Debatte nach Kompany-Fall: Wie belastend ist der Spitzenfußball für Trainer?
Für Miroslav Klose steht die Gesundheit über allem. Max Eberl betonte, man müsse aufeinander achten. Und Julian Schuster sprach von Situationen, die einen spürbar mitnehmen. Der Vorfall um Vincent Kompany hat deutlich gemacht: Selbst im milliardenschweren Profifußball geht es um menschliche Grenzen. Die Frage lautet nun, wie hoch die Belastung für Trainer auf Topniveau tatsächlich ist – und welche Folgen das System für ihre Gesundheit haben kann.
Bereits bei seiner Vorstellung als Bayern-Coach hatte Kompany eine Haltung beschrieben, die heute in anderem Licht erscheint. Damals sagte der Familienvater, er kenne praktisch kein Leben neben dem Beruf. Arbeit sei sein Lebensstil, und der Trainerjob im Profifußball bedeute für ihn ständige Einsatzbereitschaft – rund um die Uhr, an sieben Tagen in der Woche.
Kompanys Prinzip: voller Einsatz ohne Pause
Mit dieser kompromisslosen Herangehensweise hat der 40-Jährige den FC Bayern wieder stabilisiert. Unter seiner Führung gewann der Rekordmeister Titel, trat spielerisch dominant auf und präsentierte sich als geschlossene, ehrgeizige Mannschaft.
Seit Kompanys Zusammenbruch am Freitag wird jedoch verstärkt gefragt, ob dieser permanente Einsatz womöglich zu viel war. Hätte man ihn bremsen oder besser schützen müssen? Hätte er zu mehr Erholung angehalten werden sollen?
Klare Antworten sind derzeit kaum möglich, weil öffentlich weiterhin keine genaue Diagnose bekannt ist. Zwar hatte Kompany vor dem Vorfall von einem "ziemlich heftigen Virus" gesprochen. Ob dieser tatsächlich der Auslöser war, blieb zunächst offen.

Eberl warnt vor vorschnellen Schlüssen
Bayerns Sportvorstand Max Eberl verwies darauf, dass der Job beim FC Bayern naturgemäß unter enormem Druck stattfinde. Wer für einen der größten Clubs der Welt arbeite, stehe dauerhaft im Fokus. Zugleich mahnte er zur Vorsicht in der Bewertung: Leistungsdruck sei das eine, eine Erkrankung das andere. Genau da verlaufe die sensible Grenze in der aktuellen Diskussion.
Aus Sicht des Sportpsychologen Oliver Stoll von der Universität Halle-Wittenberg gibt es im Trainerberuf mehrere Faktoren, die problematisch werden können. Wenn die Belastung dauerhaft hoch ist und Erholungsphasen fehlen, könne das Gleichgewicht kippen – mit der Folge, dass Menschen körperlich oder mental an ihre Grenzen geraten.
Dabei spiele es keine entscheidende Rolle, ob eine Mannschaft gegen den Abstieg kämpft oder um Titel spielt. Ausschlaggebend seien vor allem die Erwartungen im unmittelbaren Umfeld. Nach außen könne vieles geordnet wirken, ohne dass es im Inneren einer Person tatsächlich gut aussehe.
Kovac spricht von einem extrem fordernden Job
Auch Dortmunds Trainer Niko Kovac hält den Beruf für außergewöhnlich intensiv. Im Tabellenkeller laste großer Druck auf einem Team, an der Spitze wiederum werde fast selbstverständlich erwartet, dass man alles gewinnt – was kaum zu schaffen sei. Diese Dauerspannung werde zusätzlich von außen verstärkt. Zudem nähmen viele Trainer die Themen des Tages mit nach Hause.
Stoll nennt drei zentrale Voraussetzungen, um dauerhaft im Gleichgewicht zu bleiben: ausreichend guter Schlaf, eine vernünftige Ernährung und bewusste mentale Auszeiten. In der Praxis sei das allerdings schwer umzusetzen – besonders in Phasen mit dichtem Spielplan, wenn internationale Teilnehmer innerhalb weniger Wochen neun Partien absolvieren. Freiburgs Trainer Julian Schuster sagte dazu, Coaches seien trotz aller Privilegien in solchen Abläufen auch ein Stück weit gefangen.
Die Anforderungen enden ohnehin nicht mit Anpfiff oder Training. Trainer müssen sich um Ersatzspieler kümmern, mit Vereinsverantwortlichen sprechen, das Trainerteam führen, Medienfragen beantworten und die Erwartungen von Fans aushalten. Gegneranalysen, Spielvorbereitung, Aufstellungen und Erklärungen nach Niederlagen gehören ständig dazu. Schuster beschrieb es so: Es gebe Tage, an denen die eigene Energie fehle, man sie aber trotzdem liefern müsse. Genau solche Momente zehrten an einem.
Henke erkennt Widersprüche in der Debatte
Michael Henke, langjähriger Assistent von Ottmar Hitzfeld, sieht in der aktuellen Diskussion auch eine gewisse Doppelmoral. Er erinnert daran, wie heftig Julian Nagelsmann kritisiert wurde, als dieser im März 2023 nach einer Niederlage in Leverkusen für einige Tage ins Zillertal zum Skifahren fuhr. Damals sei vielerorts Unverständnis zu hören gewesen – heute werde dagegen gefordert, man müsse Trainer wie Kompany besser schützen.
Nagelsmann verlor seinen Posten noch vor der Rückkehr nach München. Zwar waren in erster Linie die sportlichen Leistungen ausschlaggebend, doch auch der Kurztrip stand plötzlich im Mittelpunkt.
Damals hatte Uli Hoeneß erklärt, Nagelsmann hätte nach dem Spiel in Leverkusen nicht in den Skiurlaub fahren dürfen. Auch Ex-Nationalspieler Markus Babbel äußerte Unverständnis darüber, dass ein Trainer nach einer solchen Niederlage ausgerechnet Skifahren gehe.
Für Sportpsychologe Stoll war die Kritik jedoch überzogen. Gerade solche bewussten Unterbrechungen seien mitunter notwendig. Aus seiner Sicht hatte Nagelsmann damals sogar genau das getan, was in einem so fordernden Beruf sinnvoll sein kann: rechtzeitig eine Auszeit nehmen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber