.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber