Sané zwischen Rückendeckung und Kritik vor dem nächsten WM-Spiel
Als Leroy Sané den Golfwagen auf das Trainingsgelände am W. Dennie Spry Stadium lenkt, tun Antonio Rüdiger und Jamal Musiala gut daran, sich festzuhalten. Mit viel Tempo bringt der Offensivspieler das Elektrofahrzeug hinter der Tribüne in Winston-Salem zum Stehen. Eine ähnlich dynamische Vorstellung hätten sich viele auch beim 7:1 der deutschen Nationalmannschaft zum WM-Auftakt gegen Curaçao gewünscht.
Dort blieb der 30-Jährige jedoch hinter den Erwartungen zurück. Erneut steht Sané damit im Mittelpunkt der Debatte um seine Rolle im Team von Bundestrainer Julian Nagelsmann. Während für das zweite Gruppenspiel am Samstag (22.30 Uhr/ZDF und MagentaTV) zehn Positionen in der Startelf als weitgehend gesetzt gelten, ist ausgerechnet sein Platz wieder offen.
Warum Sané weiter beginnen könnte
Nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Lennart Karl kurz vor der WM-Generalprobe gegen die USA setzte Nagelsmann auf Sané als rechte Offensivkraft. Diese Entscheidung kam nicht zufällig: Der Coach hatte den Flügelspieler von Galatasaray Istanbul schon länger als ernsthaften Kandidaten für diese Rolle eingeplant.
Auch in den Trainingseinheiten und im täglichen Auftreten gab es offenbar keinen Grund, ihn in der Hierarchie zurückzustufen. Zudem zahlte Sané das Vertrauen zunächst zurück: Beim 2:1 in Chicago erzielte er den wichtigen Siegtreffer und gab der Mannschaft damit zusätzlichen Schwung für das Turnier.
Nagelsmann kennt den richtigen Hebel
Schon in der Vergangenheit fand Nagelsmann Wege, Sané zu reizen und zu motivieren. Nach einer deutlichen Ansprache im November traf der Offensivmann beim 6:0 in der WM-Qualifikation gegen die Slowakei doppelt. Damals sagte der Bundestrainer über ihn: Er könne auf dem Platz alles, müsse es aber konsequent abrufen.

Deshalb ist nicht ausgeschlossen, dass auch diesmal eine interne Botschaft Wirkung zeigt – gerade mit Blick auf das anstehende Duell in Toronto gegen körperlich robuste Afrikaner. Nagelsmann weiß, dass bei Sané vor allem zählt, wie viel Energie und Einsatz er investiert. Daran mangelte es gegen Curaçao nicht, wohl aber an der Effizienz vor dem Tor.
Ein Wechsel in der Anfangsformation hätte zudem Folgen für die Statik der Mannschaft. Würde etwa der formstarke Joker Deniz Undav ins Team rücken, müsste Kai Havertz wohl eine andere Rolle übernehmen. Als direkte Alternativen auf dem Flügel kämen Jamie Leweling, Maximilian Beier oder vielleicht Assan Ouedraogo infrage – allesamt Spieler ohne WM-Erfahrung.
Hinzu kommt Sanés Routine. Mit 77 Länderspielen und 17 Treffern gehört er zu den erfahrensten Kräften im Kader. Gegen Curaçao standen nur Manuel Neuer mit 125 Einsätzen und Kapitän Joshua Kimmich mit 111 Länderspielen noch häufiger für Deutschland auf dem Feld. Wenn das Turnier anspruchsvoller wird, kann genau diese Erfahrung wichtig werden. Außerdem gilt Sané innerhalb der Mannschaft als ausgesprochen beliebt – was schon die gemeinsame Fahrt mit Musiala und Rüdiger im Golfwagen zeigte.
Warum ein Platz auf der Bank ebenfalls nachvollziehbar wäre
Auf der anderen Seite ist eine Weltmeisterschaft kein Raum für Experimente. Entscheidend sollte allein die Leistung sein – und genau daran entzündet sich bei Sané seit Jahren Kritik. Trotz seines unbestrittenen Talents gelang es ihm in wichtigen Turniermomenten bislang zu selten, sein Potenzial wirklich auszuschöpfen. Seine Bilanz von null Toren in 13 Einsätzen bei großen Turnieren spricht für seine Kritiker eine deutliche Sprache.
Auch beim Spiel in Houston fiel vielen wieder seine mitunter lockere Körpersprache auf, die bei Fans schnell als fehlende Entschlossenheit ankommt. Wer selbst gegen Curaçao seine Möglichkeiten nicht nutzt, dem wird es gegen internationale Topteams kaum leichter fallen, wenn jede Chance sitzen muss. Ein Blick auf seine bisherige Turniergeschichte nährt diese Zweifel zusätzlich.
Frühere Turniere lieferten wenig Argumente
Bei der EM 2016 galt Sané noch als großes Zukunftsversprechen und genoss als 20-Jähriger eine Art Welpenschutz. Zwei Jahre später setzte Joachim Löw jedoch ein hartes Signal und strich ihn im Trainingslager in Südtirol überraschend aus dem WM-Kader. 2022 in Katar bremste ihn eine Verletzung, bei den Europameisterschaften 2021 und 2024 blieben seine zehn Einsätze ohne nachhaltigen Eindruck.
Auch Nagelsmann musste mit ihm bereits schwierige Phasen erleben. Im EM-Test 2023 gegen Österreich sah Sané nach einer Tätlichkeit Rot und nährte damit erneut das Bild des schwer kontrollierbaren Ausnahmespielers. Seine Kritiker fühlten sich spätestens bestätigt, als der Bundestrainer im November öffentlich klarstellte, dass Sané nicht unbegrenzt Gelegenheiten bekommen werde, sich zu empfehlen. Gegen Curaçao ließ er aus Sicht vieler Beobachter erneut eine davon ungenutzt.
Entscheidung mit Signalwirkung
Vor dem zweiten WM-Gruppenspiel steht Nagelsmann daher vor einer heiklen Abwägung. Setzt er weiter auf Sanés Erfahrung, Tempo und das Vertrauen in dessen Durchbruch? Oder folgt er konsequent dem Leistungsprinzip und verändert die Offensive? Klar ist: Die Diskussion um Sanés Stellenwert im DFB-Team ist längst wieder entfacht.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion