Fußball

Nagelsmanns WM-Plan: Schluss mit «Freizeitfahrt»

Gruppensieg gefeiert – jetzt droht Nagelsmanns kniffligste WM-Falle. Warum das Ecuador-Spiel heikler ist als viele denken.

23.06.2026, 11:02 Uhr

Nagelsmann warnt vor Nachlässigkeit trotz sicherem Gruppensieg

Nach einem entspannten Familientag im Quartier der deutschen Nationalmannschaft zog über Winston-Salem ein kräftiges Gewitter auf. Für Bundestrainer Julian Nagelsmann kam der Donner fast wie ein mahnendes Signal: Nach zwei überzeugenden WM-Auftritten darf die Spannung nun keinesfalls abfallen.

Mit dem 7:1 gegen Curaçao und dem 2:1 gegen die Elfenbeinküste hat sich das DFB-Team den Gruppensieg bereits gesichert. Gerade darin liegt jedoch eine Gefahr. Das abschließende Vorrundenspiel gegen Ecuador am Donnerstag (22.00 Uhr/ARD und MagentaTV) ist sportlich zwar ohne Bedeutung für Platz eins, soll aber dennoch mit voller Ernsthaftigkeit angegangen werden. Ein Nachlassen könnte sich im weiteren Turnierverlauf rächen.

Kein Raum für Bequemlichkeit

Nagelsmann hatte bereits nach dem Spiel in Toronto klargemacht, dass er keinerlei Urlaubsstimmung aufkommen lassen will. Siege seien das beste Mittel, um fokussiert zu bleiben, betonte er. Die Mannschaft befinde sich schließlich nicht auf einer Vergnügungsreise.

Zwar gibt es im Teamhotel Möglichkeiten zur Ablenkung wie Padel, Tischtennis oder Basketball, doch für den Bundestrainer steht das Sportliche klar im Vordergrund. Ausflüge oder andere Extras, die vom Kernauftrag ablenken könnten, passen nicht in seinen Plan. Auch deshalb fiel die Wahl des Quartiers auf die professionellen Bedingungen an der Wake Forest University.

Nagelsmanns Ziel ist nun, die Balance zu finden: genug Frische erhalten, ohne den Rhythmus zu verlieren. Dazu gehört auch, mit der personellen Belastung klug umzugehen. Der Ausfall von Nico Schlotterbeck ist zwar kein Einschnitt, der das gesamte Gefüge verändert, erinnert aber daran, dass ein Turnier schnell neue Herausforderungen bereithält.

WM 2026 - Deutschland Training
Manuel Neuer bereitet sich auf den nächsten WM-Einsatz vor. Quelle: Federico Gambarini/dpa

Rotation ja, aber mit Augenmaß

Antonio Rüdiger erklärte bereits, für eine Rolle in der Innenverteidigung bereit zu sein. Welche Spieler gegen Ecuador geschont werden und wer die Chance von Beginn an erhält, will Nagelsmann von den Eindrücken im Training und von Gesprächen mit den Spielern abhängig machen.

Auch die Nutzung von Deniz Undav ist offen. Nach seinen drei Treffern stellt sich die Frage, ob er erneut als Joker kommt oder erstmals in die Startelf rückt. Nadiem Amiri rechnet allerdings nicht mit größeren Experimenten.

Fokus auf das Jetzt statt auf die K.-o.-Runde

Selbst für erfahrene Turnierbegleiter wie Rudi Völler oder Manuel Neuer ist die Lage ungewohnt. In der langen deutschen WM-Geschichte war das Team vor dem letzten Gruppenspiel noch nie bereits sicher auf Rang eins. Genau deshalb will Nagelsmann verhindern, dass die Gedanken schon zum ersten K.-o.-Spiel am kommenden Montag in Foxborough wandern.

Sein Ansatz ist klar: volle Konzentration auf das nächste Spiel, kleinere Dinge verbessern und dadurch automatisch auch auf die K.-o.-Phase vorbereitet sein. Ecuador ist zwar nur die letzte Station auf dem Weg ins Sechzehntelfinale, bleibt aber ein WM-Spiel, das mit der nötigen Ernsthaftigkeit bestritten werden muss.

Amiri betonte ebenfalls, wie wichtig es sei, im Lauf zu bleiben. Jeder weitere Erfolg stärke das Selbstvertrauen und halte den positiven Rhythmus aufrecht.

Drei Gruppensiege wären etwas Besonderes

Drei Siege in einer WM-Vorrunde gelangen Deutschland zuletzt 2006. Interessanterweise war das bei keinem der vier späteren Titelgewinne der Fall. Für Amiri ist die Marschroute dennoch eindeutig: Gegen Ecuador solle die Mannschaft auftreten, als gehe es um ein Endspiel. Diese Wortwahl mag etwas groß klingen, dem Grundgedanken dürfte Nagelsmann aber zustimmen.

Natürlich plant der Trainerstab bereits über das Ecuador-Spiel hinaus. Wegen des engen Spielplans ist das unvermeidbar. Zwischen dem dritten und vierten Turnierspiel liegen nur vier Tage. Die Weiterreise in Richtung Boston wurde deshalb von Samstag auf Sonntag verschoben. So bleibt die Mannschaft in ihren gewohnten Abläufen, was in einem Turnier oft ein wichtiger Faktor ist.

Der nächste Gegner bleibt lange offen

Nagelsmann betonte zwar, dass der volle Fokus zunächst auf einem Sieg gegen Ecuador liege. Dennoch erschwert ein Detail des XXL-WM-Formats die Vorbereitung: Durch die zwölf Gruppen und die Wertung der besten Gruppendritten gibt es hunderte mögliche Konstellationen.

Bis zum Wochenende wird sich das Feld der denkbaren Gegner zwar verkleinern, endgültige Klarheit dürfte es aber wohl erst am späten Samstagabend geben. Für eine detaillierte Vorbereitung ist das ungewöhnlich spät. Als wahrscheinlichste Gegner gelten derzeit Schottland, Paraguay oder Australien.

Unabhängig davon zählt für Nagelsmann im Moment nur eines: Gegen Ecuador soll der positive Turnierfluss erhalten bleiben.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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