Sylvester Stallone erzählt in seinen Memoiren von Abstürzen, Zweifeln und dem langen Weg zum Ruhm
Als Sylvester Stallone Mitte der 1970er Jahre von New York nach Hollywood zog, war er weder ein bekannter Schauspieler noch ein gefragter Autor – und finanziell praktisch am Ende. In seiner nun auch in Deutschland erschienenen Autobiografie „The Steps: Die Geschichte meines Lebens“ beschreibt er, wie ernüchternd die ersten Begegnungen in der Filmmetropole waren. Ein Casting-Verantwortlicher habe ihn gleich zu Beginn abgekanzelt: Er nuschele, sehe nicht passend aus und habe einen schiefen Mund.
Der heute 80-Jährige, der später mit Reihen wie „Rocky“ und „Rambo“ weltberühmt wurde, zeigt sich in dem Buch ungewöhnlich verletzlich. Statt nur die Legende des harten Actionstars zu pflegen, schreibt Stallone offen über Ängste, innere Unsicherheit und frühe seelische Verletzungen. Besonders schonungslos blickt er auf sein Elternhaus zurück: auf einen gewalttätigen Vater und eine Mutter, die ihm das Gefühl gegeben habe, unerwünscht zu sein und die Familie verließ, als er elf Jahre alt war.
Der Titel als Symbol seines Aufstiegs
Der Name „The Steps“ spielt auf die berühmte Treppe vor dem Philadelphia Museum of Art an, die Rocky Balboa im Film hinaufläuft. Passend dazu ist das Buch nicht klassisch in Kapitel, sondern in „Stufen“ gegliedert. Stallone verfolgt darin seinen Lebensweg bis zu jenem Moment, der alles veränderte: dem Triumph von „Rocky“ bei den Oscars.
Das Boxdrama, das 1977 als Underdog-Geschichte Filmgeschichte schrieb, gewann die Academy Awards für Bester Film, Regie und Schnitt. Stallone selbst war zwar als Hauptdarsteller und Autor nominiert, ging aber ohne Trophäe nach Hause. Der internationale Erfolg machte ihn dennoch über Nacht zum Star.

Der Kampf um „Rocky“
Sein berühmtestes Drehbuch habe er in nur wenigen Tagen mit beinahe manischer Energie geschrieben, erinnert sich Stallone. Er überzeugte United Artists davon, das Skript zu kaufen – stellte aber eine Bedingung: Er wollte die Hauptrolle selbst spielen. Für die Produzenten war das zunächst kaum vorstellbar. Ein nahezu unbekannter Darsteller mit leichter Gesichtslähmung und Sprachproblemen schien ihnen nicht vermittelbar.
Stallone blieb jedoch hartnäckig. Rückblickend beschreibt er diesen Machtkampf in Hollywood fast wie einen Boxkampf um Selbstachtung und Würde – ähnlich wie die Figur Rocky selbst.
Mehr als eine klassische Erfolgsgeschichte
Für Filmfans ist das Buch auch ein Blick hinter die Kulissen Hollywoods: auf Rückschläge, Demütigungen und den Preis des Durchhaltens. Doch Stallones Erinnerungen gehen über die übliche Vom-Tellerwäscher-zum-Star-Erzählung hinaus. Es ist vor allem die Geschichte eines Mannes, der sich gegen schlechte Voraussetzungen und tiefe Kränkungen stemmt.
Seinen unbedingten Kampfeswillen führt Stallone auf seine frühen Lebensumstände zurück. Schon seine Geburt am 6. Juli 1946 in einer Armenklinik in New York verlief schwierig. Durch eine Zangengeburt, so schreibt er, habe er dauerhafte Schäden davongetragen – darunter die markante Schieflage im Mund und Probleme beim Sprechen.
Schwere Kindheit und traumatische Erfahrungen
Zeitweise wurde Stallone von seinen Eltern in ein Heim für schwer erziehbare Jugendliche geschickt. Dort, so berichtet er, sei er zur Strafe in eine gefürchtete geschlossene Abteilung gesperrt worden, die unter den Insassen als „Schlangengrube“ bekannt gewesen sei. Er schildert, dort körperlich attackiert worden zu sein. Gebrochen habe ihn diese Erfahrung aber nicht – im Gegenteil, sie habe ihn widerstandsfähiger gemacht.
Auch später habe er immer wieder um die Anerkennung seiner Eltern gerungen. Besonders bitter sei für ihn gewesen, dass seine Mutter 1977 sogar ablehnte, ihn zur Oscar-Verleihung zu begleiten. Sein Vater habe ihn wiederum gedrängt, ihm in „Rocky“ eine kleine Rolle zu geben. Stallone bezeichnet das im Rückblick als Fehler, der zu Streit führte. Dennoch sei in ihm stets der Wunsch geblieben, den Vater doch noch stolz zu machen.
Armut, Gelegenheitsjobs und erste Minirollen
Trotz vieler harter Erinnerungen blickt Stallone auch mit Ironie auf seine frühen Jahre in New York zurück. Bei Agenturen habe er sich mit billigen Automatenfotos vorgestellt, auf denen er – wie er selbst schreibt – eher wie ein „italienischer Ameisenbär“ ausgesehen habe.
Um über die Runden zu kommen, nahm er die unterschiedlichsten Jobs an: unter anderem säuberte er ein Löwengehege im Zoo und arbeitete als Platzanweiser im Kino. Er lebte nach eigenen Angaben von Hüttenkäse und Eiern und hauste in winzigen Zimmern.
In den frühen 1970er Jahren ergatterte er nur kleinere Filmauftritte. Dazu gehörten eine Rolle im Erotikfilm „The Party at Kitty and Stud’s“, ein kurzer Auftritt in Woody Allens „Bananas“ sowie seine erste Sprechrolle in „Brooklyn Blues – Das Gesetz der Gosse“. Weil ihn die stockende Schauspielkarriere frustrierte, konzentrierte er sich zunehmend aufs Schreiben.
Offenheit über Gesundheit, Panik und Essstörung
Mit seinen Memoiren zieht Stallone auch öffentlich Bilanz. In Interviews sprach er zuletzt über Panikattacken, die ihn nach eigenen Worten erstmals mit 36 Jahren trafen. Rückblickend sagt er, er habe seinen Körper über Jahre missbraucht. Die Folgen seien gravierend gewesen: zahlreiche Operationen am Rücken, an den Schultern und an der Halswirbelsäule. Zwar halte er sich noch fit, doch müsse er heute viele Medikamente nehmen.
Außerdem berichtet er von einer früheren Bulimie-Erkrankung. Während der Dreharbeiten zu „Rocky III“ sei sein Körperfettanteil auf extrem niedrige 2,6 Prozent gesunken. Er habe kaum noch Nahrung bei sich behalten können. Diese Phase beschreibt Stallone als zwanghafte Fixierung auf den eigenen Körper. Eine solche körperliche Verfassung sei auf Dauer nicht ohne Hilfsmittel und Steroide erreichbar, räumt er ein.
Gewidmet seiner Familie
Heute steht Stallone auch mit 80 noch vor der Kamera, etwa für die Mafia-Serie „Tulsa King“. Seine Autobiografie widmet er seiner Frau Jennifer Flavin sowie den gemeinsamen Töchtern Sophia, Sistine und Scarlet.
Im Nachwort erklärt er, warum die Geschichte von Rocky Balboa für so viele Menschen eine besondere Bedeutung hat: Sie erinnert daran, in schwierigen Zeiten nicht aufzugeben. Genau darin sieht Stallone offenbar auch die Botschaft seines eigenen Lebens.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber