DFB-Neustart nach dem nächsten WM-Rückschlag: Es fehlt vor allem an echter Spitzenqualität
Wer Anfang September den ersten Kader für die Nations League benennt, wird keine ideale Ausgangslage vorfinden – egal ob weiterhin Julian Nagelsmann, Jürgen Klopp oder ein anderer Trainer verantwortlich ist. Das größte Problem des deutschen Fußballs bleibt auch mit Blick auf die EM 2028 bestehen: Es mangelt an Spielern von absolutem Weltformat.
Antonio Rüdiger brachte die Ursachen des frühen WM-Aus gegen Paraguay deutlich auf den Punkt. Nach Ansicht des Abwehrspielers fehlte der Mannschaft in den entscheidenden Momenten sowohl vorne als auch hinten die nötige Präsenz. Dazu komme ein Defizit an Cleverness und Qualität im Vergleich zu anderen Nationen.
Hummels sieht Defizite auf fast allen Positionen
Die bittere Erkenntnis lautet: Deutschland verfügt derzeit nur über wenige Akteure mit internationaler Spitzenklasse, dafür aber über etliche Spieler, die diesem Anspruch nicht gerecht werden. Ex-Weltmeister Mats Hummels formulierte es als TV-Experte klar: In vielen Mannschaftsteilen fehle die individuelle Klasse, nur auf wenigen Positionen sei sie vorhanden.
Selbst die größten Hoffnungsträger wie Jamal Musiala und Florian Wirtz konnten beim Turnier in den USA nicht dauerhaft auf Weltklasse-Niveau überzeugen. Im Vergleich mit der hochkarätig besetzten Offensive Frankreichs um Kylian Mbappé, Ousmane Dembélé oder Michael Olise wird die Lücke besonders sichtbar.
Trotzdem bleiben Musiala und Wirtz als Offensivduo weiterhin zentrale Figuren für die Zukunft. Hoffnung machen zudem Talente wie der verletzte Bayern-Youngster Lennart Karl, Überraschungsmann Nathaniel Brown oder Innenverteidiger Malick Thiaw.

Junge Spieler sollen den Umbruch tragen
Auch Aleksandar Pavlovic zählt zu den Kandidaten für den Neuaufbau. Gleiches gilt für Torwart Jonas Urbig, der bei der WM als Trainingskeeper dabei war und beim FC Bayern vom langjährigen Stammkeeper Manuel Neuer profitieren konnte – und wohl weiter profitieren wird.
Der personelle Wandel dürfte deutlich ausfallen müssen. Dennoch wird der bisherige WM-Kader mangels echter Alternativen vorerst das Gerüst bilden, wenn Deutschland am 24. September in der Nations League auf die Niederlande trifft – ebenfalls ein Team, das bei der WM enttäuscht hat.
Welche erfahrenen Spieler bleiben noch eine Option?
Bei einigen Routiniers stellt sich die Frage, ob ihre Zeit im Nationalteam endet. Neben Manuel Neuer betrifft das auch Oliver Baumann, Pascal Groß und Leon Goretzka. Rüdiger selbst wäre beim nächsten großen Turnier bereits 35 Jahre alt. Ob er weitermacht, ließ er nach dem Aus offen. Die grundsätzliche Bereitschaft sei zwar da, sagte er, doch nach der Enttäuschung wolle er erst einmal Abstand gewinnen und im Urlaub nachdenken – auch über die künftige Trainerfrage.
Ganz ohne ältere Führungsspieler wird es aber nicht gehen. Joshua Kimmich kündigte bereits an, weiter für einen Turniererfolg kämpfen zu wollen. Der Münchner möchte zudem Kapitän bleiben und dürfte darauf hoffen, künftig wieder im Mittelfeld eingesetzt zu werden.
Auch Jonathan Tah bleibt als Abwehrstütze wichtig. Gleiches gilt für Deniz Undav, der als torgefährlicher Joker wertvoll ist. Im Angriff stellt sich ohnehin schnell die Frage: Wer soll sonst zuverlässig treffen?
Offene Personalfragen im Tor und im Angriff
Spannend wird auch, ob Marc-André ter Stegen nach einem möglichen Abschied aus Barcelona noch einmal eine große Rückkehr ins DFB-Tor schaffen kann. Ebenso könnte Serge Gnabry nach seiner verletzungsbedingten WM-Abwesenheit wieder eine Rolle spielen.
Bei Leroy Sané dagegen bleibt fraglich, welchen Platz er künftig einnimmt. Hinter ihm drängen weitere junge Offensivkräfte nach vorne: Neben Lennart Karl gilt auch Said El Mala aus Köln als interessanter Kandidat. Der nachnominierte Assan Ouedraogo bringt ebenfalls viel Potenzial für die kommenden Jahre mit.
Noch ist nicht alles verloren
Rüdiger forderte nach dem dritten enttäuschenden WM-Auftritt in Folge eine schonungslose Analyse. Gleichzeitig gibt es im Kader etliche Spieler in einem Alter, in dem ein Trainer noch Entwicklung anstoßen kann. Dazu zählt etwa Nico Schlotterbeck, sofern er nach seiner schweren Fußverletzung wieder vollständig fit wird.
Auch Felix Nmecha, Kai Havertz und Nick Woltemade gehören zu den Spielern, bei denen noch Luft nach oben vorhanden ist. Nadiem Amiri wiederum nutzte seine wenigen Einsatzminuten bei der WM ordentlich. Aus seiner Sicht fehlte Deutschland vor allem das, was Paraguay reichlich mitbrachte: Einsatz, Biss und die Bereitschaft, alles auf dem Platz zu lassen.
Der Neustart des DFB wird also nicht nur eine Frage neuer Namen auf der Trainerbank sein. Vor allem geht es darum, aus einem Kader mit erkennbaren Grenzen wieder eine Mannschaft zu formen, die international konkurrenzfähig ist.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber