Fußball

Proteste vor Irans WM-Start spitzen sich zu

Irans WM-Duell gegen Neuseeland ist schon vor dem Anpfiff hochbrisant – Fans setzen im Stadion ein starkes Zeichen.

16.06.2026, 01:52 Uhr

Iran ringt Neuseeland in politisch aufgeladenem WM-Spiel ein 2:2 ab – und beklagt schwierige Bedingungen

Nach einem in vielerlei Hinsicht besonderen WM-Auftakt haben sich die iranischen Nationalspieler nach dem Schlusspfiff umarmt. Vor dem Hintergrund des Kriegs in der Heimat und der jüngsten Nachrichten über ein geplantes Rahmenabkommen mit den USA kam der Iran in Inglewood bei Los Angeles nach zweimaligem Rückstand zu einem 2:2 (1:1) gegen Neuseeland. Sportlich verhinderte das Team damit einen Fehlstart in ein Turnier, an dem es zwischenzeitlich beinahe gar nicht hätte teilnehmen können.

"Wir sind nicht glücklich, weil wir denken, dass wir den Sieg verdient gehabt hätten", sagte Torschütze Ramin Rezaeian nach dem Spiel. "Aber so ist der Fußball manchmal. Ich muss meinen Teamkollegen, meinen Freunden danken, den Menschen im Iran, sie verdienen mehr." Im anschließenden Interview machte Rezaeian zugleich deutlich, dass er nur über Fußball sprechen wolle.

Vor der versammelten Weltpresse wollten Irans Kapitän Mehdi Taremi und Torschütze Mohammad Mohebi später ebenfalls nicht schnell wieder verschwinden. Obwohl ein FIFA-Mitarbeiter die Gesprächsrunde früh beenden wollte, beantworteten beide minutenlang Fragen. Dabei wurden zwei Botschaften deutlich: Dank an die vielen iranischen Fans in Los Angeles – und deutliche Kritik an den Rahmenbedingungen rund um das Turnier.

Taremi dankt den Fans und fordert Hilfe von der FIFA

"Zunächst einmal möchte ich unsere Fans in Los Angeles erwähnen. Die Atmosphäre während des Spiels war unglaublich – über die gesamten 90 Minuten hinweg", sagte Taremi. Trotz heftiger Buh-Rufe und Pfiffe während der iranischen Nationalhymne waren die Unterstützer der Mannschaft nach dem Anpfiff lautstark in der Mehrheit.

Zugleich schilderte der Stürmer die Belastung für das Team. "Wisst ihr, das ist alles ein Desaster für uns", sagte Taremi mit Blick auf die schwierigen Umstände, unter denen der Iran dieses Turnier bestreiten muss. Noch am Spieltag sollte die Mannschaft wieder nach Mexiko zurückreisen, die Anreise nach Kalifornien am Vortag war erst kurzfristig möglich geworden – womöglich auch wegen der wenige Stunden zuvor publik gewordenen Aussicht auf ein Abkommen zur Beendigung des Kriegs.

"Ich denke, die FIFA muss uns mehr helfen", forderte Taremi. Er berichtete zudem von einem Kabinenbesuch von FIFA-Präsident Gianni Infantino, der Unterstützung zugesagt habe.

Trainer Ghalenoei beklagt Fremdsteuerung

Auch Trainer Amir Ghalenoei äußerte seinen Frust offen. Besonders ärgerte ihn, dass die Mannschaft nicht wie erhofft am Tag nach dem Spiel eine Regenerationseinheit in Los Angeles abhalten konnte. "Sie haben gesagt, wir müssen sofort gehen", sagte er laut offizieller Übersetzung. "Wir sind sehr verstört darüber. Wir wissen nicht, warum sie uns zurückschicken, ehrlich gesagt. Es wirkt komisch. Es wirkt, als machen andere die Pläne für uns." Ghalenoei fügte hinzu: "Wir sind das am meisten unterdrückte Team der Welt."

Lange war unklar gewesen, ob der Iran überhaupt an der Weltmeisterschaft teilnehmen würde. Die monatelange kriegerische Auseinandersetzung zwischen den USA und Israel auf der einen sowie dem Iran auf der anderen Seite hatte die Teilnahme des Landes zum Politikum gemacht. Eine unmittelbare Einreise aus dem Iran in die Vereinigten Staaten war praktisch nicht möglich. Das WM-Quartier wurde deshalb nach Mexiko verlegt.

Sportlich verhindert der Iran einen Fehlstart

Neuseeland ging durch Elijah Just in der 7. Minute in Führung, obwohl der Iran in dieser Phase zunehmend die Kontrolle übernahm. Rezaeian glich in der 32. Minute aus. Nach dem Seitenwechsel traf Just in der 54. Minute erneut für die Kiwis, ehe Mohammad Mohebi in der 64. Minute per Kopf das 2:2 erzielte.

Der Iran verfolgt bei seiner siebten WM-Teilnahme das Ziel, erstmals die Vorrunde zu überstehen. Rezaeian belohnte die stärker werdenden Angriffsbemühungen noch vor der Pause. Nach dem Seitenwechsel ließ der Iran Neuseeland dann aber zu leicht zu Chancen kommen. Immer wieder öffneten sich Räume, die Just zur erneuten Führung nutzte. In dieser Phase rutschte der Iran zwischenzeitlich wieder ans Ende der Gruppe, gab aber nicht auf. Nach Vorarbeit von Rezaeian köpfte Mohebi schließlich zum erneuten Ausgleich ein.

Auch nach dem frühen Rückstand waren immer wieder "Iran, Iran"-Rufe zu hören, nahezu jeder iranische Angriff wurde lautstark begleitet. Sportlich tat sich der Iran zunächst aber schwer, die neuseeländische Defensive zu überwinden. Zwar setzte das Team immer wieder zu schnellen Angriffen an, doch die Kiwis verteidigten zunächst stabil und blieben über Konter gefährlich. Irans Torwart Alireza Beiranvand verhinderte mit einer Parade gegen Liberato Cacace in der 30. Minute einen weiteren Gegentreffer.

Pfiffe bei der Hymne, Jubel bei den Toren

Schon vor dem Anstoß war rund um das große Stadion die politische Brisanz deutlich zu spüren. Zahlreiche Besucher zeigten alte iranische Fahnen aus der Zeit vor der Islamischen Revolution, die als Symbol der Opposition gelten. Während des Abspielens der iranischen Nationalhymne waren in der Arena laute Pfiffe zu hören. Die iranischen Spieler standen geschlossen im Mittelkreis und hielten jeweils eine Hand auf die Brust. Auf der Ehrentribüne verfolgte FIFA-Präsident Gianni Infantino die Szene.

Taremi wich später der Frage aus, ob es innerhalb der Mannschaft Überlegungen gegeben habe, wie bei der WM in Katar auf das Mitsingen der Hymne zu verzichten. Seine Antwort fiel allgemein aus: "Wir spielen für die Iraner in allen Ecken der Welt." Gegen Neuseeland sangen alle Spieler mit.

Der Zwiespalt vieler Fans war im Stadion klar zu erkennen: Die Hymne stand für manche für die Führung in Teheran, die Mannschaft aber für die Menschen im Iran, die sich nach Freude sehnten. Entsprechend waren bei den iranischen Treffern laute Jubelstürme zu hören.

Fahnen und Plakate im Stadion beschlagnahmt

Auch vor dem Stadion und auf den Rängen war der Protest sichtbar. Viele Fans machten deutlich, dass sie aus ihrer Sicht nicht die Führung in Teheran, sondern die Menschen im Iran unterstützen. Ein Anhänger sagte: "Ich freue mich, hier die Menschen im Iran zu unterstützen, ich unterstütze nicht das Regime."

In der Arena griffen Ordner mehrfach ein. Nach einem Gerichtsbeschluss durfte die FIFA die sogenannte "Löwe-und-Sonne"-Flagge einkassieren. Immer wieder waren Sicherheitskräfte bei entsprechenden Maßnahmen zu sehen. Zugleich wurden nach Angaben aus dem Stadion auch Plakate beschlagnahmt, die den Kurs Teherans unterstützten. Daneben waren aber weiterhin viele aktuelle iranische Fahnen zu sehen.

Zu den auffälligsten Botschaften gehörten auch Plakate mit der Aufschrift "Minab168", bevor Ordner einschritten. Hintergrund ist ein US-Angriff in Minab am Persischen Golf, bei dem Ende Februar nach Angaben auf den Transparenten mindestens 168 Schülerinnen zwischen sieben und zwölf Jahren ums Leben gekommen waren. An anderer Stelle zeigte eine Gruppe ein Banner mit Verweis auf die gewaltsame Niederschlagung der Proteste in Teheran zum Jahreswechsel mit Tausenden Opfern.

Politische Botschaften bei großen Turnieren wertet der Weltverband FIFA seit jeher als Problem und geht mal mehr, mal weniger rigoros dagegen vor. In dem riesigen Stadion bei Los Angeles waren die Bekundungen sowohl für als auch gegen den Kurs Teherans jedoch kaum vollständig einzudämmen. Schon lange vor dem Anpfiff hatten sich Hunderte Menschen vor der Arena versammelt, zu gewaltsamen Protesten kam es nicht.

Große Unterstützung für den Iran in Südkalifornien

Trotz der klaren politischen Botschaften blieb die Atmosphäre friedlich. Bei 70.108 Zuschauerinnen und Zuschauern kam es zu keinen Ausschreitungen, die Stimmung war phasenweise sogar ausgelassen. Die Einigung der USA mit dem Iran auf die Unterzeichnung eines Rahmenabkommens an diesem Freitag zur Beilegung des Kriegs hatte zuletzt Hoffnungen auf Entspannung vor der Partie geweckt. Viele Details der Vereinbarung sind bislang allerdings weiter offen.

An den Kräfteverhältnissen auf den Rängen änderte auch der zweimalige Rückstand nichts. Südkalifornien gilt als Heimat der größten iranischen Gemeinschaft außerhalb des Irans, entsprechend groß war die Unterstützung für die Auswahl von Trainer Ghalenoei. Nach beiden Ausgleichstreffern war der Jubel deutlich lauter als bei den neuseeländischen Toren.

Mohebi erklärt seinen umstritten wirkenden Jubel

Auch einzelne Szenen nach den Toren wurden im politischen Kontext besonders aufmerksam betrachtet. Mohebi jubelte nach seinem 2:2 mit Fingern und Armen so, dass die Geste als angedeutete Pistolenschüsse in die Luft verstanden werden konnte. Wegen des Kriegs erhielt auch dieser Moment sofort politische Deutungen.

Mohebi selbst wies einen besonderen Hintergrund jedoch zurück. Der Jubel sei ihm spontan in den Sinn gekommen. "Und ich wollte das für alle Fans machen, einfach als Jubel", sagte er. Gerade in der aufgeheizten Lage wurde nach dem Spiel deutlich, wie vorsichtig die iranischen Spieler mit öffentlichen Aussagen umgehen.

Alles rund um Irans Teilnahme bei dieser WM bleibt damit hochbrisant: sportlich, organisatorisch und politisch.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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