Fußball

Der «Fahnenträger»: Kimmich erlebt die WM neu

Kimmichs dritte WM startet anders als je zuvor: Als Kapitän wartet gleich ein brisanter Härtetest – Nagelsmann tüftelt schon.

16.06.2026, 09:56 Uhr

Selbst am trainingsfreien „Family Day“ bleibt Joshua Kimmich bei der deutschen Nationalmannschaft im Mittelpunkt. Während andere Zeit mit ihren Angehörigen verbringen, übernimmt der Kapitän weiter Verantwortung. Seine Frau Lina und die vier gemeinsamen Kinder werden erst zum dritten Gruppenspiel gegen Ecuador nach New York reisen und anschließend mit ins DFB-Quartier nach Winston-Salem kommen. Nach fast drei Wochen bei der Nationalmannschaft freut sich der 31-Jährige schon jetzt sehr darauf.

Aktuell läuft der Familienkontakt vor allem per Telefon am Morgen. Kimmich berichtete mit einem Lächeln, dass er nicht den Eindruck habe, dass zu Hause etwas aus dem Ruder laufe – und falls doch, würde seine Frau es ihm wohl nicht sofort sagen. Weil damit am freien Tag kein privates Programm anstand, stellte sich Kimmich an der Wake Forest University in Winston-Salem stattdessen rund 40 Minuten lang den Medien und sprach über die Stimmung im DFB-Lager nach dem eindrucksvollen 7:1 gegen Curaçao.

Nach dem Torfestival wartet nun der erste echte Prüfstein

Der Blick geht längst nach vorn – auf das zweite Gruppenspiel an diesem Samstag um 22.00 Uhr in Toronto gegen die Elfenbeinküste, übertragen von ZDF und MagentaTV. Kimmich machte deutlich, dass jetzt die Partien beginnen, an denen sich das wahre Leistungsvermögen der Mannschaft ablesen lasse. Erst gegen solche Gegner werde sich zeigen, wo Deutschland bei diesem Turnier wirklich steht.

Auch Bundestrainer Julian Nagelsmann nutzt den freien Tag nicht zur Erholung. Obwohl ihn in den USA seine Frau Lena und seine Mutter besuchen, arbeitet er mit Trainerteam und DFB-Scouts intensiv am Matchplan für das Spitzenspiel der Gruppe E. Das 1:0 der Ivorer gegen Ecuador wurde bereits detailliert ausgewertet.

Nagelsmann warnte erneut vor der Qualität der nächsten Gegner. Sowohl die Elfenbeinküste als auch Ecuador seien extrem stark, körperlich sehr präsent, schnell und mit zahlreichen Topspielern besetzt. Nach dem lockeren Auftaktsieg gegen Curaçao ist intern deshalb klar: Der erste ernsthafte Härtetest steht jetzt bevor. Und auch mit Blick auf die mögliche K.o.-Phase erwartet der Bundestrainer steigende Anforderungen – wer weiterkommt, trifft in einem Turnier normalerweise auf noch stärkere Gegner.

Kimmich wartet bei einer WM noch immer auf ein K.o.-Spiel

Für Kimmich ist es die dritte Weltmeisterschaft, erstmals führt er die Nationalmannschaft dabei als Kapitän an. Sportdirektor Rudi Völler beschrieb seine Rolle mit deutlichen Worten und nannte ihn den Fahnenträger der Mannschaft. Für die Mitspieler sei er ein Vorbild, für Nagelsmann der klare Anführer auf dem Platz.

Das Turnier in Nordamerika hat für Kimmich mit einem ungewohnten Gefühl begonnen: einem Auftaktsieg. Bei den enttäuschenden WM-Turnieren 2018 in Russland und 2022 in Katar hatte Deutschland jeweils das erste Spiel verloren. Nach dem starken Start in Houston ist die Hoffnung nun groß, dass Kimmich beim XXL-Turnier in den USA, Kanada und Mexiko erstmals auch ein Spiel in der K.o.-Runde erleben wird.

Eine persönliche Abrechnung mit den schwachen Weltmeisterschaften der Vergangenheit will Kimmich daraus aber nicht machen. Es gehe ihm nicht darum, alte Fehler auszuradieren, betonte er. Die früheren Turniere seien präsent – auch für ihn selbst. Jetzt zähle jedoch vor allem die neue Chance.

Zusätzliche Bedeutung bekommt der klare Sieg gegen Curaçao für ihn auch deshalb, weil andere große Fußballnationen bereits gestrauchelt sind. Aus Kimmichs Sicht zeigt das: Ein derart überzeugender Start ist keineswegs selbstverständlich – auch wenn der Gegner nicht zur Weltspitze gehörte.

Zwischen Anspannung und Führungsstärke

Beim deutlichen Erfolg gegen Curaçao war Kimmich die Last vergangener WM-Erfahrungen zunächst noch anzumerken. Vor allem in der ersten Halbzeit wirkte er ungewohnt fahrig und nicht vollends gelöst. Nach der Pause zeigte er dann aber wieder sein gewohntes Niveau und bereitete die Tore von Jamal Musiala und Deniz Undav vor.

Schon vor dem Turnier hatte Kimmich betont, wie viel ihm eine Weltmeisterschaft bedeutet. Für einen Profi gebe es kaum etwas Größeres, als das eigene Land zu vertreten. Diese Haltung lebt er in den USA sichtbar vor.

Hoffnung auf ein gutes Ende für eine einst gefeierte Generation

Die Bilanz jener Spielergeneration um die Jahrgänge 1995/96, die einst als besonders verheißungsvoll galt, ist auf Turnierebene bislang ernüchternd. Zu dieser Gruppe zählen neben Kimmich auch Leon Goretzka und Jonathan Tah, während frühere Hoffnungsträger wie Niklas Süle oder Timo Werner inzwischen keine Rolle mehr im Nationalteam spielen. Kimmich kennt diese enttäuschende Statistik – und setzt alles daran, seiner DFB-Karriere doch noch ein erfolgreiches WM-Kapitel zu geben, auch wenn ihm bewusst ist, dass sich Turniererfolg nie komplett erzwingen lässt.

Seine eigenen Vorlieben ordnet er dabei dem Mannschaftserfolg unter. Obwohl er beim FC Bayern lieber im Zentrum spielt, übernimmt er im Nationalteam die Rolle des Rechtsverteidigers, weil sie dem Team am meisten hilft. Von dort aus wirkt er oft wie ein versteckter Spielmacher.

Auch abseits des Platzes versucht Kimmich, alle mitzunehmen. Der vierfache Familienvater betrachtet die Nationalmannschaft ebenfalls als eine Art Familie. Gerade in einer Gruppe, die erfahrene Kräfte wie den 40 Jahre alten Manuel Neuer mit jungen Spielern wie Assan Ouedraogo verbindet, hält er Zusammenhalt für entscheidend. Kimmich hat das Gefühl, dass nach Jahren der Umbrüche und Rückschläge wieder eine echte Einheit entsteht.

Kimmich denkt auch an die 150-Länderspiele-Marke

Dass diese Weltmeisterschaft seine letzte sein könnte, hält Kimmich eher für unwahrscheinlich. Er machte schon vor dem Turnier deutlich, dass er noch einige Jahre für Deutschland spielen möchte. Angesichts seiner Konstanz, seiner geringen Verletzungsanfälligkeit und seiner hohen Einsatzquote erscheint sogar ein historischer Meilenstein möglich: Langfristig könnte er Lothar Matthäus als deutschen Rekordnationalspieler angreifen. Solche Zahlen jage man zwar nicht aktiv, sagte Kimmich – doch die Marke von 150 Länderspielen habe man natürlich im Kopf.

In der Hierarchie der Nationalmannschaft nimmt er längst eine Schlüsselrolle ein. Auch die Rückkehr des früheren Kapitäns Manuel Neuer ändert daran nichts. Völler beschreibt Kimmich als wichtiges Sprachrohr des Bundestrainers und verweist auf den besonders engen Draht zwischen ihm und Nagelsmann.

Nach der Ankunft in Winston-Salem standen Trainer und Kapitän nach der ersten Einheit noch lange gemeinsam auf dem Platz und unterhielten sich. Dieses Bild unterstrich noch einmal, welchen Stellenwert Kimmich im DFB-Team besitzt. Nagelsmann hat ihm für dieses Turnier einen klaren Auftrag mitgegeben: die Mannschaft anzuführen – im besten Fall bis ganz nach oben.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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