Fußball

Nagelsmann da – dieser Abgang überrascht

Nach dem WM-Debakel taucht Nagelsmann in München auf – doch dann entwischt er den Kameras heimlich durch den Hinterausgang.

01.07.2026, 12:01 Uhr

Nagelsmann reist nach WM-Aus ohne öffentliche Worte zurück

Bundestrainer Julian Nagelsmann ist nach dem frühen Aus der deutschen Nationalmannschaft bei der WM ohne Stellungnahme nach Deutschland zurückgekehrt. Der 38-Jährige landete mit Flug LH429 aus Charlotte in München, kam bei strömendem Regen am Flughafen an und verließ das Terminal über einen Hinterausgang. Rund ein Dutzend Journalistinnen und Journalisten warteten vergeblich auf ein Statement, Fans waren nicht vor Ort.

Nagelsmann reiste nach der großen Enttäuschung nicht allein, sondern gemeinsam mit seiner Frau Lena und seiner Mutter Burgi. Von einem erhofften festlichen Empfang nach einem möglichen WM-Coup war bei der nüchternen Rückkehr nichts zu spüren.

Schon vor dem Abflug hatte Nagelsmann angedeutet, wie kritisch die Stimmung in Deutschland nach dem Scheitern sein dürfte. Auf die Frage nach der Unterstützung der Fans sagte er: „Wenn man heute eine Umfrage macht, dann habe ich die nicht.“ Zudem räumte er ein: „Es würde nicht jeder unterschreiben, dass ich Bundestrainer bleibe.“

Kimmich nicht an Bord, Pavlovic äußert sich kurz

Mit im selben Flugzeug saßen auch die Bayern-Profis Jamal Musiala und Aleksandar Pavlovic. Musiala nahm ebenfalls nicht den Hauptausgang. Pavlovic verließ das Terminal zwar auf dem üblichen Weg, sagte aber zumindest kurz bei Sky: „Ja, wir sind alle sehr traurig und ja, ist sehr bitter gelaufen jetzt.“

DFB-Kapitän Joshua Kimmich war hingegen nicht mit an Bord und blieb zunächst für eine Auszeit in den USA. Andere Nationalspieler wie Kai Havertz und Nick Woltemade meldeten sich derweil in sozialen Netzwerken ausführlicher zum Scheitern.

Ein anderer Teil der DFB-Delegation war bereits am frühen Morgen in Frankfurt gelandet. Dort wurden unter anderem die Nationalspieler Angelo Stiller und Jamie Leweling vom VfB Stuttgart sowie Co-Trainer Benjamin Hübner nach der Ankunft gesehen. Auch sie verzichteten auf ausführliche Aussagen zum vorzeitigen WM-Ende.

Diskussion um Nachfolge nimmt Fahrt auf

Mit der Rückkehr nach Deutschland hat die Debatte über Nagelsmanns Zukunft deutlich an Schärfe gewonnen. Besonders häufig fällt in Medien und Öffentlichkeit der Name Jürgen Klopp. Der frühere Liverpool-Coach, inzwischen Head of Global Soccer bei Red Bull, gilt für viele als Wunschlösung für einen personellen Neuanfang.

Wie aufgeheizt die Lage ist, zeigte sich sogar direkt nach der Landung: An einem Zeitungskiosk am Flughafen sprang Nagelsmann die Schlagzeile „Jetzt muss Klopp kommen“ entgegen. Auf dem Boulevard scheint die Richtung damit klar vorgegeben.

Klopp analysiert die WM derzeit noch für MagentaTV. Ob es bereits im Hintergrund Gespräche über ein mögliches Engagement gibt, ist offen.

Hummels wird zum Wortführer der Kritiker

Auch Ex-Nationalspieler Mats Hummels machte keinen Hehl aus seiner Haltung. Als TV-Experte sprach er sich klar für einen Wechsel auf der Trainerposition aus. Zugleich räumte er ein, dass seine Sicht auch emotional geprägt sei.

Hintergrund ist auch die gemeinsame Vorgeschichte: Nagelsmann hatte Hummels 2023 zu Beginn seiner Amtszeit noch als wichtige Stütze für die Defensive zurückgeholt, ihn nach wenigen Spielen aber wieder aussortiert.

Bei MagentaTV sagte Hummels: „Deswegen bin ich logischerweise emotional in eine Richtung gedrängt. Aber wenn man die ganze Faktenlage gerade so sieht, würde ich sagen: Es muss sich auf der Trainerposition etwas ändern.“

Die Entscheidung liegt allerdings nicht bei ehemaligen Spielern oder TV-Experten, sondern vor allem bei DFB-Präsident Bernd Neuendorf und den zuständigen Gremien.

DFB steht vor sportlichen und finanziellen Fragen

Beim DFB dürfte die Aufarbeitung erneut nicht im Eiltempo erfolgen. Der Verband will die Gründe für das wiederholte Scheitern gründlich analysieren. Neuendorf hatte bereits angekündigt, dass man nach einem „derartigen Tiefschlag“ nicht einfach zur Tagesordnung übergehen werde. Stattdessen wolle man in Ruhe erörtern, warum die Mannschaft ihr Potenzial nicht abrufen konnte.

Neben den sportlichen Folgen spielt auch die wirtschaftliche Seite eine Rolle. Das Aus in der Zwischenrunde brachte dem DFB nur elf Millionen Dollar an FIFA-Prämien ein. Nach den bereits im Vorfeld geäußerten Sorgen über die hohen Kosten des XXL-Turniers deutet vieles darauf hin, dass die WM für den Verband zu einem Zuschussgeschäft in siebenstelliger Höhe geworden ist.

Hinzu kommt, dass ein möglicher Trainerwechsel teuer werden könnte. Über die genaue Vertragsgestaltung von Nagelsmann bis zur EM 2028 gibt es unterschiedliche Angaben. Klar ist aber: Sollte es zur Trennung kommen, müsste der DFB nicht nur sportlich, sondern wohl auch finanziell eine weitreichende Entscheidung treffen.

Auch Völler gerät mit in den Fokus

Im Zuge der Diskussionen steht nicht nur Nagelsmann im Blickpunkt. Auch Rudi Völler ist eng mit der Personalie verbunden, schließlich galt Nagelsmann bei dessen Verpflichtung als Wunschlösung. Weil Völler intern stark mit dem Bundestrainer verbunden ist, könnte auch seine Zukunft bei den Beratungen eine Rolle spielen.

Erinnerungen an 2018 und 2022

Das aktuelle Krisenszenario weckt Erinnerungen an die deutschen WM-Enttäuschungen von 2018 und 2022. Damals setzte der DFB zunächst jeweils auf Kontinuität, ehe die Probleme später umso deutlicher zutage traten.

Nach dem Turnier in Katar wurde sogar eigens eine prominent besetzte Taskforce gegründet. Am Ende führte der Weg dennoch zu einem späteren Wechsel auf der Bundestrainer-Position und zur Verpflichtung Nagelsmanns. Die Historie erhöht nun den Druck auf den Verband, diesmal schneller und klarer zu handeln.

Niederlande ziehen schneller Konsequenzen

Wie rasch ein Verband auf ein WM-Aus reagieren kann, zeigt ausgerechnet der kommende Gegner. Nach dem Zwischenrundenaus gegen Marokko trat der niederländische Bondscoach Ronald Koeman zurück. Nagelsmann hat einen eigenen Rücktritt dagegen bislang klar ausgeschlossen.

Viel Zeit bleibt dem DFB nicht. Schon am 24. September trifft Deutschland in der Nations League auf die Niederlande – also auf einen Gegner, der personell bereits Konsequenzen gezogen hat und beim Neustart einen zeitlichen Vorsprung besitzt.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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