Nathaniel Brown duzt inzwischen auch Manuel Neuer. Die anfängliche Ehrfurcht vor dem Rekord-Nationaltorhüter ist verflogen. Schließlich sorgte der Linksverteidiger, den in der Nationalmannschaft alle nur "Nene" nennen, beim 7:1 gegen Curaçao direkt für seinen ersten großen WM-Augenblick — und das gleich bei seinem Debüt auf der großen Bühne.
"Ich kann das kaum in Worte fassen, ich bin einfach nur in die Ecke gerannt", sagte Brown über seinen Jubel nach dem ersten Treffer im DFB-Trikot. Ob Neuer, Kai Havertz oder Bundestrainer Julian Nagelsmann als wichtiger Förderer: Die Begeisterung für Brown ist groß — und sie hängt nicht allein an seinem Tor in Houston.
Nagelsmann erkennt einen besonderen Moment
Auch dem Bundestrainer fiel nach dem Treffer etwas auf. Er habe bei Brown so etwas wie einen "emotionalen Flash" gesehen, sagte Nagelsmann. Dieser Gefühlsausbruch passt zu Browns rasantem Aufstieg in den vergangenen Wochen.
Nach seinem Länderspieldebüt im November rückte eine WM-Teilnahme erstmals in Reichweite. Mit dem ersten Startelfeinsatz im März gegen Ghana beim 2:1 wurde das Ticket noch greifbarer. Inzwischen ist Brown auf der lange problematischen linken Abwehrseite sogar erste Wahl — und gilt als Spieler mit großer Perspektive.
Anders als 2014, als Benedikt Höwedes als eigentlich gelernter Innenverteidiger auf der Außenbahn aushelfen musste, verfügt Nagelsmann diesmal in den USA mit Brown über einen echten Spezialisten. Der Frankfurter hat den bislang hoch eingeschätzten David Raum zunächst aus der Stammrolle verdrängt.

Auch bei Standards plötzlich gefragt
Im Spiel gegen Curaçao übernahm Brown sogar die Eckbälle und bereitete damit das Kopfballtor von Nico Schlotterbeck vor. Die Variante sei einstudiert gewesen. Dabei habe er sich Standardsituationen zunächst selbst gar nicht wirklich zugetraut. "Aber unser Standardtrainer hat gesagt: Du kannst das", erzählte Brown. Nagelsmann hatte schon zuvor angemerkt, Browns größtes Problem sei, dass er selbst noch gar nicht wisse, wie stark er eigentlich sei.
In der Mannschaft ist "Nene" längst ein Publikumsliebling. Das zeigt sich auch im Teamquartier in Winston-Salem, wo die Glückwünsche am spielfreien Dienstag weitergehen dürften: Dann feiert Brown seinen 23. Geburtstag.
Nagelsmann schwärmte regelrecht vom jungen Profi aus Kümmersbruck in der Oberpfalz. Brown sei ein ausgesprochen freundlicher, bescheidener und wissbegieriger Mensch, sagte der Bundestrainer. Gleichzeitig habe er einen gewissen Schalk, den er sehr schätze.
Aus Respekt vor Neuer noch zurückhaltend
Vor gut zwei Wochen war Brown mit diesem lockeren Auftreten noch vorsichtiger. Im Trainingslager in Franken hatte er sich noch gefragt, wie er Manuel Neuer überhaupt ansprechen dürfe. Sollte man eine solche Torwart-Ikone nicht lieber siezen? Inzwischen sprechen die deutschen Nationalspieler in höchsten Tönen von ihm.
"Wenn man sieht, wie der Junge jeden Tag arbeitet: Im ersten WM-Spiel so aufzutreten und direkt ein Tor zu machen, das ist in seinem Alter außergewöhnlich", sagte Kai Havertz. Solche Spieler brauche die Nationalmannschaft, ergänzte der englische Meister vom FC Arsenal, deshalb sei man sehr froh, Brown im Team zu haben.
Auch auf Vereinsebene hat Brown auf sich aufmerksam gemacht. Obwohl Eintracht Frankfurt eine insgesamt schwierige Saison hinter sich hat, konnte er persönlich überzeugen. Für die Rolle als Schienenspieler bringt er viel mit: Tempo, Robustheit in Zweikämpfen und ein gutes Gespür für Räume. Entsprechend wächst das Interesse anderer Clubs. Laut Transferportalen soll sich der FC Bayern München bereits mit ihm angenähert haben. Brown reagiert auf solche Spekulationen bislang gelassen — mit seinem typischen freundlichen Lächeln.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion