Marion Ackermann über Kultur unter Druck, das Pergamonmuseum und finanzielle Engpässe
Marion Ackermann, seit einem Jahr Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, hält es für befremdlich, dass US-Präsident Donald Trump nun auch Museen ins Visier nimmt. Die Leiterin der Stiftung, zu der unter anderem die Berliner Museumsinsel gehört, spricht über Angriffe auf die Freiheit der Kunst, politische Einflussnahme auf Kultur, die Wiedereröffnung des Pergamonmuseums und die schwierige Finanzlage ihrer Institution.
Trump, Museen und die Freiheit der Kunst
Auf die Ankündigung Trumps, das Smithsonian Institute mit Warnhinweisen versehen zu wollen, um angebliche Falschdarstellungen zu korrigieren, reagiert Ackermann mit Ironie: Offenbar müsse man die Wirkungsmacht von Kunst und Kultur sehr ernst nehmen, wenn man solche Schritte erwäge.
Überrascht habe sie das nur bedingt. Bei diesem Präsidenten, so sagt sie, erscheine vieles denkbar. Dennoch sei der Vorgang absurd. Zugleich zeige er, dass derzeit wieder heftig darum gerungen werde, welchen Platz Kunst und Kultur in der Gesellschaft einnehmen sollen.
Ackermann warnt davor, dass Kunst in autoritäreren Systemen oft als Bedrohung wahrgenommen, ideologisch vereinnahmt oder sogar bekämpft werde. In offenen Gesellschaften hingegen werde sie leicht als dekoratives Extra behandelt. Dabei seien Kunst und Kultur ein grundlegender Teil der gesellschaftlichen Infrastruktur. Gerade angesichts dessen, was man in den USA und anderswo beobachten könne, müsse die Freiheit der Kunst entschlossen verteidigt werden.

Bedrohte Werte auch in Deutschland
Auch hierzulande sieht Ackermann kulturelle und gesellschaftliche Errungenschaften unter Druck. Sie verweist auf Angriffe auf Werte, die über viele Jahre erkämpft wurden. Dazu zählt sie Vielfalt, Gleichberechtigung, die Auseinandersetzung mit kolonialer Vergangenheit und Fragen der Restitution.
Mit Blick auf die USA beschreibt sie eine Entwicklung, in der kritische Geschichtsaufarbeitung politisch attackiert werde. Stattdessen werde ein nationalistisch geprägtes, positives Geschichtsbild eingefordert. Auch Themen rund um LGBTQ würden dort zunehmend unterdrückt.
Scharfe Kritik an Attacken auf das Bauhaus
Besonders deutlich äußert sich Ackermann zu Äußerungen der AfD in Sachsen-Anhalt, die das Bauhaus als "Irrweg der Moderne" bezeichnet und statt "#moderndenken" lieber "#deutschdenken" propagieren würde. Solche Töne hätte sie sich vor einigen Jahren kaum vorstellen können.
Das Bauhaus sei eine der prägendsten kulturellen Bewegungen des 20. Jahrhunderts mit weltweitem Einfluss. Dass die Dessauer Institution heute mit Begriffen attackiert werde, die an die Sprache der Nationalsozialisten erinnerten, mit der einst die Schule geschlossen und ihre Vertreter verdrängt wurden, sei alarmierend. Daran dürfe man sich keinesfalls gewöhnen.
Vertrauen in Verfassung und Föderalismus
Sollte die AfD in Sachsen-Anhalt politischen Einfluss gewinnen, sieht Ackermann die Stiftung dennoch durch ihre föderale Struktur gestützt. Die SPK habe einen klaren Auftrag im föderalen System, den sie sehr ernst nehme.
Kunst und Kultur, so ihr Argument, funktionierten nach anderen Zeitmaßstäben als Tagespolitik. Während Regierungen wechselten, müssten kulturelle Einrichtungen belastbare und widerstandsfähige Strukturen schaffen. Darauf setze sie auch mit Blick auf internationale Kooperationen, selbst mit Staaten, deren Systeme nicht liberal seien. Ziel bleibe immer die Stärkung zivilgesellschaftlicher Räume.
Ackermann betont ihr Vertrauen in die Verfassung und in den deutschen Föderalismus. Dass Kulturhoheit bei den Ländern liege, habe auch mit den Lehren aus der NS-Zeit zu tun. Natürlich könne Kultur politisch unter Druck geraten, etwa über gekürzte Mittel. Doch so weit sei es derzeit noch nicht.
Das Pergamonmuseum öffnet teilweise wieder
Im kommenden Sommer sollen erste Bereiche des Pergamonmuseums wieder zugänglich sein. Ackermann kündigt an, dass besonders der große Altarsaal in neuer Schönheit zu sehen sein werde. Die Wandfarbe sei an den ursprünglichen, kühleren Blauton angepasst worden, der an den Himmel des Südens erinnern solle. Auch die Oberlichter seien instand gesetzt und gereinigt worden, sodass das ursprüngliche Tageslichtkonzept wieder erlebbar werde.
Zudem sei das Museum für Islamische Kunst komplett neu konzipiert worden. Besucherinnen und Besucher würden dort künftig stärker mit mehreren Sinnen angesprochen. Im Aleppo-Zimmer etwa spiele auch der Geruchssinn eine Rolle. Außerdem würden die kulturellen Verflechtungen im gesamten Mittelmeerraum deutlicher sichtbar gemacht.
Warum die Sanierungen so lange dauern
Die vollständige Wiedereröffnung des Pergamonmuseums ist erst für 2037 geplant. Auch die Staatsbibliothek soll ab 2030 für elf Jahre schließen. Ackermann erklärt die langen Zeiträume mit dem Umfang und der Komplexität der Arbeiten.
Bei der Staatsbibliothek werde praktisch das gesamte denkmalgeschützte Gebäude zerlegt und neu zusammengesetzt. Das verlange höchste Sorgfalt. Beim Pergamonmuseum komme hinzu, dass der Bau im wahrsten Sinne des Wortes auf schwierigem Untergrund stehe. Fundamente, Pfeiler und beweglicher Boden führten dazu, dass bei den Arbeiten immer wieder unvorhergesehene Probleme auftauchten.
Hinzu komme weiterer Sanierungsbedarf auf der Museumsinsel. Das Alte Museum müsse ebenfalls dringend grundlegend erneuert werden; dort gebe es inzwischen Risse in den Wänden. Eine Generalsanierung sei für die 2030er Jahre vorgesehen. Für Ackermann ist klar: Auch kulturelle Bauten gehören zur öffentlichen Infrastruktur und dürfen nicht vernachlässigt werden.
Vorläufig keine höheren Ticketpreise
Ob mit der Teilöffnung des Pergamonmuseums auch die Preise für Tagestickets auf der Museumsinsel steigen, verneint Ackermann vorerst. Zwar habe es zu Jahresbeginn eine Preisangleichung gegeben, die nicht leicht gefallen sei. Sie habe aber zu dringend benötigten Mehreinnahmen geführt.
Kurzfristig seien keine weiteren Preiserhöhungen geplant. Für das Publikum sei das eine klare Zusage. Der Einzelkartenverkauf für das Pergamonmuseum starte im Winter. Schon jetzt sei jedoch das Interesse an Gruppenführungen sehr groß; viele Reiseveranstalter hätten bereits gebucht.
Museum Berlin Modern: Feuchtigkeitsschaden bremst Bau leicht
Beim Neubau des Museums Berlin Modern, der neben der Neuen Nationalgalerie entsteht, soll ein im Frühjahr bekannt gewordener Feuchtigkeitsschaden bis Oktober behoben werden. Ackermann zufolge verzögert sich die Fertigstellung dadurch um einige Monate, was bereits kommuniziert worden sei.
Mehrkosten werde das naturgemäß verursachen. Insgesamt liege das Projekt finanziell aber weiterhin im Rahmen und sogar unter früheren Kostenschätzungen. Zugleich kündigt sie an, dass das Haus schon in den kommenden Jahren immer wieder künstlerisch bespielt werden solle.
20 Millionen Euro strukturelles Defizit
Finanziell bleibt die Lage der Stiftung angespannt. Ackermann spricht von einem strukturellen Defizit von rund 20 Millionen Euro, das die SPK seit Jahren mit sich trage. Im vergangenen Jahr habe die Stiftung dank zusätzlicher Mittel des Kulturstaatsministers und des Bundestags noch einmal 21 Millionen Euro erhalten und so das Jahr absichern können.
Immerhin sei die SPK eine der wenigen Kultureinrichtungen ohne aktuelle Kürzungen. Dafür zeigt sich Ackermann dankbar. Gleichzeitig stehe man erneut vor denselben Problemen: steigende Ausgaben für Bewachung, Sicherheit und Energie.
Deshalb müsse gespart werden. Der Vorstand habe entsprechende Maßnahmen beschlossen. Nötig seien eine sehr genaue Personalplanung und eine Konsolidierung der Ausgaben. Teilweise setze man auch auf Einmaleffekte, etwa durch den Verkauf von Immobilien. Auch externe Depotflächen seien sehr kostspielig.
Spenden beim Ticketkauf bringen zusätzlich Geld
Neben Einsparungen versucht die Stiftung auch, ihre Einnahmen zu erhöhen. Ein neues Instrument ist die Möglichkeit, beim Online-Kauf eines Tickets zusätzlich zu spenden – ähnlich wie es in vielen britischen Museen üblich ist.
Nach Angaben Ackermanns nutzen rund sechs Prozent der Online-Käufer diese Option. Nicht jeder finde ein solches Modell gut, räumt sie ein. Insgesamt komme jedoch ein beachtlicher Betrag zusammen. Menschen, die der Stiftung verbunden seien und ihre Einrichtungen schätzten, unterstützten sie auf diese Weise gern.
Reizüberflutung? Bei Kunst eher nicht
Zum Schluss wird Ackermann persönlicher gefragt, ob sie bei all den Eindrücken in Museen manchmal an ihre Grenzen komme. Sie antwortet mit einem augenzwinkernden Verweis auf ein kürzlich veröffentlichtes Foto ihres Hundes in der sogenannten "Dead Cockroach Pose" – mit allen Vieren in der Luft.
Ja, Reizüberflutung kenne sie durchaus, sagt sie. In ihrem aktuellen Amt helfe ihr aber, dass sie diese Aufgabe besonders systematisch angehe. Und wenn es um Kunst und Kultur gehe, sei sie eher unersättlich. Davon könne sie kaum genug bekommen.
Zur Person
Marion Ackermann ist 61 Jahre alt und leitet seit einem Jahr die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die als größte Kultureinrichtung Deutschlands gilt. Zur SPK gehören zahlreiche Museen, außerdem Bibliotheken, Archive und Forschungseinrichtungen. Die promovierte Kunsthistorikerin stand zuvor unter anderem der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen und den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden vor.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber