Historischer Abend im Aztekenstadion
Trotz einer einstündigen wetterbedingten Verzögerung hat Co-Gastgeber Mexiko bei der WM ein mächtiges Ausrufezeichen gesetzt. Vor 80.824 Fans im ausverkauften Aztekenstadion bezwang die Mannschaft von Javier Aguirre Deutschland-Bezwinger Ecuador mit 2:0 und begeisterte vor allem in der ersten Halbzeit mit einem phasenweise berauschenden Auftritt.
Die Treffer erzielten Julián Quiñones in der 22. Minute und Raúl Jiménez neun Minuten später. Quiñones bereitete das 2:0 zudem vor. Nach dem Schlusspfiff wurde das Land zur Fußball-Party: Aus den Lautsprechern dröhnte „El Rey“, die weiterhin voll besetzten Ränge sangen lautstark mit, und auf der Prachtstraße Reforma in Mexiko-Stadt feierten Berichten zufolge rund eine Million Menschen ihre Mannschaft.
Trainer Javier Aguirre sprach von einem ganz besonderen Abend. Mexiko habe schon große Siege erlebt, aber keinen wie diesen. Für den Nationalcoach war es sogar das wichtigste Spiel seiner Karriere. Zur Feier des Abends kündigte er an, sich noch ein Glas Whiskey zu gönnen.
Historischer Erfolg nach 40 Jahren
Für Mexiko war es der erste Sieg in einem WM-K.-o.-Spiel seit 40 Jahren. Zuletzt gelang das 1986 – ebenfalls im Aztekenstadion – beim 2:0 gegen Bulgarien am 15. Juni. Damals war im Viertelfinale Schluss, als Mexiko in Monterrey im Elfmeterschießen an Deutschland scheiterte.
Die mexikanische Zeitung „Esto“ schrieb, es hätten 40 lange Jahre voller Frust, schmerzhafter Rückschläge und Enttäuschungen vergehen müssen, ehe die Nationalmannschaft wieder ein K.-o.-Spiel bei einer Weltmeisterschaft gewinnen konnte.
Der vierte Sieg im vierten Turnierspiel unterstreicht die Ambitionen der Gastgeber zusätzlich. Mexiko ist im laufenden Wettbewerb weiterhin ohne Gegentor. Schon bei den Heim-Weltmeisterschaften 1970 und 1986 erreichte das Team jeweils das Viertelfinale – nun lebt sogar der Traum vom ganz großen Wurf.
Achtelfinale gegen England in der WM-Festung Azteca
Im Achtelfinale trifft Mexiko nun auf England. Die Mannschaft von Thomas Tuchel setzte sich mit 2:1 gegen die Demokratische Republik Kongo durch, wobei Harry Kane mit einem Doppelpack zum Matchwinner wurde.
Auch diese Partie wird wieder im Aztekenstadion ausgetragen, wo „El Tri“ bei einer Weltmeisterschaft noch nie verloren hat. Die Erwartungen im Land steigen mit jedem Sieg. Stürmer Santiago Giménez formulierte die Zielsetzung entsprechend selbstbewusst: Wer Weltmeister werden wolle, müsse jeden Gegner schlagen.
Auch international wächst die Anerkennung. Der britische „Guardian“ schrieb, Mexiko habe Ecuador mit einer atemberaubenden ersten Halbzeit auseinandergenommen – nach dieser Vorstellung solle sich der nächste Gegner besser in Acht nehmen. Frankreichs Sportblatt „L’Équipe“ prophezeite bereits, dass auch das kommende Spiel wieder ein Wahnsinn werden könne.
Seismische Ausschläge und Quiñones‘ Antwort an Kritiker
Wie groß die Euphorie inzwischen ist, zeigte sich nicht nur auf den Straßen. Medienberichten zufolge registrierten sogar Seismographen in Mexiko-Stadt Ausschläge beim Jubel nach dem Führungstor von Quiñones.
Der in Kolumbien geborene Angreifer, dessen Einsatz für Mexikos Nationalteam von manchen Landsleuten immer wieder kritisch gesehen wird, reagierte nach dem Spiel gelassen. Er werde niemandem sagen, er solle schweigen, betonte Quiñones. Wenn er in Zeiten der Kritik nichts gesagt habe, werde er es jetzt erst recht nicht tun. Stattdessen hob er harte Arbeit, Zusammenhalt und die Unterstützung der Familien hervor.
Raúl Jiménez traf mit seinem sehenswerten 2:0 erneut bei diesem Turnier. Mit nun 47 Länderspieltoren ist der routinierte Angreifer alleiniger Zweiter in Mexikos ewiger Torschützenliste. Auf Rekordhalter Javier Hernández fehlen ihm noch fünf Treffer.
Erst Gewitter, dann glänzt Wunder-Teenager Mora
Kurz vor dem Anpfiff zog ein schweres Gewitter mit Starkregen über das Stadion, sodass die Begegnung aus Sicherheitsgründen um eine Stunde verschoben werden musste. Mexiko ließ sich davon jedoch nicht aus dem Konzept bringen.
Besonders der erst 17 Jahre alte Gilberto Mora prägte die Anfangsphase. Der Wunder-Teenager wirbelte, half bei der Chancenproduktion und setzte Ecuador fast durchgehend unter Druck. Mexiko kontrollierte Ball und Gegner und trat phasenweise noch überzeugender auf als in den Gruppenspielen.
Nach der Pause zog sich die Mannschaft etwas zurück, bewies aber auch Verwalter-Qualitäten. In bislang vier WM-Spielen hat Mexiko weiterhin kein einziges Gegentor kassiert.
Lob von Ibrahimovic und Henry – Lira schwärmt vom Heimvorteil
Nach dem Schlusspfiff wollten die Spieler den Platz kaum verlassen und kosteten ihre Ehrenrunde aus. Mittelfeldspieler Erik Lira sagte, die Mannschaft sei bereit für alles, was sie sich vornehme. Die Erfahrungen dieses Turniers werde er sein Leben lang nicht vergessen.
Besonders hob Lira den Heimvorteil hervor. Wenn man auf dem Platz stehe und nach draußen schaue, sehe man bedingungslose Unterstützung – genau das liebe er. Auch gegen England werde Mexiko davon wieder profitieren wollen.
Auch prominente Stimmen aus der Fußballwelt zeigten sich beeindruckt. Zlatan Ibrahimovic lobte, Mexiko habe vom ersten Moment an klargemacht, wer der Boss im Ring sei, und sprach von der bislang besten Leistung des Teams. Thierry Henry schwärmte vor allem von den ersten 30 Minuten: Genau so nehme man ein Publikum mit.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber