ESC-Finale in Wien gestartet: 25 Songs im Rennen
In Wien hat am Samstagabend um 21.00 Uhr das Finale des 70. Eurovision Song Contest begonnen. 25 Beiträge kämpfen um den Sieg, der nach der traditionell langwierigen Punktevergabe gegen 1.00 Uhr feststehen soll. Die Show wird live im Ersten übertragen und dürfte erneut ein Millionenpublikum erreichen.
Für Deutschland hat Sarah Engels ihren Song „Fire“ inzwischen bereits auf die Bühne gebracht. Die 33-Jährige trat als zweite Kandidatin des Abends auf – ein Startplatz, der unter ESC-Fans seit Jahrzehnten als besonders schwierig gilt. Gewonnen hat von Position zwei bisher noch niemand.
Sarah Engels setzt auf Energie, Pyrotechnik und Trickkleid
Engels begegnete dem vermeintlichen Startplatz-Fluch mit einem aufwendigen Auftritt. Ihre Inszenierung begann zunächst zurückgenommen und emotionaler, bevor Choreografie und Pyrotechnik deutlich an Fahrt aufnahmen. ESC-Kommentator Thorsten Schorn kommentierte die Feuershow scherzhaft mit den Worten, was da alles abgebrannt worden sei – nun steige wohl wieder der Spritpreis.
Für Aufmerksamkeit sorgte auch das Kostümkonzept: Engels trug zunächst ein weißes Trickkleid, das von ihren Tänzerinnen zerrissen wurde. Darunter kam dann das eigentliche Bühnenoutfit zum Vorschein. Einer der Höhepunkte war erneut der exakt getimte rückwärtige Fall in die Arme ihrer Tänzerinnen. In der Wiener Stadthalle gab es dafür lauten Applaus.
Schon vor dem Finale hatte sich Engels zuversichtlich gezeigt. Nach der letzten Generalprobe wenige Stunden vor der Show sagte sie, sie fühle sich gut. Auch persönlich wirkte sie entspannt: Die Nacht vor dem Finale sei ruhig gewesen, sagte sie der „Bild“. Rund siebeneinhalb Stunden Schlaf seien für sie als Mutter sogar ungewöhnlich viel gewesen.
Unterstützung bekam sie aus Familie und Prominenz. Nach ihren Angaben waren ihre Mutter und ihr Bruder in der Halle, ihr Mann unterstützte sie im sogenannten Green Room. Dort sollte auch ein kleines Glücksbringer-Faultier mit auf dem Sofa sitzen. In sozialen Netzwerken drückte unter anderem die deutsche ESC-Gewinnerin Nicole die Daumen.
„Fire“ soll Frauen stärken
Die Kölnerin, die 2011 durch die RTL-Show „Deutschland sucht den Superstar“ bekannt wurde, verbindet mit ihrem Lied auch eine klare Botschaft. „Fire“ soll Frauen stärken. Engels hatte im Vorfeld betont, ihr liege diese Aussage besonders am Herzen – auch, weil sie selbst Mutter sei und sehe, wie wichtig Vorbilder seien.
Finale in Österreich nach JJs Sieg im Vorjahr
Im vergangenen Jahr hatte in Basel der österreichische Countertenor JJ gewonnen. Deshalb wird der Wettbewerb diesmal in Österreich ausgetragen, gemeinsam organisiert mit dem ORF. Moderiert wird der Abend von Victoria Swarovski und Michael Ostrowski.
So läuft die Abstimmung im Finale
Ein großer Teil der Wertung steht bereits fest: Die nationalen Jurys haben die Generalprobe vom Freitagabend bewertet. Diese Jury-Punkte werden in den bekannten Länderschalten rund um Mitternacht bekanntgegeben.
Die Zuschauerinnen und Zuschauer können während der gesamten Show abstimmen – allerdings nicht für das eigene Land. Diese Televotes bilden die zweite Hälfte der Wertung und werden später in größeren Blöcken verkündet.
Für Deutschland werden die Punkte aus Baden-Baden von Wavvyboi verkündet. Er war beim deutschen Vorentscheid, der erstmals seit Jahren nicht vom NDR, sondern vom SWR verantwortet wurde, auf Platz zwei hinter Sarah Engels gelandet.
Buchmacher sehen Finnland vorne
Als Favoritin auf den Gesamtsieg galt Deutschland im Vorfeld nicht. Bei den Buchmachern lag kurz vor dem Finale vor allem Finnland vorn. Gute Chancen wurden daneben unter anderem auch Australien, Griechenland, Bulgarien und Israel eingeräumt.
Finnland setzt auf das Duo Linda Lampenius und Pete Parkkonen. Der Beitrag zählt seit Stunden zu den meistgenannten Favoriten. Sollte Finnland gewinnen, wäre es der erste ESC-Sieg des Landes seit Lordi 2006 mit „Hard Rock Hallelujah“.
ESC-Kommentator Thorsten Schorn hatte den finnischen Beitrag im Vorfeld als besonders stark eingeschätzt – auch, weil er in der Landessprache gesungen wird. Der Titel „Liekinheitin“ konkurriert auch optisch mit Deutschlands „Fire“, denn beide Auftritte arbeiten mit viel Feuer und Effekten.
Boykott und Proteste wegen Israels Teilnahme
Überschattet wird der ESC weiterhin von politischen Spannungen. Spanien, die Niederlande, Irland, Slowenien und Island boykottieren den Wettbewerb 2026 aus Protest gegen Israels Vorgehen im Gazastreifen und gegen dessen Teilnahme. Mit Spanien fehlt damit auch ein Mitglied der sogenannten Big Five, das normalerweise automatisch für das Finale gesetzt ist.
Vor der Finalshow demonstrierten am Samstagnachmittag mehrere Tausend Menschen in Wien gegen Israels Teilnahme. Aus Kreisen der Einsatzkräfte hieß es, rund 2.600 Menschen hätten sich trotz schlechten Wetters an dem Protestzug beteiligt. Die Kundgebung stand unter dem Motto „Keine Bühne für den Völkermord“.
Die Demonstrierenden warfen den ESC-Veranstaltern Doppelmoral vor, weil Israel teilnehmen dürfe, Russland aber ausgeschlossen sei. Auf Plakaten standen Slogans wie „Freiheit für Palästina“ oder „Block Eurovision“.
Deutschland und Gastgeber Österreich hatten dagegen früh klargemacht, dass sie an dem Wettbewerb festhalten und Israels Teilnahme unterstützen. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hatte angekündigt, persönlich nach Wien zu reisen.
Sicherheitsvorkehrungen rund um die Show
Rund um das Finale wurden in Wien mehrere Kundgebungen angemeldet, darunter viele aus dem propalästinensischen Spektrum. Die Polizei rechnet zudem mit spontanen Störaktionen oder Blockadeversuchen.
Direkt an der Wiener Stadthalle dürften solche Proteste allerdings kaum möglich sein. Das Gelände ist weiträumig abgesperrt, Platzverweise können jederzeit ausgesprochen werden. Auch das ESC-Village vor dem Rathaus sowie die große Diskothek im Prater, in der die After-Show-Partys stattfinden, sind nur nach Kontrollen zugänglich. Taschen sind dort nicht erlaubt.
Nach Angaben der Polizei wurden rund 16.000 Personen mit Bezug zur Veranstaltung überprüft. Zusätzlich gilt rund um die Veranstaltungsorte ein Drohnenflugverbot.
Sorge um Schwedens Starterin Felicia
Kurz vor dem Finale wurde auch ein Vorfall hinter den Kulissen bekannt. Die schwedische Teilnehmerin Felicia erlitt nach der Generalprobe in der Nacht zum Samstag einen Kreislaufkollaps. Das berichtete „Aftonbladet“ unter Berufung auf die Leiterin des schwedischen ESC-Teams, Lotta Furebäck.
Der Sender SVT teilte mit, dass die Sängerin nach der Probe in ihrem Umkleideraum einen Blutdruckabfall hatte. Ursache sei Dehydrierung gewesen – demnach habe Felicia im Tagesverlauf zu wenig gegessen und getrunken.
Felicia erklärte später, im Green Room sei es „unglaublich heiß“ gewesen, ihr sei dort zunehmend schwindelig geworden. Nach Schlaf, Essen und viel Flüssigkeit sei sie nun wieder bereit für den Finaltag.
Wegen des Vorfalls nimmt sie nach Angaben ihrer Delegation nicht an der Fahnen-Parade zur Eröffnung der Kostümprobe teil. Außerdem darf sie sich nach ihrem Auftritt umziehen, damit sie nicht die gesamte Show in ihrem engen Bühnenkostüm im Green Room verbringen muss. Das schwedische Team steht nach eigenen Angaben auch mit dem ORF wegen der Hitze in der Arena in Kontakt.
Felicia tritt für Schweden mit dem Elektro-Popsong „My System“ an. Auf der Bühne trägt sie eine schwarze Spitzenmaske über Mund und Nase, begleitet von einer Lasershow in rotem und grellweißem Licht.
Diese Regeln wurden 2026 geändert
Für den ESC 2026 wurden mehrere Regeln angepasst. Neu ist unter anderem, dass in den Halbfinals über das Weiterkommen nicht mehr allein das Publikum entscheidet. Die Hälfte der Punkte vergeben wieder die nationalen Jurys – ein System, das zuletzt nur im Finale galt.
Außerdem wurde die maximale Zahl der Stimmen pro Person via App, SMS oder Anruf von 20 auf 10 reduziert. Damit reagierte die Europäische Rundfunkunion auf die Debatten nach dem ESC 2025.
Damals war Israels Sängerin Yuval Raphael dank außergewöhnlich vieler Zuschauerstimmen auf Platz zwei gekommen. Danach wurde über eine gezielte Mobilisierung von Unterstützern zugunsten Israels spekuliert.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion