Die deutsche Filmemacherin Isabelle Stever, bekannt durch Das Wetter in geschlossenen Räumen, zählt beim 79. Internationalen Filmfestival von Locarno zu den aussichtsreichen Namen. Ihr als deutsch-ukrainische Koproduktion entstandenes Drama I Rarely Wake Up Dreaming (Ich wache selten träumend auf) gehört in der ersten Hälfte des Festivals zu den Werken, die besonders viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben.
Gemeinsam mit der ukrainischen Autorin Anna Melikova richtet Stever den Blick hinter die täglichen Kriegsbilder aus der Ukraine. Im Mittelpunkt steht die Beziehung von Olya und Oleh. Ihre Liebe wird nicht nur durch den Krieg auf eine harte Probe gestellt, sondern auch dadurch, dass Oleh sich in einem Übergang von einer weiblichen zu einer männlichen Identität befindet. Unter dem Druck der äußeren Umstände geraten beide in tiefgreifende existenzielle Konflikte – und es bleibt offen, ob ihre Bindung dem dauerhaft standhalten kann.
Jenseits klassischer Rollenbilder
Der Film überzeugt nicht nur durch seine klare Haltung gegen Gewalt, sondern auch durch seine unsentimentale Auseinandersetzung mit tradierten Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit. Die Geschichte wirkt vor allem wegen der intensiven Darstellung der ukrainischen Laiendarsteller Tania Myronyshena und Markus Bright in den Hauptrollen außergewöhnlich glaubwürdig. Zugleich reicht das Thema weit über das Schicksal des Paares hinaus: Es berührt grundlegende Fragen nach Identität und Selbstverwirklichung in modernen Gesellschaften. In Locarno gilt der Film deshalb bereits für viele als preiswürdig.

Große Beachtung fand außerdem das französisch-indische Episodendrama Rehmat (Mitgefühl) von Gurvinder Singh. Auch dieses Werk wurde mit viel Applaus aufgenommen. In ruhigem, beinahe märchenhaftem Ton erzählt der Film in drei miteinander verflochtenen Episoden von Menschen in Punjab, einer Region, die 1947 mit der Unabhängigkeit Indiens geteilt wurde. Die Folgen dieser historischen Entscheidung wirken bis heute nach und nähren Angst, Ablehnung und Intoleranz.
Offenheit statt Vorurteile
Doch das Drama konzentriert sich nicht allein auf die dunklen Seiten dieses Erbes. Es zeigt vielmehr Möglichkeiten des Zusammenlebens auf. Ohne pathetische Überhöhung macht der Film deutlich, wie wichtig es ist, einander ohne Vorurteile zu begegnen und zuzuhören. In einem Wettbewerb, der bislang häufig von düsteren Gesellschaftsbildern geprägt war, setzt Rehmat einen anderen Akzent: Der Film feiert auf eindringliche und packende Weise das Vertrauen in einfache Menschlichkeit.
Ganz anders präsentiert sich Ich ist ein Anderer von Felix Randau, dem Regisseur von Der Mann aus dem Eis. In dem Kammerspiel steht Felix Kersten (1898–1960) im Mittelpunkt, der Masseur des SS-Reichsführers Heinrich Himmler, einer Schlüsselfigur des nationalsozialistischen Terrorapparats. Nach dem Zweiten Weltkrieg stilisierte sich Kersten selbst als Retter zahlreicher Juden und KZ-Häftlinge. Ob diese Darstellung den Tatsachen entspricht, ist bis heute umstritten.
Respekt trotz harter Gegensätze
Der Film versucht nicht, diese historische Frage abschließend zu klären. Stattdessen entwickelt er ein gedankliches Kräftemessen zwischen Kersten, gespielt von Claes Bang, und einer fiktiven Journalistin, dargestellt von Valerie Pachner. Im Kern geht es darum, wie Menschen mit völlig gegensätzlichen Positionen miteinander umgehen können, ohne in Hass und Eskalation zu verfallen. Gerade darin liegt die aktuelle Relevanz des Films. Bei der Vorstellung in Locarno betonte Claes Bang, dass Hass und Beschimpfungen niemals weiterhelfen, sondern stets ins Desaster führen. Vernunft und gegenseitiger Respekt müssten selbst in schärfsten Auseinandersetzungen Vorrang haben.
Für den Goldenen Leoparden ist Ich ist ein Anderer allerdings nicht im Rennen, da der Film außerhalb des Wettbewerbs auf der Piazza Grande gezeigt wurde. Das Freiluftkino in Locarno bietet Platz für bis zu 9.000 Besucher. Dort werden am Abend des 15. August auch der Goldene Leopard und die weiteren Festivalpreise vergeben.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber