Wirtschaft

Warum VCs jetzt auf Verteidigung setzen

Damit deutsche Start-ups nicht fliehen: Der Plan der Regierung zeigt, wie Gründer jetzt mit neuen Hilfen im Land gehalten werden sollen.

22.07.2026, 07:00 Uhr

Kabinettsbeschluss: Bundesregierung setzt neue Start-up-Strategie mit Fokus auf Wachstum und Verteidigung um

Die Bundesregierung will junge, innovative Unternehmen in ihrer Wachstumsphase künftig gezielter fördern. Erstmals rückt dabei auch der Bereich Sicherheit und Verteidigung in den Mittelpunkt staatlicher Unterstützung. Die neue Startup- und Scaleup-Strategie der schwarz-roten Koalition wurde im Bundeskabinett verabschiedet.

Ziel ist es, vielversprechende Gründungen in Deutschland zu halten und zu verhindern, dass erfolgreiche Firmen bei ihrer internationalen Expansion ins Ausland abwandern.

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sagte, mit der Strategie lege die Regierung das „Fundament für die nächste Generation deutscher Weltmarktführer“. Sie nannte drei Schwerpunkte: Gründen erleichtern, Wachstum beschleunigen und Innovation in Deutschland halten. Dafür sollen bürokratische Hürden sinken, mehr privates und öffentliches Wagniskapital mobilisiert und Ausgründungen direkt aus der Wissenschaft erleichtert werden. Zudem nimmt die Bundesregierung erstmals gezielt auch Start-ups aus der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie in den Blick.

Schub für Sicherheits- und Verteidigungs-Start-ups

Nach Angaben von Reiche ist die veränderte sicherheitspolitische Lage seit dem russischen Angriff auf die Ukraine ein wesentlicher Grund dafür, dass Sicherheits- und Verteidigungstechnologien deutlich an Bedeutung gewonnen haben. Der Branche habe das einen starken Schub gegeben.

Deutschland habe es 2025 geschafft, europaweit das meiste Kapital in diesen Sektor zu lenken. Unternehmen wie Quantum-Systems, Tytan Technologies, Stark Defense oder Helsing erreichten inzwischen Finanzierungsrunden und Bewertungen von deutlich mehr als 100 Millionen Euro.

Im Fokus stehen laut Reiche unter anderem Drohnen, Hyperschalltechnologien sowie Raumfahrt- und Satellitenlösungen zur Überwachung und Geodatenerfassung. Häufig basierten diese Entwicklungen auf Technologien, die ursprünglich aus zivilen Anwendungen stammen.

Als entscheidend für den Markterfolg sieht die Ministerin die Rolle des Staates als „Ankerkunde“. Wenn das Verteidigungsministerium Produkte verlässlich abnehme, verbessere das die wirtschaftliche Planbarkeit und erleichtere zugleich die Finanzierung über Banken und Investoren – auch ohne direkte Fördermittel.

Mehr Kapital für die Wachstumsphase

Ein zentrales Problem vieler Start-ups bleibt der schwierige Zugang zu ausreichend Wachstumskapital. Um dieses Nadelöhr zu entschärfen, will der Bund unter anderem den Deutschlandfonds ausbauen.

Der Fonds ist ein Förder- und Absicherungsprogramm, das mithilfe staatlicher Garantien Investitionsrisiken abfedern soll. Auf diese Weise sollen laut Strategiepapier bis zu 130 Milliarden Euro privates Kapital für Zukunfts- und Infrastrukturprojekte in Deutschland mobilisiert werden.

Außerdem sollen Wagniskapital-Investitionen in der Altersvorsorge künftig eine größere Rolle spielen. Auch Stiftungen sollen leichter in die Lage versetzt werden, verstärkt in Start-ups zu investieren.

Weniger Bürokratie und einfachere Gründungen

Neben der Finanzierung setzt die Strategie auf den Abbau bürokratischer Hürden. Mit dem Projekt „Schneller Gründen“ sollen Verwaltungsprozesse durchgängig digitalisiert werden.

Auf europäischer Ebene strebt die Bundesregierung zudem eine einheitliche Rechtsform an, damit grenzüberschreitende Aktivitäten junger Unternehmen spürbar einfacher werden. Zusätzlich soll es leichter werden, Gründungen direkt aus der Wissenschaft heraus auf den Weg zu bringen.

EY-Studie zeigt wachsenden Druck auf kleinere Start-ups

Wie dringend politischer Handlungsbedarf ist, zeigt das aktuelle Start-up-Barometer von EY. Demnach wurden im ersten Halbjahr 2026 in Deutschland zwar rund 5,3 Milliarden Euro Risikokapital eingesammelt – ein Plus von 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig sank die Zahl der Finanzierungsrunden um elf Prozent.

Hintergrund ist, dass viele Investoren ihr Geld zunehmend in vermeintlich sichere Anlagen und wenige große Finanzierungsdeals mit mehr als 50 Millionen Euro stecken. Gerade kleinere und junge Start-ups geraten dadurch im Wettbewerb um Kapital stärker unter Druck.

Die Strategie der Bundesregierung soll deshalb den Kapitalzugang über alle Wachstumsphasen hinweg breiter absichern und die Gründerszene in der Breite robuster aufstellen.

Zustimmung von Start-up-Verband und Industrie

Die neue Strategie wurde vom Startup-Verband grundsätzlich begrüßt. Entscheidend sei nun aber die Umsetzung, sagte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Helmut Schönenberger. Aus dem Papier müsse nun schnell Realität werden. Angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage und hoher Jobverluste in der klassischen Industrie müsse sich Deutschland deutlich stärker für Neues öffnen.

Auch aus der traditionellen Industrie kommt Zustimmung. Hildegard Müller, Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), betonte die Bedeutung einer engeren Zusammenarbeit zwischen Start-ups und Mittelstand. Start-ups wirkten etwa bei Software als schnelle Innovationstreiber, während der Mittelstand industrielle Skalierungskraft einbringe. Es sei deshalb positiv, dass die Strategie ausdrücklich auf eine stärkere Kooperation zwischen jungen Technologieunternehmen und etablierten Betrieben setze.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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