Sandra Hüller begeistert in mehreren Filmen – und entfacht neue Oscar-Spekulationen
Sandra Hüller besitzt eine Präsenz, die auf der Kinoleinwand besonders stark wirkt. Oft genügt schon ein kurzer Blick in ihr Gesicht, um feine Regungen wahrzunehmen. Genau das zeigt sich auch in ihrem neuen Film „Vaterland“, der am 3. September ins Kino kommt. Darin verkörpert sie Erika Mann, die vom Suizid ihres Bruders Klaus Mann erfährt.
Zunächst bleibt ihre Figur beinahe unbewegt. Später folgt ein emotionaler Ausbruch in der Nacht, den der Film jedoch nur aus der Distanz zeigt. Am nächsten Morgen scheint Erika äußerlich wieder gefasst zu sein – bis zu einem Telefonat mit ihrer Mutter Katia Mann, die in den USA lebt. Während die Mutter kühl über den Tod des Sohnes und die nötigen Formalitäten spricht, geraten Erika für einen kurzen Moment die Gefühle außer Kontrolle: In ihren Augen stehen Tränen.
BBC sieht Hüller als Kandidatin für gleich vier Oscars
Nach der Premiere von „Vaterland“ in Cannes bezeichnete die BBC diese Szene als möglichen „Oscar-Clip“. Der Sender stellte sogar die Prognose auf, Hüller könne im kommenden März bei den Academy Awards vier Nominierungen erhalten.
Hintergrund ist eine neue Regel: Erstmals können Darstellerinnen und Darsteller in derselben Kategorie für mehrere Rollen gleichzeitig berücksichtigt werden.
Laut BBC wäre Hüller damit für ihre Hauptrollen in „Vaterland“ und „Rose“ sowie für Nebenrollen in „Der Astronaut – Project Hail Mary“ und im Herbstfilm „Digger“ im Rennen.

Über „Digger“, den neuen Film von Oscar-Preisträger Alejandro González Iñárritu, ist bislang wenig bekannt. Fest steht jedoch, dass Hüller darin gemeinsam mit Tom Cruise vor der Kamera steht.
So reagiert Hüller selbst auf die Gerüchte
Auf die Spekulationen angesprochen – diesmal im Zusammenhang mit ihrem Film „Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“, der ebenfalls 2026 erschienen ist – bleibt Sandra Hüller gewohnt nüchtern.
„Ja, das ist doch interessant“, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Ob das tatsächlich eintreten könne, werde sich zeigen. Im Kern gehe es zunächst nur darum, dass es durch die neue Regel überhaupt erstmals technisch möglich sei.
Der Weg nach Hollywood ist für die 1978 in Suhl geborene Schauspielerin längst geebnet. Spätestens ihre Oscar-Nominierung für „Anatomie eines Falls“ machte sie dort zu einer festen Größe. Regisseurin Justine Triet sagte bereits 2023 in Cannes über Hüller, sie habe etwas schwer Fassbares, sei komplex und nie ganz zu durchschauen.
Kontrollierte Intensität als Markenzeichen
Gerade diese Mischung aus Zurückhaltung und innerer Spannung macht Hüllers Spiel so besonders. Ihre Figuren wirken oft beherrscht – und genau deshalb entfalten Momente, in denen diese Kontrolle bricht, eine umso größere Kraft.
Ein Beispiel dafür ist ihr Wutmonolog aus „Anatomie eines Falls“ („You’re not a victim …“), der in sozialen Netzwerken vielfach geteilt wurde und beinahe Meme-Status erreichte. Auch „Vaterland“ enthält einen eindrucksvollen Ausbruch. Auf der Filmplattform Letterboxd schrieb ein Nutzer, Hüllers wütende Schrei-Szenen würden seine Seele auf eine Weise nähren wie sonst nichts.
Ein anderer Kommentar dort lobte sie als wohl meistbeschäftigte Schauspielerin des Jahres und meinte, sie habe sich den Oscar im kommenden Jahr verdient. Die Vorfreude auf den Kinostart von „Vaterland“ von Regisseur Paweł Pawlikowski ist unter Filmfans entsprechend groß.
Auch „Rose“ sorgt für Auszeichnungsgespräche
Schon im April lief „Rose“ an, ebenso wie „Vaterland“ in Schwarz-Weiß gedreht. Auch hier erkannte die BBC eine Szene mit möglichem Oscar-Potenzial.
In dem Drama von Markus Schleinzer, das für Österreich ins Rennen um den sogenannten Auslands-Oscar geht, spielt Hüller eine Frau im 17. Jahrhundert, die sich als Mann ausgibt, um in ihrer Dorfgemeinschaft Anerkennung und Respekt zu erhalten. In einer zentralen Szene verteidigt sie sich in einer leidenschaftlichen Rede gegen die aufgebrachten Dorfbewohner – für die BBC ohne Zweifel preiswürdig.
Ernsthafte Figuren – mit trockenem Humor
Auch wenn Hüller häufig ernste Rollen übernimmt, blitzt in ihrem Spiel immer wieder leiser Humor auf. Das gilt selbst für den tieftraurigen Film „Rose“, der ihr bei der Berlinale im Winter den zweiten Silbernen Bären als beste Schauspielerin einbrachte.
Ihr Co-Star Ryan Gosling aus „Project Hail Mary“ bezeichnete sie sogar als die lustigste Person, mit der er je gearbeitet habe.
Wie „Rose“ kann auch „Vaterland“ sehr berührend sein. Pawlikowski erzählt darin eine vielschichtige und zärtliche Vater-Tochter-Geschichte und verbindet sie mit einem Blick auf die deutsche Nachkriegszeit. Gleichzeitig besitzt der Film auch humorvolle Momente – etwa wenn Erika Mann ihrem Vater Thomas Mann beim Auspacken trocken vorhält, er habe mehr Kram dabei als „die Dietrich“.
„Man sollte eine eigene Kategorie für Sandra Hüller schaffen“
Regisseur Jonathan Glazer, mit dem Hüller das Holocaust-Drama „The Zone of Interest“ drehte, äußerte sich in Cannes einmal scherzhaft zu ihren Chancen auf Filmpreise: Für Sandra Hüller müsse man eigentlich eine eigene Kategorie erfinden.
Die BBC beschrieb ihr Spiel am Beispiel von „Toni Erdmann“ als scharf beobachtet, würdevoll und gleichzeitig von einem wissenden Humor getragen – mit plötzlich hervorbrechendem Schmerz und Zorn, genau dann, wenn man es am wenigsten erwartet.
Dass die Oscar-Academy in den vergangenen Jahren internationaler und vielfältiger geworden ist, dürfte Hüllers Erfolg in Hollywood erleichtert haben. Der eigentliche Grund für ihre Wirkung liegt jedoch vor allem in ihrem Spiel selbst.
In „Vaterland“ zeigt sich das noch einmal besonders deutlich: Am Telefon flackern für einen winzigen Augenblick Verzweiflung und Trauer über ihr Gesicht. „Mama“, bringt Erika Mann stockend hervor, als hoffe sie auf einen Moment echter Nähe. Dann reißt die Verbindung ab – und ebenso schnell hat sie ihre Fassung wiedergefunden.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber