Quasthoff fordert mehr Offenheit bei Klassikwettbewerben
Bassbariton Thomas Quasthoff wünscht sich von Jurymitgliedern bei Musikwettbewerben einen deutlich ehrlicheren Umgang mit jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Im Gespräch mit der dpa sagte der 66-Jährige, in diesem Bereich werde oft nicht klar genug gesprochen.
Der Sänger, der 1988 selbst den ARD-Musikwettbewerb gewann, berichtet, dass ihm viele Studierende nach Wettbewerben sagten, sie wüssten am Ende nicht, wie ihre Leistung wirklich eingeschätzt worden sei. Häufig bekämen sie nur freundliche, aber wenig konkrete Rückmeldungen zu hören.
Nach Quasthoffs Ansicht müssen angehende Musikerinnen und Musiker jedoch lernen, auch sachlich begründete Kritik anzunehmen. Ehrlichkeit gehöre zum Beruf, betonte er – selbst dann, wenn das Urteil negativ ausfalle. Ebenso wichtig sei es, Musik nicht nur technisch perfekt, sondern mit echter innerer Überzeugung zu gestalten.
Auch aus Sicht der ARD entscheidet am Ende nicht bloße Virtuosität über den Erfolg. Ausschlaggebend sei vielmehr, wer die künstlerisch überzeugendste Interpretation bietet.
75. Ausgabe des ARD-Musikwettbewerbs
Für Quasthoff war der Erfolg beim ARD-Musikwettbewerb ein entscheidender Karriereschritt. In diesem Jahr veranstaltet der Bayerische Rundfunk den Wettbewerb zum 75. Mal. Junge Talente aus vielen Ländern treten dabei in wechselnden Kategorien gegeneinander an.
Bis zum 18. September messen sich diesmal 184 Musikerinnen und Musiker aus 32 Staaten in den Fächern Fagott, Schlagzeug, Streichquartett und Orgel. Gerade die Orgel stand zwischenzeitlich aus finanziellen Gründen zur Debatte, konnte aber durch die Unterstützung eines neuen Sponsors im Programm bleiben.

Wer den Wettbewerb verfolgen möchte, kann dies auch online tun. Ab dem Halbfinale sind insgesamt 18 Livestreams bei ARD Klassik geplant. Zu den Veranstaltungsorten in München zählen unter anderem das Amerikahaus, das Prinzregententheater und die Jesuitenkirche St. Michael. Das Abschlusskonzert der Preisträgerinnen und Preisträger findet am 18. September im Herkulessaal mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks statt. Zusätzlich ist für den 7. November ein Festkonzert zum Jubiläum angekündigt.
Wettbewerb mit großer Tradition und finanziellen Einschnitten
Der ARD-Musikwettbewerb wurde erstmals 1952 ausgetragen. Im Lauf der Jahrzehnte nahmen dort zahlreiche Künstlerinnen und Künstler teil, die später international berühmt wurden – darunter Jessye Norman, Maurice André und Mitsuko Uchida.
Allerdings geriet die traditionsreiche Veranstaltung zuletzt stark unter finanziellen Druck. 2023 wurde bekannt, dass die ARD ihren Beitrag für 2025 im Zuge allgemeiner Sparmaßnahmen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk auf 370.000 Euro halbieren würde. Zugleich war vorgesehen, die Zahl der Disziplinen von vier auf drei zu senken. Daran gab es deutliche Kritik, etwa vom Bayerischen Musikrat.
2025 stellte der Bayerische Rundfunk dann einen neuen Förderer vor: Die Ernsting Kunst- und Kulturstiftung sagte eine Unterstützung zunächst bis 2028 zu. Damit konnten wieder vier Kategorien angeboten werden, und auch das Fach Orgel blieb erhalten.
Rückzug aus der Klassik, Neubeginn im Jazz
Quasthoff blickt dankbar auf die Möglichkeiten zurück, die ihm der erste Preis beim ARD-Wettbewerb eröffnet hat. Aus der klassischen Musik zog er sich jedoch 2012 zurück und widmete sich danach vor allem dem Jazz.
Als Grund nannte er die tiefe persönliche Erschütterung nach dem Tod seines Bruders. Dieser Verlust habe ihn so getroffen, dass er zwei Jahre lang nicht habe singen können. Als seine Stimme zurückgekehrt sei, habe er sich für den Jazz entschieden – ein Genre, das ihn schon lange gereizt habe. Außerdem sei es ihm wichtig gewesen, sich von der Klassik zu verabschieden, solange er stimmlich noch auf hohem Niveau gewesen sei.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber