Für den Deutschen Buchpreis 2026 sind 20 Romane auf die Longlist gesetzt worden. Nach Angaben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels sind 17 der nominierten Autorinnen und Autoren zum ersten Mal dabei. Zudem finden sich sechs Debüts auf der Liste. Die Entscheidung über den Preis fällt am 5. Oktober in Frankfurt, einen Tag vor Beginn der Frankfurter Buchmesse.
Schon die Auswahl zeigt eine große thematische Bandbreite: von Essenslieferanten als Chronisten einer globalisierten Gegenwart über eine junge Zwangsarbeiterin auf einem norddeutschen Hof in Kriegszeiten bis hin zu den Träumen eines Programmierers in der DDR. Hinzu kommen Geschichten über eine Kindheit in einer Kommune im Berliner Kreuzberg der 1980er Jahre, über politische Verfolgung und über eine Ehe, die bei einem Kurztrip nach Heidelberg aus dem Gleichgewicht gerät.
„Das Vergangene ergründen, um Gegenwart zu verstehen“
Jurysprecherin Cornelia Geißler von der „Berliner Zeitung“ betonte, die Longlist solle die Vielfalt dieses Literaturjahrgangs sichtbar machen. Trotz aller Unterschiede seien die Romane „ein Spiegel unserer Zeit“.
Auffällig sei außerdem, dass viele Bücher auf unterschiedliche Weise in die Vergangenheit zurückgehen, um die Gegenwart verständlicher zu machen. Die ausgewählten Titel seien stilbewusst, innovativ und teils auch humorvoll. Zugleich erzählten sie von verletzlichen Figuren und von Aufbrüchen in eine andere Zukunft. In einer Welt wachsender Verunsicherung, so die Jury, könne Literatur Orientierung geben – Lesen helfe.
Die Longlist in alphabetischer Reihenfolge
- Shida Bazyar: Die Lücken
- Helene Bukowski: Wer möchte nicht im Leben bleiben
- Miriam Carbe: Unerwünschte Töchter
- Muri Darida: King Cobra
- Alisha Gamisch: Parasiti
- Franziska Gänsler: Orca
- Tomer Gardi: Liefern
- Valeria Gordeev: Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle
- Elias Hirschl: Schleifen
- Svenja Leiber: Nelka
- Leh-Wei Liao: Glaszeit
- Peggy Mädler: Selbstregulierung des Herzens
- Giuliano Musio: Aus anderem Holz
- Yade Yasemin Önder: Anti Müller
- Lukas Rietzschel: Sanditz
- Ingo Schulze: Das Wasser im August
- Heinz Strunk: Memories of Heidelberg
- Karosh Taha: Gulistan
- Lilli Tollkien: Mit beiden Händen den Himmel stützen
- Dana Vowinckel: Anton und Alma
Am 8. September wird die Auswahl auf sechs Bücher für die Shortlist reduziert.
Prominente Namen und sechs Debüts
Zu den bekannteren Namen auf der Longlist zählen Ingo Schulze und Heinz Strunk. Auch Shida Bazyar stand bereits früher auf der Longlist. Schulze wird für seinen nun nominierten Roman Das Wasser im August außerdem mit dem Uwe-Johnson-Preis 2026 ausgezeichnet. Strunk zeigt sich in Memories of Heidelberg als Beobachter zwischenmenschlicher Abgründe.
Gleich sechs Romandebüts haben es auf die Liste geschafft: von Miriam Carbe, Muri Darida, Alisha Gamisch, Valeria Gordeev, Leh-Wei Liao und Lilli Tollkien. Carbe spannt in Unerwünschte Töchter eine Familiengeschichte über ein ganzes Jahrhundert. Gamisch folgt in Parasiti den Lebenswegen von drei russlanddeutschen Frauen. Bachmann-Preisträgerin Gordeev erzählt von einer Familie zwischen Kiew, Moskau und Berlin und von einer Welt, die aus den Fugen geraten ist.
Mehrsprachigkeit und weniger Autofiktion
Nach Beobachtung der Jury fließen in mehreren nominierten Romanen Elemente anderer Sprachen ein, etwa bei Gordeev, Darida, Gamisch und Liao. Geißler hob hervor, wie biografische Mehrsprachigkeit hier in literarischen Reichtum übergehe.
Zugleich sieht die Jury einen Rückgang autofiktionalen Schreibens. Statt stärkerer Selbstbeschau gehe es häufiger um größere gesellschaftliche Themen, die an einzelnen Figuren erzählt würden.
So handelt Anton und Alma von einer großen Liebe in einer gespaltenen Welt. In Gulistan steht das Leben einer Kurdin im Mittelpunkt, die in einem feindseligen Umfeld lebt. Liefern macht Essenslieferanten zu Chronisten der Gegenwart und erzählt von Ausbeutung ebenso wie von Menschlichkeit. Sanditz, angesiedelt in einer fiktiven Lausitzer Kleinstadt, reicht von den 1970er Jahren bis zur Corona-Pandemie und dem Beginn des Ukraine-Krieges.
Preisgeld von insgesamt 37.500 Euro
Insgesamt sichtete die Jury 205 Titel, die zwischen Herbst 2025 und Anfang September 2026 erschienen sind oder noch erscheinen werden. Der Deutsche Buchpreis zählt zu den wichtigsten Literaturauszeichnungen im deutschsprachigen Raum.
Das Preisgeld beträgt insgesamt 37.500 Euro. Auf die Gewinnerin oder den Gewinner entfallen 25.000 Euro, die übrigen fünf Autorinnen und Autoren der Shortlist erhalten jeweils 2.500 Euro.
Jurysprecherin Geißler zog mit Blick auf den Jahrgang ein positives Fazit: Um die Literatur müsse man sich derzeit keine Sorgen machen.
Im vergangenen Jahr wurde Dorothee Elmiger für ihren Roman Die Holländerinnen ausgezeichnet.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber