Im schnelllebigen Musikgeschäft ist Mireille Mathieu seit Jahrzehnten eine Ausnahme. Der schwarze Pagenschnitt, die roten Lippen und ihre klare, helle Stimme prägen ihr Bild seit den 1960er Jahren. Doch die Sängerin, die am Mittwoch, 22. Juli, 80 Jahre alt wird, ist weit mehr als ein unverändertes Symbol vergangener Zeiten.
Trotz ihrer langen Karriere erlebt Mathieu jeden Auftritt weiterhin mit großer Intensität. Im Gespräch beschreibt sie sich als neugierig, diszipliniert und sensibel. Auch nach Konzerten vor Staatsgästen, Monarchen und Millionenpublikum gehöre Lampenfieber für sie noch immer dazu.
Vor ihrem Jubiläumsabend im Pariser Olympia im Oktober des vergangenen Jahres sei sie nach eigenen Worten tagelang nervös gewesen. Gerade dort hatte einst alles begonnen: Im Dezember 1965 stand sie erstmals auf der Bühne des legendären Hauses. Sechs Jahrzehnte später kehrte sie mit einem kompletten Abendprogramm dorthin zurück.
Für Mathieu bleibt ein Konzert bis heute vor allem eines: eine echte Begegnung mit dem Publikum. Fans aus Deutschland, Skandinavien, Kanada, Brasilien, Mexiko und vielen weiteren Ländern waren zu diesem besonderen Anlass nach Paris gekommen.
Die Bilanz ihrer Laufbahn ist eindrucksvoll: mehr als 1.200 aufgenommene Lieder in zwölf Sprachen und über 3.000 Konzerte weltweit.
Der „Spatz von Avignon“ und seine enge Bindung an Deutschland
Ihre Karriere versteht Mireille Mathieu als Reise durch viele Kulturen. Gerade darin sieht sie das größte Geschenk ihres Berufs.
Besonders stark ist ihre Verbindung zu Deutschland. Hier wurde sie als „Spatz von Avignon“ bekannt – ein Beiname, der sowohl auf ihre südfranzösische Herkunft als auch auf ihre kleine Statur und ihre große Stimme anspielt. In Deutschland feierte sie mit Liedern wie „Hinter den Kulissen von Paris“ und „Akropolis Adieu“ große Erfolge.

Diese Beziehung hielt über Jahrzehnte. 1984 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz für ihren Beitrag zur deutsch-französischen Freundschaft geehrt. Begegnungen mit Künstlern wie Peter Alexander oder später Florian Silbereisen haben für sie bis heute einen besonderen Platz. Und auch jetzt ist dieses Kapitel nicht beendet: Im Herbst will Mathieu erneut in Deutschland auftreten.
Aus einfachen Verhältnissen auf die großen Bühnen der Welt
Ihr Lebensweg begann alles andere als glamourös. Mireille Mathieu wurde am 22. Juli 1946 in Avignon geboren, als ältestes von 14 Kindern. Die Familie lebte bescheiden. Ihr Vater arbeitete als Steinmetz und brachte seiner Tochter die Liebe zur Oper und zur Musik nahe.
Schon als Kind sang sie in der Kirche und bei Festen. Weil sie in der Schule Schwierigkeiten hatte, verließ sie früh den Unterricht und arbeitete zunächst in einer Fabrik. Ihren Traum vom Singen beschrieb sie später fast märchenhaft: Vor dem Spiegel habe sie mit einem Besen in der Hand von einer Karriere als Sängerin geträumt.
Der Wendepunkt kam 1964. Bei einem Talentwettbewerb in Avignon überzeugte sie mit einem Lied von Édith Piaf. Von da an veränderte sich ihr Leben schlagartig. Aus der jungen Fabrikarbeiterin wurde innerhalb kurzer Zeit ein Star. Die Verbindung zu Piaf blieb für sie stets bedeutsam – sie sieht in ihr bis heute eine künstlerische Mutterfigur.
Die Mutter als wichtigste Begleiterin
Wenn Mathieu über ihre eigene Mutter spricht, zeigt sie eine sehr persönliche Seite. Viele Jahre lang begleitete diese sie auf Reisen und war zugleich ihr größter Rückhalt. Noch heute fällt es der Sängerin schwer, das Lied „Maman la plus belle du monde“ zu singen, ohne emotional zu werden.
Überhaupt ist ihr Leben von Konsequenz geprägt. Sie achtet auf ausreichend Schlaf, ernährt sich bewusst, macht täglich Stimmübungen und schützt ihre Haut seit Jahrzehnten konsequent vor der Sonne. Mit einem Lächeln erzählt sie, dass sie bereits seit ihrem 23. Lebensjahr regelmäßig Sonnenschutz verwendet. Für sie ist diese Disziplin die Grundlage dafür, auch nach so vielen Jahren auf hohem Niveau auftreten zu können.
Glaube, Rückzug und innere Balance
Ruhe findet Mireille Mathieu in ihrem Zuhause in Neuilly-sur-Seine, umgeben von Magnolien und Hortensien. Auch ihr Glaube spielt für ihr inneres Gleichgewicht eine wichtige Rolle. Vor Konzerten geht sie in Kirchen, zündet eine Kerze an und singt für sich „Panis Angelicus“.
Diese Gewohnheit begleitet sie rund um die Welt. Sie erinnert sich etwa an eine armenische Kirche in Istanbul, in der sie singen durfte, oder an ein türkisches Lied, das sie auf Französisch interpretierte, während das Publikum den Refrain übernahm. Für Mathieu ist Musik eine Sprache, die Menschen über Grenzen hinweg verbindet.
Kein Gedanke ans Ende
An ein Karriereende denkt die französische Sängerin nicht. Zwar tritt sie inzwischen etwas kürzer: Statt großer, langer Tourneen plant sie eher kompaktere Reisen und möchte sich mehr Freiraum für sich selbst und kreative Vorhaben nehmen. Eine neue künstlerische Seite habe sie bereits entdeckt – darüber spricht sie jedoch mit der Bescheidenheit, die sie seit jeher auszeichnet. Sie selbst sagt: „Ich bin wirklich Anfängerin.“
Nach mehr als 60 Jahren auf der Bühne hat Mireille Mathieu nicht nur ihr berühmtes Erscheinungsbild und ihre unverwechselbare Stimme bewahrt. Geblieben sind auch ihre Ernsthaftigkeit, die Nähe zum Publikum und die bemerkenswerte Mischung aus Welterfahrung und Nervosität vor jedem Auftritt.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber