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Visa-Zoff um Russlands Turn-Star Melnikowa

In Kroatien holt Melnikowa Gold – doch bei der WM darf Russlands Turn-Star plötzlich nicht ran. Drei Visa-Absagen sorgen für Wirbel.

18.10.2026, 09:37 Uhr

Visa-Streit überschattet Turn-WM in Rotterdam

Arsenii Duchno hatte sportlich allen Anlass zur Zufriedenheit, verließ die Arena nach seinem Auftritt jedoch mit ernster Miene und ohne ein Wort. Zum Start der Turn-Weltmeisterschaften in Rotterdam führte der 18-Jährige die russische Männerriege mit dem drittbesten Zwischenstand im Einzel-Mehrkampf wie erwartet in die Spitzengruppe des Teamwettbewerbs. Anders als das Frauenteam konnte die Mannschaft in nahezu optimaler Besetzung antreten. In den Ergebnislisten wird Russland dabei wie schon bei der EM im August in Zagreb unter der Bezeichnung „World Gymnastics 2“ geführt.

Drei russische Top-Turnerinnen fehlen

Bei den Frauen ist die Lage deutlich problematischer: Ausgerechnet drei der stärksten Athletinnen aus Russland fehlen in der Ahoy Arena. Mehrkampf-Welt- und Europameisterin Angelina Melnikowa, die EM-Zweite Anna Kalmykowa sowie Viktoria Listunowa, die gemeinsam mit Melnikowa vor fünf Jahren in Tokio olympisches Teamgold gewann, bekamen kein Visum für die Niederlande.

Scharfe Kritik aus Moskau

Die verweigerte Einreise sorgt in Russland bis in höchste politische Ebenen für Empörung. Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte, die betroffenen Turnerinnen gehörten zur Weltspitze und seien mit dem Ziel angereist, um Medaillen zu gewinnen. Aus seiner Sicht versuchten einzelne Staaten, den Verlauf eines Wettkampfs zu beeinflussen, indem sie gezielt die stärksten Athletinnen ausschlössen.

Auch in Rotterdam wird die Entscheidung kontrovers diskutiert. Die Titelkämpfe haben große Bedeutung, weil dort bereits die ersten Startplätze für die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles vergeben werden. Die besten drei Teams qualifizieren sich direkt. Die russische Frauenmannschaft galt deshalb als heißer Kandidat auf Edelmetall.

Melnikowa zeigte sich in einem Instagram-Video tief getroffen. Sie sagte, sie wisse kaum, was sie fühlen solle, und innerlich wolle sie weinen. Gleichzeitig habe sie die Entwicklung irgendwie vorausgeahnt.

Verband spricht von Gefahr für internationale Beziehungen

Der russische Turnverband teilte mit, ein oder mehrere Staaten des Schengen-Raums betrachteten die Sportlerinnen offenbar als Gefahr für ihre internationalen Beziehungen. Melnikowa reagierte anschließend mit bitterem Humor und veröffentlichte auf Instagram ein Teamfoto von der EM in Zagreb, fokussiert auf sich und die 18-jährige Kalmykowa. Dazu schrieb sie sinngemäß, genau das würden die Niederlande offenbar als Bedrohung ansehen.

Schon bei der EM gab es Probleme

Bereits vor den Europameisterschaften in Kroatien hatte es Schwierigkeiten mit Visa gegeben. Damals konnten Melnikowa und Kalmykowa letztlich doch starten, allerdings wurden die Dokumente erst sehr kurzfristig ausgestellt und nicht für alle nominierten Turnerinnen. Nach Angaben von European Gymnastics war das Problem damals erst nach längeren Gesprächen zwischen der kroatischen Regierung, dem nationalen Verband und dem europäischen Turnverband gelöst worden.

Weltverband ohne Einfluss auf Visa-Entscheidung

Ähnliche Bemühungen des Weltverbandes FIG blieben diesmal erfolglos. Nach Angaben des Verbandes liegt die Entscheidung über Visa ausschließlich bei den niederländischen Behörden. Daher könne man nicht erklären, warum einzelne Anträge abgelehnt worden seien. Man stehe aber weiter im Austausch mit den Behörden in den Niederlanden, dem lokalen Organisationskomitee und dem russischen Verband.

Die FIG erklärte zudem, man bedaure die negativen Folgen für die Vorbereitung der russischen Delegation sowie die Verunsicherung innerhalb der gesamten WM. Generalsekretär Nicolas Buompane sagte am Tag vor dem Beginn der Titelkämpfe, der Weltverband habe alles versucht, um die niederländische Regierung von der Ausstellung aller Visa zu überzeugen.

Melnikowas politischer Hintergrund

Zusätzliche Aufmerksamkeit erhält der Fall durch Melnikowas jüngste politische Aktivitäten. Die 26-Jährige war 2025 als parteilose Kandidatin für Wladimir Putins Partei „Einiges Russland“ bei der Kommunalwahl in ihrer Heimatstadt Woronesch angetreten. Obwohl sie die Vorwahl gewann, zog sie ihre Kandidatur später zurück. Als Grund nannte sie, dass sich Wahlkampf und Vorbereitung auf internationale Wettkämpfe nicht miteinander vereinbaren ließen. Zugleich sagte sie, die Erfahrungen seien wertvoll gewesen – auch im Hinblick auf eine mögliche spätere Kandidatur für die Duma, das russische Parlament.

Start nur unter neutraler Bezeichnung

Trotz der Diskussionen dürfen russische und belarussische Teams in Rotterdam nur unter neutralem Status antreten. Flagge, Hymne und nationale Symbole sind weiterhin verboten. Russland erscheint daher als „World Gymnastics 2“, Belarus als „World Gymnastics 1“.

Beide Nationen waren seit Februar 2022 wegen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine und der Unterstützung durch Belarus von internationalen Wettkämpfen ausgeschlossen gewesen. Unter bestimmten Voraussetzungen waren Starts als neutrale Athleten später wieder möglich. Im Mai hoben der Weltverband und European Gymnastics schließlich alle Sanktionen auf.

Russisches Frauenteam trotzdem am Start

Am Montag gehen die russischen Frauen in Rotterdam nun mit den Team-Europameisterinnen Alena Glotowa und Ljudmila Roschtschina sowie Elisaweta Us, Alexandra Anufrejewa und Zlata Osokina an die Geräte.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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